CityWave
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Mailand surft bald auf der CityWave

Auf dem Gelände der ehemaligen Mailänder Messe wird soeben ein wellenförmiges, neues architektonisches Manifest nach einem Entwurf von BIG vollendet: CityWave Mailand. Der „liegende Wolkenkratzer“ steht – so wie Googles „Landscraper“ in London – für eine neue Stadtkultur.

Die Menschen – oder vielleicht auch „bloß“ die Auftraggeber oder Architekturbüros – haben offenbar Sehnsucht nach „Landscrapern“. Während das rekordverdächtige neue Google-Headquarter in London allmählich fertiggestellt wird, hat ein weiterer dieser liegenden Riesen im April 2025 während der Mailänder Designwoche Richtfest gefeiert: CityWave, ebenfalls nach einem Entwurf des renommierten dänischen Architekturbüros Bjarke Ingels Group (BIG) in Realisation.

Einmal mehr hat sich BIG bewusst für die Horizontale entschieden. Und auch das CityWave in Mailand wird als Meilenstein in einem der ehrgeizigsten Stadtentwicklungsprojekte Europas gefeiert. Das 140 Meter lange, elegant geschwungene Solardach aus Holz und Stahl, das zwei neue Bürogebäude im Stadtteil CityLife überspannt, ist nicht nur ein technisches Wunderwerk – es ist auch Symbol einer neuen, klimabewussten Urbanität.

CityWave vor Fertigstellung in 2026
CityWave in Mailand: im April wurde das Richtfest gefeiert.

Da CityWave kein Turm ist, überragt der „liegende Wolkenkratzer“ die Skyline nicht, sondern wirkt als Bindeglied. BIG fügt der Stadt nicht eine weitere architektonische Ikone zu, zu der man staunend aufblicken wird können, sondern schenkt ihr einen Raum der Zusammenkunft.

Ein Dach, das Stadt baut

Das gewaltige Dach – eine Kettenlinie aus Holz und Stahl, vollständig mit Photovoltaikmodulen verkleidet – verbindet die beiden Gebäudeflügel zu einer einzigen, fließenden Form. Auf rund 11.000 Quadratmetern Solarfläche entsteht hier eine der größten städtischen Solaranlagen Europas.

CityWave
BIG ersetzt die Idee der in Italien früher sehr häufigen Zwillingstürme durch zwei mittelhohe Baukörper.

Doch die technische Leistung ist nur eine Seite des Entwurfs. Das Dach spendet Schatten, schützt vor Regen und verwandelt den Raum darunter in eine öffentliche Piazza, die sich nahtlos in das Fußwegenetz des Viertels einfügt.

Wir wollten der Versuchung widerstehen, noch einen weiteren Turm zu bauen. Stattdessen wollten wir einen einladenden, menschlichen Raum schaffen – ein Tor zu diesem neuen Stadtteil und ein Zeichen für Umwelt- und Sozialverträglichkeit.

Bjarke Ingels

Tatsächlich erinnert die Konstruktion weniger an klassische Büroarchitektur als an eine Brücke, die das CityLife-Areal mit dem Rest Mailands verbindet. Ingels selbst beschreibt sie als „Interpretation der Galleria Vittorio Emanuele II für das 21. Jahrhundert“. Die Einkaufspassage aus dem 19. Jahrhundert besteht aus zwei sich kreuzenden Armen, die von einem tonnenförmigen Glasdach überspannt werden.

CityWave
Für die Wolkenkratzer sind die anderen zuständig (Zaha Hadid, Arata Isozaki und Daniel Libeskind). BIG hat sich ein weiteres Mal für einen liegenden Riesen entschieden. Dieser wirkt wie ein Bindeglied.

Das CityWave ist demnach eine Hommage an Mailands historische Leidenschaft für großzügige, überdachte Räume, in denen Arbeit, Freizeit und Öffentlichkeit ineinanderfließen.

Drei Mal Platin

CityWave ist Italiens erstes Büroprojekt, das WiredScore Platinum, WELL Platinum und LEED Platinum zugleich erreicht. Diese Dreifach-Zertifizierung steht nicht nur für smarte Gebäudetechnologie und Energieeffizienz, sondern auch für ein gesundes Raumklima und soziale Nachhaltigkeit.

Das Energiesystem kombiniert passive Kühlung, thermische Energiespeicherung und die Nutzung von Grundwasser zur Temperaturregulierung. Diese Strategien senken den Energieverbrauch im Vergleich zu ähnlichen Gebäuden um bis zu 40 Prozent.

Das CityWave ist ein Plus-Energie-Gebäude

Gleichzeitig produziert das Solardach ausreichend Strom, um den Betrieb weitgehend autark zu gestalten. Damit geht CityWave über die Idee der „Nullbilanz“ hinaus – es liefert mehr Energie, als es verbraucht.

