Architektur gegen die Einsamkeit
Viel Holz, Licht und Transparenz prägen das Appleby Blue Almshouse in London. Aber auch konzeptionell geht das gemeinnützige Altersheim gänzlich neue Wege und wurde dafür mit dem höchsten Architekturpreis Großbritanniens geehrt.
In Großbritannien etablierten sich ab dem 10. Jahrhundert sogenannte Almshouses. Sie sind vergleichbar mit den Armenhäusern, die am europäischen Festland etwas später aufkamen. Sie boten armen, alten und notleidenden Menschen eine Unterkunft. Unweit der Londoner Tower Bridge, im Stadtviertel Bermondsey, gibt es mit dem Appleby Blue Almshouse eine neue Version von diesem jahrhundertealten Konzept. Auf dem Gelände eines ehemaligen Pflegeheims entstand in der Bauzeit von 2014 bis 2023 ein Komplex mit 59 lichtdurchfluteten Wohnungen. Ergänzt werden sie durch gemeinschaftliche Einrichtungen wie einen Dachgarten, einen Innenhof und eine Gemeinschaftsküche. Der Bau ist nicht nur eine Antwort auf den angespannten Wohnungsmarkt, sondern auch auf die wachsende Vereinsamung in der älteren Bevölkerung. Die Architektur wird hier zum sozialen Werkzeug, das Würde, Unabhängigkeit und Fürsorge in jeden Aspekt des Designs integriert.
Das Älterwerden geht in unserer Gesellschaft oft unausweichlich mit sozialer Isolation und Rückzug einher, während zugleich die durchschnittliche Lebenserwartung steigt. Das Leben im Seniorenheim findet meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. So entstehen gesellschaftliche Parallelwelten, die Einsamkeit und Abkehr fördern.
Die Charity-Organisation hat das sozial gestützte Wohnen erstrebenswert gemacht.
Stephen Witherford, Architekt
Dem möchte die Wohltätigkeitsorganisation United St Saviour’s Charity etwas entgegensetzen. Sie betreibt schon seit dem 16. Jahrhundert gemeinnützige Almshouses, und das Appleby Blue ist aktuell ihre dritte Einrichtung im Londoner Stadtteil Southwark. Ziel ist es, bedürftigen Menschen ab 65 Jahren ein unabhängiges und aktives Leben im gemeinschaftlichen Setting zu bieten.
Der Entwurf stammt von Witherford Watson Mann Architects und ist in enger Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft und dem britischen Schriftsteller und Sozialhistoriker Ken Worpole entstanden. Die Architektur sollte ein gemeinschaftliches Leben fördern, das sich nicht nur auf die Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnhauses beschränkt.
Ausgezeichnet mit dem RIBA Sterling Prize
Ein Kurs- und Veranstaltungsangebot, das allen Menschen offen steht, macht aus dem Almshouse eine niederschwellige, generationenübergreifende Einrichtung. „Die Charity-Organisation hat das sozial gestützte Wohnen erstrebenswert gemacht und ermöglicht es den Menschen, mit der richtigen Unterstützung an ihrem angestammten Ort alt zu werden. Dies kommt sowohl den Bewohnern als auch dem gesamten Bezirk Southwark zugute“, erklärt Architekt Stephen Witherford.
Den wohl besten Gradmesser für die Relevanz dieses Konzepts liefert der RIBA Sterling Prize, der 2025 an das Appleby Blue Almshouse ging. Es handelt sich dabei um den renommiertesten Architekturpreis Großbritanniens, vergeben vom Royal Institute of British Architects. Er wird an Bauten vergeben, die für die Entwicklung der Architektur von größter Bedeutung sind.
Appleby Blue ist ein Weckruf für eine neue Form des Wohnens.
Ingrid Schroder, Direktorin der Architectural Association
Ingrid Schroder, die Direktorin der Architectural Association (AA) und diesjährige Jury-Vorsitzende, bezeichnete das Projekt als „Weckruf für eine neue Form des Wohnens“ und erklärte: „Appleby Blue bietet eine hoffnungsvolle und einfallsreiche Antwort auf zwei Krisen – die akute Wohnungsnot und die wachsende Epidemie der Einsamkeit unter älteren Menschen. Es bringt die Bewohner und die umliegende Gemeinschaft durch den transformativen Charakter des Designs zusammen.“
Viel Holz, Licht und Transparenz
Die Bauweise des Wohnhauses zeichnet sich durch Stahlbetonfertigteile und massive Eichenholz-Elemente aus. Die gemeinschaftlichen Räume sind lichtdurchflutet und versprühen durch die vielen Holzoberflächen einen warmen, gemütlichen Charakter.
Nach innen gibt sich das Haus sehr transparent und modern, während es nach außen hin an den städtischen Kontext anknüpft. Und zwar mit einer Fassade aus Backstein, einem Material, das aufgrund der historischen Lagerhallen für dieses Viertel besonders prägend ist. Straßenseitige Verglasungen sorgen für eine Verbindung zum Stadtraum, und die seitlichen Erker zitieren ein typisches Element der viktorianischen Terraced Houses.
Eine Oase in der Stadt
Besonders wichtig für das kollektive Leben ist der begrünte Innenhof, der trotz der innerstädtischen Lage einen Ort der Ruhe schafft. „Wir sprachen mit Bewohnern des bestehenden Pflegeheims, die uns die Bedeutung des Gartens für sie erklärten“, so das Team von Witherford Watson Mann Architects.
„Das neue Almshouse wurde um einen Innenhofgarten herum errichtet, der an seinen Seiten von verglasten Galerien gesäumt ist, die zu den Wohnungen führen. Auf diese Weise werden die wechselnden Farben und das Licht der Jahreszeiten in den Alltag der Bewohner integriert.“
Auch in den oberen Etagen setzt sich der Bezug zur Natur fort. Ein großzügiger Dachgarten bietet den Bewohnern weitere Freiflächen und die Möglichkeit, sich aktiv an der Gartenarbeit zu beteiligen. All diese achtsam gestalteten Innen- und Außenräume haben nichts von der kühlen, institutionellen Atmosphäre, die man mit Seniorenheimen oft assoziiert.
Um es mit den Worten der Jury-Vorsitzenden Ingrid Schroder zu sagen: „Witherford Watson Mann haben durchdachte und hochwertige Räume geschaffen, die ihren Bewohnern echte Fürsorge zuteilwerden lassen.“
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Philip Vile, Grant Associates






