Die Casa Cumaru im brasilianischen Barueri, entworfen vom lokal ansässigen Architekturbüro FGMF Arquitetos, könnte ein schlichtes Haus im Kolonialstil sein. Ist sie aber nicht. Vielmehr ist sie der Beweis, wie sich moderne Architektur in die Natur einbetten lässt.

Ein Einfamilienhaus. Der Wohnbereich im Erdgeschoss, die Schlafräume im ersten Stock. Eine Veranda. Ein Balkon. Standort: Barueri im brasilianischen Bundesstaat São Paulo, rund eine Autostunde von dessen gleichnamiger Hauptstadt entfernt.

FGMF Arquitetos: Risszeichnung Casa Cumaru
Der Entwurf von FGMF Arquitetos zeigt, wie sich moderne Architektur im urbanen Raum in die Natur einbinden lässt.

Was wie die Beschreibung eines typisch brasilianischen Sobrados klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als mehr. Viel mehr. Denn die Casa Cumaru, entworfen von FGMF Arquitetos, hat nicht nur baulich wenig mit dem jahrhundertealten, klassischen Kolonialstil der Sobrados zu tun. Sie ist vielmehr ein Beweis, dass moderne Architektur nicht im Widerspruch zur Natur stehen muss, sondern sich auch im urbanen Raum perfekt in diese einfügen kann.

Zurück zur Natur

Denn Natur spielt in und um Barueri eine ganz besondere Rolle. Die 350.000-Seelen-Gemeinde liegt in der ursprünglich von dichtem Regenwald bedeckten Region Mata Atlântica. Aufgrund weitgehender Urbanisierung erinnern heute nur noch städtische Alleen und Parks sowie einzelne dichte, immergrüne Wälder an diesen tropischen Urwald. Grüngürtel und üppig bepflanzte Gärten prägen zudem Teile des Stadtbildes – wie jener, in dem die Casa Cumaru liegt.

Casa Cumaru, Blick auf den Pool, die Terrasse und die Holzverkleidung im ersten Stock.
Die Casa Cumaru trägt ihren Namen mit Sicherheit zu Recht, …

Swimminpool, darüber ein gläserner Balkon zwischen Holz-Elementen.
… ist Cumaru-Holz doch hier allgegenwärtig.

FGMF Arquitetos wollten ebendieser Verbindung zur Natur in ihrem Design Ausdruck verliehen. Sie entwarfen in einem der dichtbepflanzten Gärten auf einem Hügel mit Blick über Barueri ein hochmodernes Eigenheim, das aufgrund des fast vollständig verglasten Erdgeschosses den Eindruck eines Baumhauses erweckt: Der erste Stock scheint über der Vegetation des Gartens regelrecht zu schweben. Vier massive Betonpfeiler tragen das obere Volumen im hinteren Bereich des Hauses, während vorne eine Stahlkonstruktion, auf der das auskragende Betondach aufliegt, von zwei weiteren Pfeilern gestützt wird. Dieses hybride Tragwerk überdeckt die großzügige Veranda sowie den Infinity-Pool.

Der Name ist Programm

Auch das Design des ersten Stocks sorgt dafür, dass sich der Vergleich mit einem Baumhaus aufdrängt. Denn neben Glas und Beton spielt hier Holz die Hauptrolle – und es wird deutlich, warum FGMF Arquitetos ihrem Projekt den Namen Casa Cumaru gegeben haben. So ist das Obergeschoss mit einer Verkleidung aus Cumaru umgeben; aus demselben Holz sind die beweglichen Brise Soleils, die sich über die gesamte obere Fassadenlänge erstrecken. Ihre Lamellen sorgen einerseits für Beschattung, andererseits für Privatsphäre – sowie für Schutz vor Unwettern, gilt Cumaru doch als eine der härtesten und widerstandfähigsten Holzsorten. Es kommt aufgrund seiner Eigenschaften unter anderem im Schiffsbau und bei Bootsanlegestellen zum Einsatz. „Seine natürliche Patina verstärkt die Authentizität des Hauses“, so FGMF Arquitetos.

Terrasse mit überhängender Beton-Stahl-Konstruktion
„Pflanzen wachsen bis in die Innenräume, manchmal nur durch eine Glasscheibe von diesen getrennt“, so das Studio.

Auf dem 731 Quadratmeter großen Grundstück erstreckt sich die Wohnfläche über drei Ebenen auf insgesamt 1.275 Quadratmetern. Das Erdgeschoss der Casa Cumaru ist fast zur Gänze dem Wohn-Ess-Kochbereich vorbehalten. Fast, weil sich hier auch noch eine vom Garten begehbare Sauna befindet. Das Obergeschoss umfasst vier Suiten, ein Büro und ein Heimkino, das Untergeschoss die Garage sowie Technik- und Serviceräume.

Sinnliche Erfahrung

Das Haus trägt seinen Namen mit Sicherheit zu Recht: Holz dominiert in allen Bereichen, Cumaru ist omnipräsent: an den Decken, als Schiebetüren in den Schlafzimmern, am Poolrand, am Balkonboden. Lediglich im Essbereich der Terrasse arbeitete man mit Shou Sugi Ban, einer traditionellen japanischen Technik zur Oberflächenbehandlung von Holz. Bei dieser wird die äußere Schicht durch kontrolliertes Abbrennen verkohlt („karbonisiert“).

Casa Cumaru von FGMF Arquitetos, Plan des Erdgeschosses
Das Erdgeschoss ist dem Wohn-Ess-Kochbereich vorbehalten.

Casa Cumaru, Plan des Obergeschosses
Im Obergeschoss befinden sich vier Suiten, ein Büro und ein Heimkino.

„Das Haus lebt von seiner Leichtigkeit und Transparenz. Innen und außen“, so das Studio. „Architektur und Natur sind hier nicht länger getrennte Welten. Pflanzen wachsen bis in die Innenräume, manchmal nur durch eine Glasscheibe von diesen getrennt. Mal bilden sie das Landschaftsbild, mal verschwinden sie unter dem auskragenden Dach neben dem Pool. So entsteht ein harmonisches Ganzes – geformt aus Beton, Stahl, Glas, Holz, Wasser und Vegetation. Ein Wohnhaus, das nicht nur Raum bietet, sondern Architektur als sinnliche Erfahrung inszeniert.“

Text: Michi Reichelt
Bilder: Fran Parente

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