Verdichtung statt Zersiedelung
Es muss nicht immer ein Chaletdorf sein, wie das Apartmenthaus Tinnes im Bregenzerwald zeigt. Der dreigeschossige Holzbau ist der ökologische Gegenentwurf dazu. Dafür hat der Bauherr jeden einzelnen Baum selbst ausgesucht und zugeschnitten.
Dass Österreich europaweit Platz eins beim Bodenverbrauch belegt, zeigt sich vielerorts auch in der touristischen Architektur der Alpenrepublik. Da wäre etwa das Phänomen der Chaletdörfer, die im Akkord pseudotraditionelle Hütten in unberührte Hänge stanzen und weder ökologisch noch sozial verträglich sind. Organisationen wie der Naturschutzbund kritisieren diese Fragmentierung der Landschaften seit vielen Jahren und fordern eine flächensparende Raum- und Siedlungsentwicklung. Dass hochwertige touristische Unterkünfte weder einer verkitschten Typologie folgen noch die Landschaft verhütteln müssen, zeigt das Apartmenthaus Tinnes.
Es liegt am Ortsrand der Gemeinde Schoppernau im hinteren Bregenzerwald und setzt mit seinem Volumen auf die vertikale Verdichtung. Entworfen von Johannes Kaufmann und Partner, liefert dieser dreistöckige Bau den architektonisch stringenten Gegenentwurf zum flächenfressenden Hütten-Konzept. Wo ein Chaletdorf oft Dutzende kleiner Einheiten über die Landschaft streut und damit den Flächenverbrauch auf ein Maximum treibt, setzt dieses Apartmenthaus auf die Intelligenz des Volumens.
Holz, Holz und nochmal Holz
Das kompakte Haus beherbergt einen Mix aus sieben Ferienapartments und sechs Mietwohnungen. Das Untergeschoss ist in mineralischer Massivbauweise mit einer Tiefgarage ausgeführt. Der Rest des Hauses – inklusive Wände, Decken, Böden, Mobiliar und Dach – ist aus Holz gefertigt.
Insgesamt stecken in diesem Bauprojekt rund 1.000 Kubikmeter Holz, was für eine sehr gute Ökobilanz sorgt. Durch den Holzbau konnten einerseits andere, emissionsintensive Baustoffe vermieden werden. Andererseits sind in dieser Menge an Holz rund 1.000 Tonnen CO2 gespeichert. Holz besteht nämlich zu etwa 50 Prozent aus Kohlenstoff, der zuvor der Atmosphäre in Form von Kohlendioxid entzogen wurde.
Gebaut mit dem Holz vor der Tür
Für die Umsetzung des Holzbauprojekts hat Bauherr Thomas Kopf jeden Baum selbst ausgesucht und auf der Bandsäge zugeschnitten. Eine Maschine, die den ehemaligen Sägewerksbetreiber in dritter Generation ein berufliches Leben lang begleitet hat. „Wir haben die Räume mit dem erschaffen, was uns der Wald gegeben hat“, erklärt er feierlich und macht damit klar, welcher Spirit hinter diesem Projekt steckt.
Wir haben die Räume mit dem erschaffen, was uns der Wald gegeben hat.
Thomas Kopf, Bauherr und ehemaliger Sägewerksbetreiber
Jede Fichte und Tanne, die hier verbaut wurde, ist praktisch vor der Haustür gewachsen, im Wald von Au-Schoppernau. Zusammen mit den Bäumen sei auch die gesamte Wertschöpfung in der nächsten Umgebung geblieben. Denn: „Alle Handwerksbetriebe, die mitgewirkt haben, sind im hinteren Bregenzerwald beheimatet.“ Dazu zählen etwa die Zimmerei und Tischlerei Kaufmann, die Fensterbau Schwarzmann und die Tischlerei Rüscher.
Bregenzerwälder Handwerkskultur
Die Wände des Wohnhauses bestehen aus gedämmten Holzrahmenelementen, die Decken und Dachscheiben sind in Massivholz ausgeführt. Anstatt industriell vorproduzierte Holzbauteile zu verwenden, entschied man sich bewusst dafür, alle Elemente lokal und von kleinen Traditionsbetrieben anfertigen zu lassen. Das lokal geerntete Holz legte also keine langen Transportwege zurück, sondern blieb vom Sägewerk bis zur Baustelle stets in der Region. Auf diese Weise ist mit dem Haus ein authentisches Zeugnis der Bregenzerwälder Handwerkskultur entstanden.
Das Apartmenthaus kommt in der langgestreckten Form des alpinen Einhofs daher und stellt deshalb auch optisch keinen Fremdkörper in der dörflichen Siedlungsstruktur dar. Auf der Südseite ist dem Volumen ein Kubus eingeschoben, in dem sich die Loggien befinden. „Die Fassade fügt sich mit ihren Schindeln und dem Holzleistenschirm aus Lärche sowie den Fenstereinfassungen aus Massivholz harmonisch in die Umgebung ein“, heißt es vonseiten des Büros Johannes Kaufmann und Partner.
Schindelfassade mit traditionellem Klebdach
Die unbehandelte Oberfläche der Schindelfassade wird mit der Zeit vergrauen und eine für die Region typische Patina entwickeln. So wird sich das Haus langsam in das natürliche Farbenspiel seiner Umgebung einfügen, anstatt in künstlicher Perfektion zu erstarren. Auch mit dem Klebdach an den Giebelseiten des Hauses knüpfen die Architekten an die regionale Baukultur an. Es ist ein typisches Element des traditionellen Bregenzerwälderhauses, das auch heute noch die Landschaft der Region prägt. Beim Klebdach handelt es sich um schmale Gesimsleisten über den Fenstern, die sie vor Witterungseinflüssen schützen.
Auch im Inneren entfaltet der Holzbau seinen unverwechselbaren Charakter. Das Holz für die Vertäfelungen wurde ohne Standardbreiten verarbeitet, sondern so, wie sie ein Baumstamm hergibt: mal schmäler, mal breiter. „So ist eine natürliche Raumgestaltung entstanden, die in der heutigen Zeit einmalig ist“, betont der Bauherr.
Die naturverbundene Haltung des Bauherren manifestiert sich im Apartmenthaus Tinnes bis ins letzte Detail. Anstatt klischeehaft an einzelnen Versatzstücken der Baukultur festzuhalten, gehen Tradition, Moderne und nachhaltige Ansprüche eine harmonische Verbindung ein. Genau das, was es für eine verantwortungsvolle Bauzukunft in den Alpen braucht.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Bruno Klomfar, www.tinnes-apartments.at





