Willkommen in der Wildnis
Im Sommer Naturfreunde-Treff, im Winter Langlaufzentrum: Seit über 50 Jahren ist Camp Mercier ein beliebtes Ausflugsziel in der kanadischen Provinz Québec. Jetzt wurde es Zeit für ein neues Besucherzentrum. Das Design erinnert an alte Holzfällerlager.
Es sind nur 45 Autominuten bis Québec City. Und doch ist man im Camp Mercier unendlich weit vom Großstadtalltag entfernt. Umgeben von 7.800 Quadratkilometern Nadelwald, Flüssen und Seen liegt es auf einer Lichtung, die zugleich das Tor zum „Réserve faunique des Laurentides“ markiert. Während der Sommermonate lädt das Wildschutzgebiet in den malerischen Laurentinische Bergen zu Wanderungen, Tierbeobachtungen und Fliegenfischen ein. Von Oktober bis April gilt das Camp als wichtigstes Langlaufzentrum der Provinz Québec. Ein Ruf, den es der außergewöhnlich langen Wintersportsaison und noch längeren Loipen verdankt.
Ganzjährig locken zudem (Schneeschuh-)Trails zahlreiche Besucher an. Wegen ihrer spektakulären Ausblicke. Und weil man auf den Pfaden jener Abenteurer unterwegs sein kann, die einst der rauen Wildnis Kanadas trotzten. Viele der Trail-Geher wandern dabei nicht einfach nur auf den Spuren der Vergangenheit. Sie folgen vielmehr den Spuren ihrer eigenen Familiengeschichte, die stolz auf einen Trapper oder Holzfäller im Stammbaum verweist. Der Natur und den Ahnen ganz nah zu sein – was für ein Erlebnis. Entsprechend gestaltet sind auch die Unterkünfte im Wildlife Reserve: Genächtigt wird in traditionellen Blockhütten.
Nostalgie trifft Funktionalität
An eine solche erinnerte auch das alte Waldcamp, das ein halbes Jahrhundert lang als Welcome Center diente. Nachdem es jedoch deutlich in die Jahre gekommen war, beauftragte Sépaq – jene staatliche Agentur, die die Parks und Wildreservate der Provinz verwaltet – einen Neubau. Die klaren Vorgaben an die Planer: Das neue Besucherzentrum sollte wirtschaftlich, funktional und barrierefrei sein, langlebig und nachhaltig. Gleichzeitig sollte die Holzkonstruktion das Gebäude aber bitte auch wieder tief in der Landschaft verwurzeln, von den vorherrschenden Winden geschützte Außenbereiche schaffen und auf die Sehnsucht nach dem alten Kanada einzahlen. Ein ziemlicher Spagat also.
Dem Team von Anne Carrier architecture (AC/a), das die Ausschreibung gewann, gelang dieser Spagat indes hervorragend. Das neu geschaffene Empfangsgebäude von Camp Mercier ist eine Hommage an das Natur- und Kulturerbe von Québec: Es verwebt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gekonnt miteinander. Die Struktur der Holzkonstruktion, das einfache Volumen und die flach geneigten Dächer zitieren die historischen Holzfällerlager der Region, ohne in Nostalgie zu verfallen. Der 990 Quadratmeter große multidisziplinäre Pavillon übersetzt die an ihn gestellten Anforderungen in eine zurückhaltende Architektur. Die eingeschossige Bauweise gewährleistet universelle Zugänglichkeit und reduziert gleichzeitig die visuelle Präsenz des Gebäudes.
Verschmolzen mit der Landschaft
Auch die Verkleidung sorgt dafür, dass Camp Mercier mit der umgebenden Landschaft optisch verschmilzt. Die vertikal angebrachte Verkleidung aus dunkel gebeiztem Fichtenholz lässt das Gebäude mit den Stämmen der Nadelbäume eins werden. Dieser architektonische Dialog zwischen Struktur und Umgebung wird durch Fensterfronten der Gemeinschaftsräume noch verstärkt. In den großzügigen Glasflächen spiegelt sich der Wald – ein lebendiges Spiel aus Licht und Schatten, das sich im Tages- und Jahresverlauf ständig verändert. Der bewusste Kontrast zwischen dunkler Hülle und hellen Öffnungen folgt einer klaren Metapher: dem Gegensatz von Baumrinde und Kern, robust außen, warm und einladend innen.
Die großen Glasfronten maximieren nicht nur den Tageslichteinfall. Sie stärken auch die Verbindung zwischen Innen- und Außenraum und schaffen eine räumliche Synergie. Zumal der neue Pavillon auch landschaftsarchitektonisch perfekt mit seinem Umfeld verzahnt ist. Begrünte Böschungen formen im Sommer ein kleines Amphitheater. Im Winter verwandeln sie sich in Rutschhügel und Spielzonen. Und zu jeder Jahreszeit schaffen Feuerstellen im Freien soziale Treffpunkte zwischen den drei Funktionsflügeln. In ihnen sind die Wohn- und Servicebereiche des Camps untergebracht. Sie gruppieren sich um einen zentralen Kern, der für eine perfekte Zirkulation der Besucherströme sorgt und Orientierung schafft.
