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Die Lernlandschaft wächst

In Dänemarks Uni-Stadt entsteht schrittweise der lebendige, in das Stadtgefüge integrierte Campus Aarhus mit einer Fläche von 110.000 Quadratmetern. Die School of BSS, nach einem Entwurf von AART, ist ein weiterer Mosaikstein des nachhaltigen Masterplans.

Mit dem neuen Campus Aarhus BSS ist im Herzen der dänischen Universitätsstadt ein weiterer zeitgemäßer, urbaner Bildungsbau entstanden. Die Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die BSS (School of Business and Social Sciences), ist einer der Mosaiksteine im weitreichenden Masterplan zur Transformation des ehemaligen Krankenhausgeländes in eine lebendige, urban integrierte „Lernlandschaft“.

Von 1893 bis 2018 diente der zentral gelegene Komplex des Aarhus Municipal Hospital den medizinischen Bedürfnissen der Gemeinde. Aufgrund ihrer historischen und sozialen Bedeutung wurden einige dieser Gebäude in Dänemark als „erhaltenswert” eingestuft, einige neue Gebäude kommen hinzu. Die Denkmalschutzauflagen werden jedoch nicht als lästige Vorgabe erachtet, die die Revitalisierung erschweren, sondern als Unterstützung, die Vision der nachhaltigen Transformation zu beflügeln.

Campus Aarhus: Respekt vor den alten Ziegeln

Eines der prominentesten Beispiele für die Umnutzung ist The Kitchen 2.0: Im ehemaligen Kesselhaus und der früheren Wäscherei des Krankenhauses werden nun ganz andere Dinge aufgekocht und gebraut: Die Baukörper fungieren als moderner Inkubator für Startups.

Vom Kesselhaus zum Brutkasten: In The Kitchen 2.0 brauen sich nun innovative Unternehmensideen zusammen.

In Summe wird der Campuskomlex 110.000 Quadratmeter Fläche umfassen. Da die gesamte technische Infrastruktur unter der Erde und zwischen den erhaltenen Gebäuden erneuert werden musste, bot das Projekt gleichzeitig ein hohes Maß an Möglichkeiten zur Wiederverwendung von Baumaterialien. Und so wurden rund 80.000 Quadratmeter Baufläche recycelt und für den neuen Campuskomplex verwendet, heißt es bei der Rambøll Group A/S. Laut der internationalen Ingenieur-, Architektur- und Managementberatung werde man durch die Erhaltung der bestehenden Gebäude dazu beitragen, 6.600 Tonnen CO2 einzusparen.
Als Schlusspunkt der Gesamtprojektdauer ist das Jahr 2032 anvisiert. Man könnte annehmen, dass ältere Gebäude nicht so nachhaltig sein können wie Neubauten. Dass die neue Universitätsstadt jedoch als nachhaltiges Quartier bereits mit dem Gold-Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) präzertifiziert ist, straft dieser Annahme Lügen. Ausführende Partner im Auftrag der Uni Aarhus sind dabei die Architekturbüros Transform A/S, AART und LYTT.

Nächster Akt: Fakultät BSS bezieht neues Zuhause

Nach INCUBA Next, der Erweiterung eines bestehenden 12.000 Quadratmeter großen Forschungsparks um 22.000 Quadratmeter neue Bürofläche in einem beengten, schmalen Hochhaus, gelang dem dänischen Architekturbüro AART Architects nun der nächste Wurf. Die BSS, die Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Aarhus University, konnte soeben ihr neues Zuhause auf rund 37.000 Quadratmetern beziehen – mitten im urbanen Leben und doch eng verzahnt mit dem traditionsreichen Universitätspark.

INCUBA Next: Der Forschungspark ist ebenfalls ein Projekt von AART Architecture.

Die Universitätsstadt ist als lebendiger, rund um die Uhr genutzter Stadtteil konzipiert. Ziel ist es, Lern-, Arbeits- und Aufenthaltsräume so zu gestalten, dass sie nicht nur Ressourcen schonen, sondern soziale Interaktion, Wissensaustausch und gesellschaftliche Öffnung fördern. Nachhaltigkeit versteht sich hier auch als soziale Dimension und ist daher weit mehr als nur die architektonische Umetzung von Energie- und Effizienzkennzahlen.

Holz, Flexibilität und Dauerhaftigkeit

Selbstverständlich wurden von Beginn an sowohl passive als auch aktive Energiestrategien in die Planung integriert. Diese umfassen energieeffiziente Gebäudehüllen, optimierte Tageslichtnutzung, langlebige Materialien sowie den ressourcenschonenden Betrieb, präzisieren die Experten von AART.

Das Gesamtprojekt verbindet flexible „Lernlandschaften“ und städtebauliche Integration mit ambitionierten Nachhaltigkeitszielen.

