Ein Betonriese blüht auf
Das Londoner Barbican ist eine Ikone des Brutalismus und das größte Baudenkmal Großbritanniens. Bis 2030, zum 50-Jahre-Jubiläum, soll es grundlegend erneuert werden. Schon jetzt gilt es als Vorzeigeprojekt für den Umgang mit dem brutalistischen Erbe.
Entweder man liebt sie, oder man hasst sie. Dazwischen schien es lange Zeit nichts zu geben. Die Bauwerke des Brutalismus, die schon zu Zeiten ihrer Entstehung polarisierten, haben im Lauf der Jahrzehnte meist nicht wirklich dazugewonnen. Mit ihren verschmutzten Fassaden und dem klobigen Auftreten empfinden sie viele als menschenfeindlich und nicht mehr zeitgemäß. Erst in jüngster Zeit werden die Relikte dieser Ära neu entdeckt. Das liegt zum einen an Kampagnen wie SOS Brutalismus, die sich für die Rettung der „Betonmonster“ einsetzen. Zum anderen liegt es daran, dass sich Städte zunehmend Gedanken um ihre Klimaziele machen müssen. Und so ein Abriss vernichtet auf einen Schlag unzählige Tonnen an grauer Energie, was in Zeiten von Ressourcenknappheit und Klimakrise immer mehr zum ökologischen Sündenfall wird.
Hinzu kommt ein sich langsam wandelnder Zeitgeist in der Architektur, der den ideellen und kulturellen Wert des Bestands erkennt, auch abseits der schützenswerten Denkmäler. Die gebaute Umwelt ist Teil unserer Geschichte und schafft Identität, ganz egal, ob sie kollektiv als schön empfunden wird oder nicht. Das Alte entwickelt sich zusehends vom strukturellen Ballast zum Rohstoff- und Energiedepot mit kulturellem Mehrwert.
Runderneuerung einer Ikone
Viele Bauwerke des Brutalismus wurden bereits abgerissen, während andere durch kreative Umnutzungsprojekte, wie etwa The Strand in London, bewahrt werden. Auch das berühmte Barbican Centre, Londons größtes Kultur- und Konferenzzentrum, wird einer großangelegten Erneuerung unterzogen.
Der Bau im Herzen der Metropole gilt als Ikone des europäischen Brutalismus und hat die Größe einer Kleinstadt. In den drei Wohntürmen leben rund 4.000 Menschen, während der Kulturbetrieb jährlich über 1,5 Millionen Besucher anzieht.
Ebenfalls Teil des 14 Hektar großen Geländes sind mehrere Grünanlagen, ein See und das Conservatory, eine tropische Regenwald-Landschaft unter Glas. Im Gegensatz zu vielen anderen Bauwerken dieser Strömung ist das gesamte Barbican Estate als denkmalgeschütztes Gebäude der Kategorie II eingestuft.
Ein Wunder der modernen Welt
Entworfen von Chamberlin Powell and Bon erstreckten sich die Bauarbeiten über beinahe zwei Jahrzehnte. Als Queen Elizabeth II. das Ensemble im Jahr 1982 eröffnete, nannte sie es eines der „Wunder der modernen Welt“. Doch nach über vier Jahrzehnten fast ununterbrochener Nutzung zeigt die Ikone deutliche Ermüdungserscheinungen. Die Zeit ist gekommen, um diesen baulichen Generationenvertrag aus zig Tonnen Beton für das 21. Jahrhundert neu zu verhandeln.
Die offizielle Genehmigung für das Barbican Renewal Programme erteilte die City of London im Dezember 2025. Damit fiel der Startschuss für eine Metamorphose, die über eine reine Sanierung weit hinausgeht. Die geplante Investition von 240 Millionen Pfund soll nicht nur das Überleben dieses Baudenkmals sichern, sondern eine neue Ära der architektonischen Verantwortung einläuten.
Das Projekt bewahrt die ursprüngliche architektonische Vision des ikonischen Gebäudes. Gleichzeitig schafft es neue Möglichkeiten für die vielfältige Gemeinschaft des Barbican.
