Brutalistisches Wohnhaus
#architektur

Schnörkellose, haltgebende Architektur

Ein brutalistisches Wohnhaus von ABS Bouwteam und Peggy De Coninck gibt seinen Bewohnern in seiner radikalen Ehrlichkeit der Materialien und Formen Halt. Der offene, lichtdurchflutete Bau aus Beton und Glas ist im Inneren perfekt durchdacht.

In einem Dorf zwischen Gent und Tournai, im überwiegend frankophonen Teil Belgiens, hat ABS Bouwteam ein Einfamilienhaus realisiert, für das es nicht wirklich eine Kategorie gibt. Der rohe, reduzierte, kompromisslose Bau steht in Kontrast zur sanft hügeligen Landschaft der flämischen Ardennen, in die er eingebettet ist.

Dieses eingeschossige Wohnhaus entspricht bestimmt nicht einer formaler Gefälligkeit. Daraus bezieht es nicht seine Kraft. Entworfen von der belgischen Innenarchitektin und Bauunternehmerin Peggy De Coninck, versteht sich das Haus als zeitgenössische Interpretation des Brutalismus – das muss man wollen. Und wenn man das will, kann es sein, dass man sich in dieses Wohnhaus glattweg verliebt.

Die Kapelle Onze Lieve Vrouw in Kerselare von Juliaan Lampens
Die Kapelle Onze Lieve Vrouw in Kerselare von Juliaan Lampens befindet sich nur einen Steinwurf entfernt.

Beim architektonischen Stil handelt es sich nicht um ein nostalgisches Zitat, sondern um eine räumliche Antwort auf Ort und Licht – und natürlich auf die Lebensweise seiner Bewohner. Wobei: Trotz der malerischen Lage, verweist es auf einen architekturhistorischen Kontext.

Architektur aus dem Gelände heraus

Denn nur wenige Schritte entfernt steht die Kerselare-Kapelle von Juliaan Lampens. Der 2019 verstorbene Architekt war einer der radikalsten Vertreter des belgischen Brutalismus. Lampens’ utopischer Anspruch – ein Leben ohne visuelle und räumliche Grenzen – hallt in dieser Kapelle mit dem markanten schräg aufsteigenden Dach deutlich nach.

Brutalistisches Wohnhaus
Ein schmaler Weg führt zu den „schwebenden Stufen“, beides ist Teil der architektonischen Erzählung.

ABS Bouwteam und De Coninck übernehmen jedoch nicht die Formsprache, sondern die Haltung: Reduktion als Mittel zur Freiheit, Materialehrlichkeit als Gegenentwurf zur Reizüberflutung.

Und schon das Herannahen an das Haus ist Teil der architektonischen Erzählung: Ein schmaler Weg windet sich hangaufwärts. Er führt zu einer Abfolge schwebender Stufen, die dem natürlichen Gefälle entgegenarbeiten.

Brutalistisches Wohnhaus
Alle Räume, auch das Schlafzimmer, sind nach dem Stand der Sonne organisiert.

Das Gebäude selbst ruht auf einem leicht erhöhten, massiv wirkenden Betonplateau, das den Eindruck eines schwebenden Volumens erzeugt. Dieser Kunstgriff verleiht dem Baukörper Präsenz, ohne ihn dominant erscheinen zu lassen. Vielmehr scheint das Haus aus dem Terrain herausgewachsen zu sein – eine bewusst gesetzte Spannung zwischen Schwere und Leichtigkeit.

Beton, Holz, Glas – und sonst nichts

Charakteristisch für den Brutalismus ist vor allem der unverstellte Umgang mit Material und Konstruktion. Sichtbeton bleibt sichtbar, tragende Elemente werden nicht verkleidet, sondern betont. Die großen Dachüberstände – technisch anspruchsvoll und statisch passgenau umgesetzt – verstärken den monolithischen Eindruck. Gleichzeitig aber übernehmen sie eine wichtige funktionale Rolle: Sie schützen vor Einblicken, filtern das Licht und schaffen Übergangszonen zwischen Innen und Außen.

Brutalistisches Wohnhaus
Das Haus folgt auch im Inneren einem streng begrenzten Materialkanon.

Brutalistisches Wohnhaus
Beton, Holz und Glas, helle Farben wie rehbraun oder beigegrau dominieren das Interior Design.

Im Inneren setzt sich diese Konsequenz fort. Das Haus basiert auf einem streng begrenzten Materialkanon aus Beton, Holz und Glas. Sichtbetonwände, Decken und Stützen definieren die Räume. Sie sind nicht nur wenig dekorativ sondern eher gar nicht. Mildernd wird jedoch warmes Teakholz eingesetzt, in Form raumhoher Türen, Einbauten und Schrankflächen. Glas schließlich öffnet den Blick in die Landschaft und löst klassische Raumgrenzen auf.