Ein zentrales Element der Nachhaltigkeitsstrategie ist der bewusste Einsatz von Holz als prägendem Baumaterial. Holz verleiht den Gebäuden nicht nur eine warme, menschliche Atmosphäre, sondern punktet auch durch seine positive CO₂-Bilanz und, Dauerhaftigkeit und Langlebigkeit.

Auditorium fasst bei Bedarf bis zu 800 Personen

In Kombination mit robusten, wartungsarmen Materialien entsteht eine Architektur, die auf lange Nutzungszyklen ausgelegt ist – ein entscheidender Faktor für nachhaltiges Bauen im Bildungssektor.

Ebenso wichtig ist die räumliche Flexibilität. Lehr- und Lernräume sind so konzipiert, dass sie sich an wechselnde pädagogische Formate anpassen lassen. Das prominenteste Beispiel dafür ist das große Auditorium mit Platz für bis zu 800 Personen. Es kann bei Bedarf in zwei oder drei kleinere Hörsäle unterteilt werden und eignet sich nicht nur für Vorlesungen, sondern auch für Konferenzen, Symposien und externe Veranstaltungen.

Diese Mehrfachnutzung erhöht die Auslastung der Flächen und reduziert den Bedarf an zusätzlichen Gebäuden – ein oft unterschätzter, aber wesentlicher Nachhaltigkeitsaspekt.

Markante Rotunde

Städtebaulich setzt man bei der neuen Fakultät Aarhus BSS auf Offenheit und Durchlässigkeit. Die markante Rotunde des Auditoriums aus Glas und Aluminium bildet einen neuen Mittelpunkt im Quartier. Sie fungiert als räumliches wie symbolisches Bindeglied zwischen Universität und Stadt. Transparenz und Zugänglichkeit sind dabei bewusst eingesetzte Gestaltungsmittel: Der Campus versteht sich nicht als abgeschotteter Wissensraum, sondern als öffentlicher Ort des Austauschs.

Der Campus Aarhus zieht die Stadt in sich hinein, auch die historische: Den alten Gemäuern wurde Respekt gezollt.

Diese Haltung spiegelt sich auch in der engen Verzahnung mit dem umliegenden Stadtraum wider. Wege, Plätze und Grünräume verbinden den neuen Campus mit dem Universitätspark und den bestehenden Gebäuden der Universitätsstadt. Landschaftsarchitektonisch begleitet wurde das Projekt von LYTT Architecture. Die Planung berücksichtigt Aufenthaltsqualität, Biodiversität und klimaresiliente Freiräume.

Frühzeitige Einbindung der künftigen Nutzer

Ein oft vernachlässigter Aspekt nachhaltiger Architektur ist die frühzeitige Einbindung der späteren Nutzerinnen und Nutzer. Bei diesem Projekt hat man sehr früh damit begonnen: Bereits 2018 startete ein umfassender partizipativer Prozess: Studierende und Lehrende brachten ihre Bedürfnisse, Arbeitsweisen und Zukunftsvisionen ein. Auf dieser Basis wurde jeweils der Flächenbedarf analysiert und es wurden räumliche Konzepte entwickelt, die den realen Alltag der Fakultät widerspiegeln.

Kein abgeschotteter Wissensraum: Transparenz und Zugänglichkeit waren wesentliche Leitkriterien.

Auch die flexible Nutzung, neben der Langlebigkeit der Materialien, macht den nachhaltigen Charme des Campus Aarhus aus.

Das Ergebnis sind Lernumgebungen, die Kommunikation und interdisziplinäre Zusammenarbeit fördern, informelle Begegnungen ermöglichen und zugleich Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten bieten. Nachhaltigkeit zeigt sich hier nicht nur in technischen Kennzahlen, sondern auch in der langfristigen Nutzbarkeit und Akzeptanz der Gebäude.

Modellcharakter für künftige Hochschulbauten

Mit dem Aarhus BSS entstand ein Campus, der beispielhaft zeigt, wie nachhaltige Hochschularchitektur heute gedacht werden kann: als flexibles, langlebiges und urban integriertes System. Die Verbindung von ressourcenschonender Bauweise, sozialer Offenheit und funktionaler Anpassungsfähigkeit macht das Projekt zu einem relevanten Referenzpunkt – nicht nur für Dänemark, sondern für den internationalen Diskurs über zukunftsfähige Bildungsbauten.

Campus Aarhus: Hochschularchitektur höchst ansprechend gestaltet.

In einer Zeit, in der Universitäten zunehmend als Akteure urbaner Entwicklung verstanden werden, setzt der gesamte Campus ein klares Zeichen: Nachhaltigkeit ist kein isoliertes Ziel, sondern das Ergebnis einer ganzheitlichen Haltung, in der Architektur, Stadt und Gesellschaft untrennbar miteinander verbunden sind.

Text: Linda Benkö
Fotos/Renderings: AART Architecture

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