Holz als Leitsatz
Die Innenräume strahlen mit ihren getäfelten Decken aus heller Fichte selbst bei frostigen Außentemperaturen Wärme und Wohlbehagen aus. Überhaupt steht Holz im Mittelpunkt des Projekts – nicht nur als Material, sondern als Leitsatz. Für Tragwerk, Fassade, Innenwände und Möblierung kam überwiegend regionales Holz zum Einsatz. Ob Tanne und Kiefer für die Strukturelemente oder Fichte für die Außen- und Innenverkleidungen: Die eingesetzten regionalen Hölzer sind nur minimal verarbeitet. Die robuste und langlebige Holzkonstruktion wurde so konzipiert, dass der Bedarf an Wartung und Austausch auf ein Minimum reduziert wird. Die Planer von Anne Carrier architecture setzten zudem verschiedene Holzbautechniken ein, jeweils zugeschnitten auf die spezifischen Anforderungen jedes Raumes.
In den halb-offenen Zonen, wie etwa den Lagerräumen, sorgen durchbrochene Holzfassaden für natürliche Belüftung, während geschlossene Bereiche als leichtes, verschaltes Rahmensystem ausgeführt sind. Ein Pfosten-Riegel-System ermöglicht große Spannweiten in den stark verglasten Bereichen. Ein dunkler Anstrich schützt exponierte Oberflächen, hellere Töne akzentuieren überdachte Bereiche und den Eingang des Pavillons. Diese konsequente und differenzierte Nutzung von Holz brachte Camp Mercier den renommierten Cecobois 2025 Award of Excellence in der Kategorie „Institutional Building“ ein.
Ausgezeichnetes Design
Die Jury lobte nicht nur das zusammenhängende Design, sondern würdigte mit der Auszeichnung insbesondere das elegante Zusammenspiel der Holzbautechniken. Camp Mercier sei „ein bemerkenswertes Werk, das sich durch einen ganzheitlichen Ansatz auszeichnet. Vom Einfügen in die Landschaft bis zu den Baudetails ist Holz allgegenwärtig – jedes Teil findet seinen Platz in einem äußerst kohärenten Ganzen. Brettschichtholz- und Leichtbausysteme greifen geschickt ineinander. Das Ergebnis ist ein harmonisches, klar gegliedertes Projekt, fein durchdacht in Bezug auf Ort und Innenraum.“
Das nachhaltige Konzept reicht aber freilich weit über den nachwachsenden Baustoff Holz hinaus. Die Ausrichtung und das volumetrische Design des Besucherzentrums nutzen die Sonneneinstrahlung optimal, schützt vor vorherrschenden Winden und mindert den Lärm einer nahegelegenen Straße. Die großzügigen Glasfronten reduzieren den Bedarf an künstlicher Beleuchtung. Um die Vogelwelt nicht zu gefährden, wurden die Scheiben mit Siebdruck bedruckt.
Passiv, biophil, nachhaltig
Das feine weiße Punktemuster erinnert an sanft rieselnden Schnee oder fallende Baumblütenblätter und verhindert Vogelkollisionen, ohne die Transparenz zu beeinträchtigen. Eine isolierte Betonbodenplatte mit hoher Wärmespeicherkapazität reduziert den Heizbedarf und stabilisiert das Raumklima, während ein Biomasse-Heizsystem – betrieben mit regionalem Waldrestholz – den CO₂-Fußabdruck deutlich reduziert.
Unser Ansatz, der Modernität und Tradition miteinander verbindet, spiegelt die architektonische Kultur Québecs wider, die im Einklang mit der Natur steht, sich an die jahreszeitlichen Veränderungen anpasst und von unseren Vorfahren inspiriert wurde.
Anne Carrier architecture
So verkörpert der neue Pavillon von Camp Mercier eine Architektur, die ihre Stärke aus der Zurückhaltung schöpft. Der Neubau mag kein ikonisches Objekt sein. Aber er ist ein ikonischer Ort. Ein Ort, der für Begegnung, Bewegung und Naturerlebnis (wie) geschaffen ist und Teil einer nachhaltigen und langfristigen Vision für Camp Mercier. Verwurzelt im kulturellen Erbe der Region und offen für heutige Komfort-Bedürfnisse, verbindet er traditionelle Holzbaukultur mit zeitgemäßem Design und Umweltschutz.
Text: Daniela Schuster
Bilder: Adrien Williams; Maxime Brouillet