Innen und Außen: ein kontrollierter Widerspruch

Gerade in dieser bewussten Beschränkung zeigt sich der brutalistische Ansatz und Anspruch des Hauses. Nicht um seiner selbst willen. Die Ehrlichkeit bedeutet auch: Materialien dürfen altern, Oberflächen zeigen Spuren, nichts wird kaschiert. Peggy De Coninck spricht von einer Architektur ohne Schnörkel, die gerade in unsicheren Zeiten Halt geben soll. Die Herausforderung bestand darin, vollständig auf Putz und Farbe zu verzichten. Ein solcher Entwurf verzeiht keine Fehler.

Brutalistisches Wohnhaus
Materialehrlichkeit kann als Gegenentwurf zur Reizüberflutung verstanden werden.

Brutalistisches Wohnhaus
Warmes Teakholz mildert immer wieder die Strenge des Sichtbetons.

Trotz – oder gerade wegen – der großen Glasflächen wirkt das Haus nicht exponiert. Die rückwärtige Fassade ist als rhythmisch gegliederte Glasfront ausgebildet, unterteilt durch vertikale Holzelemente, die Licht lenken und Blicke filtern. Rücksprünge im Volumen sorgen dafür, dass offene Wohnbereiche nebeneinander existieren können, ohne ihre Intimität zu verlieren. Das Ergebnis ist ein paradoxes Raumgefühl: offen und geschützt zugleich.

Auch die Erschließungszonen spielen mit Übergängen. Eingangshalle und Flur liegen bewusst in einer Dämmerzone zwischen Hell und Dunkel, zwischen Offenheit und Rückzug. Die Architektur bietet Rückzugsmöglichkeit und lockt die Bewohner doch sanft nach draußen, auf Terrassen, unter Dachüberstände, in die umgebende Natur.

Wohnen im Rhythmus der Sonne

Der Grundriss folgt weniger konventionellen Typologien als vielmehr dem Tages- und damit dem Sonnenverlauf. Schlafräume, Wohnbereiche und Rückzugszonen sind nach dem Stand der Sonne und nach der Nutzung organisiert. Auf 176 Quadratmetern entfaltet sich ein Raumgefühl, das deutlich großzügiger wirkt, als es die kompakte Kubatur vermuten lässt.

Brutalistisches Wohnhaus
Ein rundes Oberlicht lässt nicht nur mehr Licht ins Wohnhaus …

Brutalistisches Wohnhaus
… es unterstreicht auch einzelne Zonen – wie hier die Kücheninsel.

Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der intelligenten Integration von Nebenräumen. Technik, Stauraum, Badezimmer und Garderoben sind hinter wandhohen Teakholzfronten verborgen, die sich über die gesamte Länge des Flurs ziehen. Was zunächst wie eine massive Wand erscheint, entpuppt sich als fein choreografierte optische Täuschung.

Brutalismus als Lebenshaltung

Weitere Details unterstreichen den skulpturalen Charakter des Hauses: geometrische Ausschnitte in den Dachüberständen, die gezielt Tageslicht ins Innere lenken; runde Oberlichter, die einzelne Zonen – etwa die Kücheninsel – beinahe sakral inszenieren; eine Außendusche im Grünen; ein Grillkamin, der in einen der massiven Betonpfeiler integriert ist und Dach und Fundament zugleich verbindet.

Brutalistisches Wohnhaus
Der Grillkamin ist in den massiven Betonpfeiler integriert.

Brutalistisches Wohnhaus
Skulpturales Design wohin man auch blickt.

Wie gesagt: Wer Brutalismus liebt, wird dieses Haus lieben. Ob es schön ist, bleibt – wie so oft beim Brutalismus – Ansichtssache. Sicher ist jedoch, dass es ein Statement ist. Es verweigert sich modischen Glättungen und schnellen Effekten. Stattdessen setzt es auf Konsequenz, auf das bewusste Weglassen und auf eine Architektur, die ihre Wirkung aus Präzision und Zurückhaltung bezieht.

Dass das Projekt 2024 sowohl den Jury- als auch den Publikumspreis der HOOG.design Awards in der Kategorie „Best Architectural Project“ erhielt, ist daher nicht überraschend. Und bestätigt zudem, dass der Brutalismus immer wieder und weiterhin Resonanz findet. Eine Einladung, der man gern Folge leisten darf: Architektur wieder langsamer, ehrlicher und grundsätzlicher zu denken.

Text: Linda Benkö
Fotos: Tim Van de Velde, ABS Bouwteam / Peggy De Coninck, Lettkemann

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