Brücke zwischen Arm und Reich
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Brücke zwischen Arm und Reich

Auch wenn dieser Bau in Nigeria keinen Fluss überspannt, soll er nach seiner Fertigstellung als ganz besonderes Kulturzentrum die Kluft zwischen Arm und Reich in der Hauptstadt Niamey überbrücken.

Es war ein perfider Masterplan der französischen Kolonialherren: Um sich und Ihresgleichen – also alle Reichen und Wohlhabenden – von der armen einheimischen Bevölkerung abzugrenzen, nutzten sie ein Tal, das sich durch die nigerianischen Hauptstadt Niamey zieht, als natürliche Barriere. Ein Graben also, der nur dazu diente, die Habenichtse in ihrem Elend alleine sein zu lassen und den Reichen deren Anblick zu ersparen.

Kluft zwischen Arm und Reich

Doch auch wenn Kolonialzeit, Sklaverei und Apartheid längst Geschichte sind, hat sich eben diese „Mauer“ bis heute gehalten. Tatsächlich leben auch im Jahr 2019 noch die Reichen auf der einen Seite des Tals und die Armen im historisch benachteiligten und stigmatisieren Gebiet, das Gounti Yéna genannt wird. Was so viel wie „Trockenes Tal“ bedeutet.

Arm und Reich
Die Außenbereiche sollen genau so wichtig wie die Innenbereiche werden.

Es wird also dringend Zeit, diesem gesellschaftlich und monetär trockengelegten Gebiet neues Leben einzuhauchen. Und genau das passiert derzeit auch: Die Gegend befindet sich dank diverser politischer und kultureller Entscheidungen in einer Art „Transformation“, wie es die lokale Presse ausdrückt. So hat man seitens der Stadtverwaltung erkannt, dass vor allem mit baulichen Maßnahmen begonnen werden muss, um den Charakter von „Gountin Yéna“ nachhaltig und langfristig zu verändern.

Ausgiebige Recherchen

Eben deshalb wurde die nigerianische Architektin Mariam Kamara, Gründerin des Ateliers Masōmī, vor zwei Jahren damit beauftragt, das „Niamey Cultural Center“ genau in dieser Brennpunkt-Region zu entwickeln. Jetzt wurden ihre Pläne erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Und dabei wird schon auf den ersten Blick klar: Mariam Kamara hat diese Aufgabe sehr ernst genommen und sich intensiv auf das durchaus heikle Thema eingelassen.

Niamey Cultural Center
Kunstgallerien werden hier genau so Einzug halten …

Niamey Cultural Center
… wie eine öffentliche Bibliothek, in der sich jeder zuhause fühlen soll.

„Ich wusste, dass ich einige grundlegende Probleme ansprechen wollte, die wir in afrikanischen Städten haben“, erinnert sie sich heute an ihre ersten Überlegungen. Infolge begab sie sich mit ihrem Lebenspartner David Adjaye auf eine ausgedehnte Weltreise – um sich von bereits realisierten Projekten mit ähnlich sensiblen Vorzeichen inspirieren zu lassen. Außerdem organisierten die beiden eine Reihe an Fokus-Gruppen-Interviews mit jungen Kreativen, die in direkter Umgebung lebten: „Um wirklich zu erkennen, was der Puls der Stadt denn nun ist. Was die Menschen denken, wonach sie streben, welche Räume ihnen fehlen“, berichtet Kamara.

Bloß kein Denkmal

All diese Informationen sammelte die engagierte Architektin, filterte sie und entwickelte aus ihnen ihren Vorschlag an die Stadt. Und so umfasst Kamaras Entwurf für den 59.000 Quadratmeter großen Komplex eines neuen Stadtzentrums unterschiedlich genutzte Räumlichkeiten, die auf vielfältige Interessen einzahlen sollen: Eine öffentliche Bibliothek findet sich hier genauso wie coole Cafes, Kunstgalerien und flexible Performance-Räumlichkeiten.