CityWave
CityWave: Vielleicht die erste Architektur-Ikone, die sich selbst zurücknimmt, um der Stadt mehr Raum zu geben.

CityWave
Ein Baldachin aus gespannten Stahlseilen und technischem Holz verbindet die beiden mittelhohen Türme.

Die Materialwahl folgt einem konsequent nachhaltigen Ansatz: Recycelter Stein an den Fassaden erinnert an das traditionelle Mailänder Mauerwerk. Die tragenden Strukturen sind aus „technischem Holz“ gefertigt. Technische Hölzer sind modifizierte Hölzer, die sich durch hohe Belastbarkeit, Formstabilität und präzise Bearbeitbarkeit auszeichnen. Das Ergebnis ist eine Architektur, die warm und einladend wirkt. Zugleich ist sie zukunftsorientiert.

Zwischen Schatten und Licht

Die beiden Gebäude – 105 und 53 Meter hoch – umrahmen 4.500 Quadratmeter an Loggien, Terrassen und Innenhöfen. Diese ermöglichen eine natürliche Durchlüftung. Durch die großen Glasfassaden fällt Licht tief ins Innere der Büros. Kurz: Es ist eine Architektur, die Offenheit und den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Anstatt zwei Türme zu schaffen, haben wir zwei Innenhofgebäude entworfen, die nicht durch ihre Höhe, sondern durch ihre Verbindung definiert sind.

BIG-Partner Lorenzo Boddi

Von oben betrachtet, wirkt die Konstruktion für den Bauherrn Generali Real Estate wie eine Welle, die sich durch das Stadtgefüge zieht. Auf den Dachterrassen und in der Sky Bar eröffnet sich ein weiter Blick auf die Alpen und den Monte Rosa – hier trifft sich das Angenehme mit dem Nachhaltigen.

Vom Messegelände zum Zukunftsquartier

CityLife, das auf dem Gelände der ehemaligen Mailänder Messe, der Fiera Campionaria, entstand, ist längst zu einem der spannendsten Stadtviertel Europas geworden. Seit den frühen 2000er-Jahren wird hier auf einer Fläche von 366.000 Quadratmetern an einem neuen urbanen Paradigma gearbeitet – einer Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Freizeit und öffentlichem Park.

Die Piazza mit den drei „Torri“, den drei Objekten von Zaha Hadid, Arata Isozaki und Daniel Libeskind, allesamt klassisch im Sinne der vertikalen Ausrichtung, bildet das Zentrum. Mit CityWave kommt jetzt fast so etwas wie eine horizontale Krönung hinzu.

CityWave
Technologie wird dank der Bjarke Ingels Group zu fast sinnlicher Atmosphäre.

CityWave
Jede architektonische Geste des CityWave ist auf Offenheit und Kontinuität ausgerichtet.

Technisch betrachtet, ist CityWave ein Meisterwerk modularer Fassade. Ein strukturell silikonverglastes System mit Sonnenschutzbeschichtung sorgt für maximale Lichtausbeute bei minimaler Wärmeentwicklung. Alternierende Doppelkammersysteme und Brüstungseinheiten schaffen rhythmische Tiefe, während Aluminiumverkleidungen die filigrane Konstruktion akzentuieren.

Technologie wird zu Atmosphäre

Doch bei aller Ingenieurskunst bleibt das emotionale Moment spürbar. Das Licht, das durch die Lamellen fällt, das leise Knarren der Holzträger, der Schattenwurf des Solardachs … all das verleiht der Architektur eine sinnliche Dimension. BIGs Entwurf transformiert Technologie in Atmosphäre.

CityWave
Das Projekt gewinnt die Bodenfläche mit einem Fußgängerplatz im Zentrum zurück.

Mit CityWave schließt sich ein Kreis: Die ehemalige Messe wird zum lebendigen Stadtquartier, das Vergangenheit und Zukunft verbindet. Wo einst die Warenströme Italiens zirkulierten, fließt nun Energie – Sonnenenergie, menschliche Energie, kreative Energie.

Bjarke Ingels gelingt es, mit einer einzigen Geste vieles zu vereinen: Nachhaltigkeit und Symbolik, Innovation und italienische Eleganz.

Wenn das Projekt 2026 fertiggestellt wird, möglicherweise sogar zeitgleich mit Googles Landscraper, das von BIG im Doppelpack mit Heatherwick entworfen wurde, wird das 140 Meter lange Solardach nicht nur eines der größten Europas sein. Es wird auch ein Sinnbild für eine neue Art, Stadt zu denken sein: Nicht als Summe von Objekten, sondern als Netzwerk von Beziehungen.

Text: Linda Benkö
Fotos/Renderings: BIG, B&TB, Struttura Leggera, Alberto Fanelli

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