#architektur

Zwischen Gedanken wohnen

Mitten im dichten Stadtgefüge Seouls steht ein Einfamilienhaus, das Ruhe, Privatsphäre und Licht neu denkt. A Model of Sporadic Thoughts zeigt, wie sich selbst auf engstem Raum ein Ort der Geborgenheit erschaffen lässt.

Sporadische Gedanken. Privatsphäre. Und Licht. Mitten in Nokbeon-dong, einem dicht besiedelten Wohnviertel im Westen von Seoul, steht ein Einfamilienhaus, das nicht nur einen klanghaften Namen trägt, sondern auch ein besonderes Konzept verfolgt, das bis ins kleinste Detail durchdacht ist. A Model of Sporadic Thoughts („Ein Modell sporadischer Gedanken“) ist nun Teil des Stadtbilds im Bezirk Yangcheon-gu. Gerade diese Gegend gehört zu den sich langsam modernisierenden Teilen der südkoreanischen Hauptstadt. Noch von der Nachkriegszeit geprägt, stehen hier vor allem niedrige Wohnhäuser entlang enger Straßen sowie zahlreiche kleine Mehrstockgebäude.

A model of sporadic thoughts von außen.

Typische koreanische Kleinteilhäuser dieser Art gibt es seit den 1980er- und 1990er-Jahren. Sie besitzen meist zwei bis drei Obergeschosse und wurden in unmittelbarer Nähe zueinander errichtet. Nokbeon-dong gilt deshalb auch als ideale Gegend für Familien. Allerdings kann genau diese Enge und Nähe zu den Nachbarhäusern zur Herausforderung werden, wenn ein Architekturbüro ein Eigenheim entwerfen soll, das Rückzug und Privatsphäre ermöglicht. Deshalb haben FHHH friends in ihrem Konzept jeden noch so kleinen Winkel des Hauses auf Ruhe und Stille ausgerichtet.

Es werde Licht

Im Zentrum des Entwurfs steht die Beleuchtung des Hauses. Ganz bewusst arbeiten die Architekten mit diffusem Licht, sodass möglichst wenige Schatten entstehen. Dank der Südwest-Ausrichtung durchflutet natürliches Licht die Räumlichkeiten insbesondere am Morgen und bleibt bis in die späten Tagesstunden. Eine massive Nordfassade blockiert nicht nur die Blicke der Nachbarn, sondern lässt Helligkeit indirekt über einen Glasvorhang ins Innere eindringen, ohne ein Gefühl der Enge zu erzeugen.

Diffuses Licht spielt hier eine große Rolle.
Neben der gewünschten Privatsphäre soll auch diffuses Licht eine große Rolle spielen.

Kleine Deckenleuchten verbinden die Räume – Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche – miteinander und schaffen einen harmonischen „Lichtpfad“ durch das Haus. „Ich stellte mir die Lichtwege als eine Art Versorgungsleitung vor, ähnlich wie Rohrleitungen. Doch im Gegensatz zu gewöhnlichen Versorgungsräumen werden sie von Menschen bewohnt“, erklärt Yoon Hanjin, einer der drei leitenden Architekten von FHHH friends. Licht erfüllt hier nicht nur eine funktionale Aufgabe, sondern erzeugt eine warme Atmosphäre, die bis in die späten Abendstunden spürbar bleibt.

Rückzug nach innen

Auf insgesamt 103 Quadratmetern entfaltet sich A Model of Sporadic Thoughts. Entscheidend ist dabei das introvertierte Design: Statt auf Ausladungen ins Freie wird die Aufmerksamkeit bewusst ins Innere gelenkt. Zwar lassen große Fensterfronten wie erwähnt viel Helligkeit in die Räume, doch der Blick fällt auf graue Betonwände, die wie ein schützender Zaun wirken.

Das Musikzimmer wird ebenfalls durch die Betonwand abgeschirmt und erhält zudem einzelne Pflanzen als Dekoration.
Die Betonwände werden durch Pflanzen begrünt …

Das Schlafzimmer wird durch die Betonwand abgeschirmt.
… und dienen zudem als eine Art schützender Zaun.

Einzelne grüne Pflanzen zwischen den beiden Fassaden tragen zum ruhigen Charakter bei und lockern den harten Eindruck der Betonflächen auf. Direkt am Eingang befindet sich ein schmaler Pfad, der zu einer Treppe führt. Diese wiederum leitet hinauf aufs Dach, wo sich eine kleine Terrasse befindet. Auf einen zusätzlichen Vorgarten wurde verzichtet, um die maximale Fläche für das Haus zu nutzen.

Urbanes Leben, neu gedacht

Das Haus mit dem besonderen Namen  A Model of Sporadic Thoughts, der gleichzeitig sein Motto darstellt, soll das perfekte Heim für ein junges Paar werden. Ein Ort, der trotz dichter Bebauung genügend Raum für das gemeinsames Leben bietet. Diesen Auftrag haben FHHH friends mit reichlich Bedacht umgesetzt. Sie sind ist ein junges Architekturbüro aus Seoul, das die drei Freunde Yoon Hanjin, Han Seungjae und Han Yangkyu im Jahr 2013 gründeten. Ihr Fokus liegt auf Wohn-, Büro- und Kulturbauten in urbanen Kontexten. 2019 wurden sie als „Young Architects of the Year“ ausgezeichnet.

Das Dach des Hauses wird durch einzelne Pflanzen begrünt.
Das Dach bleibt dem Stil des Projekts treu und verbindet zudem den urbanen Raum mit dem Eigenheim.

2022 wurde das Haus fertiggestellt. Es greift den urbanen Kontext des eng bebauten Stadtviertels auf und interpretiert ihn neu. „Wie erwartet habe ich während des gesamten Designprozesses ständig sporadische Gedanken zum Thema Licht geäußert. Um zu sehen, ob diese Ideen in der Realität funktionieren, habe ich Modelle erstellt, sie wiederholt getestet und überprüft“, erklärt Yoon Hanjin. Der Name dieses Projekts ist somit im wahrsten Sinne des Wortes Programm.

Text: Katarina Andraschko
Bilder: Kyung Rho

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