Außerdem erkannte die Nigerianerin, dass es an diesem Ort und in dieser Stadt keine Option ist, sich selbst ein architektonisches Denkmal zu setzen: „Es machte schlicht keinen Sinn, ein großes, monolithisches Gebäude für diese Kultur und dieses Klima zu bauen“, erzählt sie. „Für mich war vielmehr wichtig, dieses Areal zu einem Ort zu machen, an dem Menschen hindurchgehen und trotzdem ein Teil davon sein können, ohne unbedingt Teilnehmer der Programme in den Gebäuden sein zu müssen.“

Niamey Cultural Center

Ich habe oft Probleme mit Museen oder Kulturzentren, weil diese Einrichtungen in unserem Teil der Welt neu sind und sich elitär anfühlen können.

Mariam Kamara, Architektin

Also entwicklelte sie den Komplex nicht etwa in die Höhe, sondern vielmehr in die Breite: Als Cluster kleinerer Strukturen, die ob ihrer großteils halbrunden Form schattige Außenbereiche ermöglichen, was gerade bei dem vorherrschenden Wüstenklima ein wesentlicher Aspekt ist. Und: Durch die Öffnung und Durchlässigkeit der öffentlichen Bereiche für Passanten wird das Zentrum „viel demokratischer“, wie Kamara betont.

Nur 30 % sind gebildet

„Ich habe oft Probleme mit Museen oder Kulturzentren, weil diese Einrichtungen in unserem Teil der Welt neu sind und sie sich elitär anfühlen können“, erklärt sie. „An einem Ort, an dem nur 30 Prozent der Bevölkerung gebildet sind, schaffen Sie einen Raum für nur 30 Prozent der Menschen.“ So hofft sie, dass sich die Menschen hier nicht „wie in der Bibliothek“ fühlen, sondern schlicht so willkommen, dass sie sich in die einzelnen Objekte auch hineinwagen.

Um das Wohlgefühl zukünftiger Besucher zu intensivieren, setzt die Architektin außerdem auf Roherde als vorherrschende und lokal vorkommende Bausubstanz. „Seine Farbe und Textur lassen die Gebäude wie aus dem Boden wachsen erscheinen“, erläutert sie. Das neuen Kulturzentrum solle eine Ikone der Stadt in ihrer Monumentalität werden, aber gleichzeitig die Beziehung zur Erde glaubhaft aufrechterhalten, die in dieser Region seit Jahrhunderten große Relevanz hat.

Mariam Kamara
Die so genannte „Stapelbelüftung“ sorgt für eine Innenraumkühlung, die nahezu ohne Energieaufwand auskommt.

Auch deshalb sei das Projekt von Kamara von Anfang an so konzipiert worden, dass die Außenräume genauso wichtig sind wie die geschlossenen Areale. „Fußgängerwege und Sammelplätze helfen uns dabei, ein massives Gebäude in möglichst kleine Strukturen zu zerlegen“, sagt sie selbst. Gleichzeitig haben aber die halbrunden Türme auch noch eine andere, nicht minder wesentliche Funktion: Sie umschließen und schützen die Außenbereiche nicht nur, sondern bilden auch die Basis für das integrierte Stapelbelüftungssystem, das die Innenräume auf energiesparende Art und Weise kühlt. Außerdem wird auf den Dächern herabfallendes Regenwasser gesammelt und zu Nutzwasser aufbereitet.

Auch die Umwelt spielt eine Rolle

Diese Aspekte des Baus entspringen übrigens dem Kopf von Kamaras Partner David Adjaye: „David betrachtet Architektur durch die Linse der Geographie, durch die Linse des Klimas und nicht als „nationale Architektur“, so Kamara.“ Und er selbst fügt an: „Das Klima prägt, wie man Dinge baut, wie man sie gestaltet, wie sie funktionieren. Architektur muss genau darauf reagieren!“

So schließt dieses Projekt ganz offensichtlich nicht gesellschaftliche Gräben, sondern gilt gleichzeitig als in der Region wegweisend, was zukünftige umweltfreundliche Bauten betrifft.

Jedenfalls aber ist es schon vor seiner Realisierung ein Bauprojekt, das mehr zu bieten hat, als „bloß“ spannende Architektur.

Text: Johannes Stühlinger
Bilder: Atelier Masomi

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