Cedar House
#architektur

Zwischen Birke und Zeder

Architektur im Dialog mit dem Gewachsenen: In Chicago hat ein Haus aus den 1940er Jahren im Colonial-Revival-Stil neu zu sich selbst gefunden. Gelungen ist dies dem Cedar House mit der behutsamen Unterstützung des Studios moss design.

In vielen amerikanischen Städten verschwinden regelmäßig ältere, nicht denkmalgeschützte Häuser durch Abriss und Neubebauung oder werden stark verändert – egal ob im Colonial-Revival-Stil oder ältere aus der georgianischen Epoche. Historische Bausubstanz ist verletzlich, wenn kein formeller Schutz besteht. Alter allein ist nur in den seltensten Fällen ein automatischer Schutz.

Gleichzeitig zeigt sich ein gegenläufiger Trend: In Gegenden mit starker städtebaulicher Identität oder wachsender Nachfrage nach Wohnen in älteren Gemäuern sind Renovierungen historischer Häuser genauso stark verbreitet. Viele Häuser werden heute modernisiert, energetisch saniert und gleichzeitig – soweit möglich – architektonisch erhalten.

Cedar House: Wurzeln im Colonial Revival-Stil

Dies war auch beim „Cedar House“ in Chicago, einem Haus im Stil der Colonial-Revival-Architektur aus den 1940er Jahren, der Fall. Es steht – neben dem üppig bepflanzten Garten – ruhig, zurückhaltend und tief in seinem städtischen Kontext verwurzelt da. Und im Zentrum des Gartens, ein Blickfang: Eine alte Birke, mit ihrer weiß bis silbrig-hellen Rinde. Ihre Präsenz prägt den Ort seit Jahrzehnten. Und sie wurde daher auch zum Ausgangspunkt einer Renovierung, die das Haus nicht nur räumlich öffnet, sondern auch neu mit seiner Umgebung in Beziehung setzt.

Als Colonial-Revival-Architektur (im Englischen auch Neocolonial, Georgian Revival oder Neo-Georgian) wird eine nationalistische Designbewegung in den Vereinigten Staaten bezeichnet, die Anfang des 20. Jahrhunderts Verbreitung fand. Als Teil der Colonial-Revival-Bewegung griff die so bezeichnete Architektur Stilelemente im Bereich der Gebäude- und Innenarchitektur sowie der Gartengestaltung aus der nordamerikanischen Kolonialzeit auf, in der Gebäude im georgianischen oder neoklassizistischen Stil errichtet worden waren.

Birke und Zeder in unterschiedlichen Rollen

Die Georgianische Architektur wiederum war in den englischsprachigen Ländern zwischen 1720 und 1840 üblich. Der Name kommt von den Monarchen mit Namen George, die in dieser Zeit in Großbritannien regierten. Mehr als in jeder anderen Periode der englischen Architekturgeschichte findet sich in der Georgianischen Architektur ein Rückbezug auf die klassische griechische und römische Architektur.

Cedar House
Es geht auch ohne Abriss: Das Cedar House in Chicago mit dem straßenseitigen, alten Bestand.

Cedar House
Der mit Zedernholz verkleidete Anbau hinten mit extra großer Schiebetür zum Garten.

Den zeitgenössischen Anbau des Cedar House haben die Experten bei moss design mit einer geschwungenen Zedernholzverkleidung umhüllt. Diese gab dem Projekt schließlich seinen Namen. Während das Bestandsvolumen seine historische Zurückhaltung bewahrt, symmetrisch und geschlossen, markiert der Anbau den zeitgenössischen Eingriff. Der warme Ton und die feine Textur, weich und taktil, lassen Alt und Neu nicht konkurrieren, sondern miteinander in den Dialog treten.

Birke und Zeder übernehmen dabei unterschiedliche Rollen: Die eine ist gewachsen und unverrückbar, ein landschaftlicher Anker. Die andere ist gewählt und gestaltet. Der Dialog wird mit der Zeit immer harmonischer ausfallen, denn Zedernholz altert würdevoll, es reagiert auf Licht und Wetter. Das Zedernholz fungiert als architektonische Haut.

Ein Garten auf Distanz

Doch was haben moss design nun aus dem Innenleben des in die Jahre gekommenen Hauses gemacht? Wie viele Häuser dieser Epoche in Chicago war auch dieses durch kleinteilige, voneinander getrennte Innenräume und eine eingeschränkte Beziehung zum Außenraum gekennzeichnet. Die baufällige rückwärtige Veranda – während der Pandemie notdürftig zum Homeoffice umfunktioniert – schnitt die Hauptwohnräume „effektiv“ vom Garten ab. Trotz seiner großzügigen Grundstücksgröße wirkte das Haus auf diese Weise nach innen orientiert, der Garten blieb visuell und funktional auf Distanz.

Cedar House
Das vorhandene Split-Level-System des Hauses wurde weiterentwickelt. Die polierten Betonböden haben eine integrierte Fußbodenheizung.

Cedar House
Mix aus Alt und Neu auch im Inneren: die frei gelegte ursprüngliche Ziegelwand und moderne Sitzgelegenheiten. Der Holzofen sorgt für das Hygge-Gefühl.