Allies & Morrison und Asif Khan Studio, Designteam
„Das Projekt bewahrt die ursprüngliche architektonische Vision des ikonischen Gebäudes. Gleichzeitig schafft es neue Möglichkeiten für die vielfältige Gemeinschaft des Barbican, bestehend aus Partnern, Künstlern und Besuchern, und verbessert die Barrierefreiheit und Umweltverträglichkeit des Gebäudes“, heißt es vonseiten des Designteams, das aus einer Arbeitsgemeinschaft zwischen dem Architekturbüro Allies & Morrison und dem Asif Khan Studio besteht.
Forciertes Bauen im Bestand
Gemeinsam setzen sie den „Retrofit first“-Ansatz der City of London um, ein zentraler Bestandteil der Klimastrategie der Stadt. Er soll eine grundlegende Verschiebung vom Neubauen hin zum Umbauen bewirken und gleichzeitig den Bedarf nach neuen Wohn- und Gewerbeflächen decken. Dadurch soll der CO2-Fußabdruck von Bauprojekten runter, die Energieeffizienz rauf und die graue Energie des Bestands bleiben, wo sie ist.
Anstatt veraltete Bauteile abzureißen und neu zu bauen, versucht man die vorhandene Bausubstanz als Materialbank zu begreifen. Das alte, großteils beschädigte Glas aus dem Gewächshaus soll ebensowenig im Bauschutt landen wie die ausgetretenen Gehwegplatten der Terrassen. Stattdessen will man sie wiederverwenden und in neue, hochwertige Oberflächen verwandeln.
Räume der Begegnung und Inklusion
Ein Gebäude ist jedoch nur so lebendig wie die Menschen, die es nutzen. Das Barbican war schon immer ein Ankerpunkt für das zivile und kulturelle Leben Londons. Doch die Vorstellung von Inklusivität und Barrierefreiheit war in den 1960er-Jahren noch eine ganz andere als heute. Mit der Erneuerung folgt man dem Prinzip „Design for all“, das ein Versprechen an die Vielfalt und Gleichberechtigung in der Gesellschaft mit sich bringt.
Geplant ist eine Verbesserung der Orientierungssysteme und der Zugänglichkeit des großen Komplexes. Das Conservatory – ein grünes Juwel inmitten des Betons – soll erstmals für alle Besucher durchgehend zugänglich und barrierefrei erschlossen werden.
Neue Raumangebote, erweiterte Sanitäranlagen und die Reaktivierung untergenutzter Flächen in den Foyers sollen das Barbican in einen offenen „Möglichkeitsraum“ verwandeln. Durch kluge Lichtführung und Entrümpelung soll das Barbican zu einem attraktiven und zeitgemäßen Ort werden, der alle Menschen anspricht.
Das Barbican macht ein Jahr Pause
Um die weitreichenden Erneuerungen sicher und effizient durchführen zu können, wird das Barbican Centre von Juni 2028 bis Juni 2029 für ein Jahr seine Pforten schließen – zumindest teilweise. Während die Kinos in der Beech Street geöffnet bleiben und das umliegende Wohnviertel pulsiert, pausieren die großen Kulturprogramme im Inneren.
Im Jahr 2030, wenn das Barbican sein 50-jähriges Jubiläum feiert, soll es feierlich wiedereröffnet werden. Das Barbican Renewal Programme ist ein Leuchtturm-Projekt für den Umgang mit unserem brutalistischen Erbe.
Sir William Russell, der Vorsitzende des Barbican Board, hat es treffend formuliert: „Das Erneuerungsprogramm markiert einen Meilenstein in der Zukunft des Barbican. Wir bewahren nicht nur das Herzstück des größten Baudenkmals Großbritanniens, sondern erschließen das volle Potenzial einer kulturellen Ikone. Wir werden eine Architektur erleben, die ihre Vergangenheit ehrt, indem sie die Verantwortung für die nächsten fünfzig Jahre übernimmt.“
Text: Gertraud Gerst
Fotos und Visualisierungen: Dion Barrett, Kin Creatives for Allies and Morrison and Asif Khan Studio