Die Bauherren, ein pflanzenliebendes Paar mit Hund, wünschten sich ein offeneres Zuhause: einen großzügigen Gemeinschaftsraum, eine ruhige, luxuriöse Schlafzimmersuite und vor allem eine selbstverständliche Verbindung zwischen Innenraum und Garten. Gleichzeitig sollten der Charakter des Bestands und die markante Birke unbedingt erhalten bleiben. Für moss design bedeutete dies, zwischen Bewahrung und Transformation eine präzise Balance zu finden.

Split-Level als räumliche Chance

Ein zentrales Entwurfselement war das vorhandene Split-Level-System des Hauses. Anstatt es zu nivellieren, wurde es bewusst weiterentwickelt. Die ursprüngliche Grundrissstruktur im vorderen Bereich blieb erhalten, um die historische Fassade und ihre Beziehung zum Vorgarten zu respektieren. Eingang, Wohnzimmer, Küche und Gästetoilette befinden sich weiterhin auf der bestehenden Ebene.

Cedar House
Badezimmer mit Oberlichtern und Milchglaswand.

Cedar House
Gäste-WC mit gelbem Waschbecken aus Beton als Blickfang.

Erst im hinteren Bereich beginnt die räumliche Öffnung. Die Veranda wurde vollständig entfernt, das ehemals abgesenkte Familienzimmer auf Gartenniveau angehoben. Diese Entscheidung reagiert auf ein typisches Problem traditioneller Häuser in Chicago, deren Wohnräume oft mehrere Stufen über dem Gelände liegen und dadurch den direkten Zugang zum Außenraum erschweren. Das neue Familienzimmer öffnet sich nun über eine großformatige, energieeffiziente Glasschiebetür direkt zum Garten – mit freiem Blick auf die Birke.

Die Split-Level-Struktur ermöglicht dabei großzügige Raumhöhen von bis zu 3,65 Metern im Familienzimmer, einen offenen Grundriss in den Hauptwohnbereichen und einen zusätzlichen Teilkeller, der Platz für die Waschküche bietet.

Zwischen robust und hyggelig

Im Inneren setzen polierte Betonböden mit integrierter Fußbodenheizung einen robusten, zugleich wohnlichen Akzent. Sie eignen sich besonders für stark frequentierte Bereiche und ein Haus mit Haustieren, speichern Wärme effizient und erzeugen eine gleichmäßige, behagliche Atmosphäre. Ein schlichter Holzofen ergänzt das Heizkonzept und verstärkt die hyggeartige Stimmung im Familienzimmer.

Teile des ehemaligen Außenmauerwerks wurden bewusst im Innenraum sichtbar belassen und erinnern an die bauliche Geschichte des Hauses. Eine polierte Betontreppe mit rahmenlosem Glasgeländer verbindet das Familienzimmer mit Küche und Essbereich.

Baumhaus-Feeling

Die neu gestaltete Hauptschlafzimmer-Suite bildet einen ruhigen Rückzugsort über dem Garten. Ihr Mittelpunkt ist ein Spa-ähnliches Badezimmer. Eine Milchglaswand trennt die Badewanne vom Schlafzimmer, lässt jedoch Licht und Raumgefühl zwischen den Bereichen fließen.

Cedar House
Das neu gestaltete Schlafzimmer ist nun auf Baumkronen-Niveau. Das im Inneren dominierende Walnussholz paart sich gut mit dem außen verwendeten Zedernholz.

Die Wände sind mit Serpentinstein aus dem italienischen Aostatal verkleidet, dessen schlangenhautartige Struktur dem Raum Tiefe und Sinnlichkeit verleiht. Mehrere Oberlichter – darunter eines direkt über der Badewanne – fluten den Raum mit Tageslicht und ermöglichen nachts den Blick in den Himmel. Maßgefertigte Walnussholzarbeiten verbinden Badezimmer, Ankleide und Schlafbereich zu einer gestalterischen Einheit. Neue Fenster eröffnen Ausblicke in den Garten und erzeugen ein beinahe baumhausartiges Wohngefühl.

Zukunftsfähig gedacht

Auch energetisch wurde das Cedar House für kommende Jahrzehnte gerüstet. Die bestehenden Dachgauben blieben erhalten, die Dachneigung wurde jedoch neu organisiert und konsequent nach Süden ausgerichtet, um eine spätere Installation von Solarkollektoren ohne zusätzliche bauliche Eingriffe zu ermöglichen. Verglaste Giebelenden ersetzen die frühere Vinylverkleidung, lassen mehr Tageslicht ins Innere und stärken die Verbindung zum Außenraum. Hochleistungsdämmung, reflektierende Dachbeschichtungen und ein ganzheitliches Regenwasserkonzept reduzieren den Energiebedarf nachhaltig.

Diese Renovierung zeigt, wie sich historische Substanz, zeitgemäße Wohnansprüche und ökologische Verantwortung miteinander verbinden lassen. Die Birke blieb nicht nur erhalten – sie wurde zum Mittelpunkt eines Hauses, das sich neu zur Landschaft öffnet. Die Zedernholzverkleidung verleiht dem Ensemble eine zeitgenössische Identität, ohne den Bestand zu überlagern.

Text: Linda Benkö
Fotos: Soluri Photography

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