Čoarvemátta, Kautokeino, Norwegen, Snøhetta, 70°N arkitektur
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Holzbau über dem Polarkreis

In Europas Hohem Norden ist ein Projekt entstanden, das die indigene Kultur der Samen für die kommenden Generationen bewahrt. Čoarvemátta von Snøhetta und 70°N arkitektur ist ein skulpturaler Holzbau, der zwischen Schule, Theater und Rentierzucht vermittelt.

In einer der kältesten Regionen Skandinaviens, weit über dem Polarkreis, liegt Kautokeino. In dieser norwegischen Gemeinde sind die Samen, Europas einzige anerkannte indigene Bevölkerungsgruppe, in der Überzahl. Deshalb hat sich hier im Lauf des letzten Jahrhunderts ein wichtiges kulturelles Zentrum dieses Volkes etabliert. Neben der Grundschule, die gerade von Ola Roald Arkitektur erneuert wird, hat der kleine Ort auch eine samische Hochschule, die seit 1988 auch die Nationale Rentierzüchterschule umfasst. Als der Bedarf nach größeren, moderneren Räumlichkeiten nicht mehr aufzuschieben war, entschied man sich für einen Neubau. Um Ressourcen zu schonen und Synergien zu nutzen, gründete man mit dem Sámi-Nationaltheater Beaivváš ein gemeinsames Kulturzentrum: Čoarvemátta.

Čoarvemátta, Kautokeino, Norwegen, Snøhetta, 70°N arkitektur
Ein sechseckiges Oberlicht im Eingangsbereich des neuen Kulturzentrums erinnert an die Rauchöffnungen der samischen Zelte.

Der Name des Gebäudes leitet sich von den samischen Begriffen Čoarvi und mátta ab, was Horn und Wurzel bedeutet. Er bezeichnet den unteren, stärksten Teil eines Geweihs, der traditionell im Duodji, dem samischen Kunsthandwerk, verwendet wird. „Diese unterste Verzweigung des Rentiergeweihs symbolisiert zwei Elemente, die zusammenkommen: Čoarvemátta steht für die Einheit von Theater und Schule und setzt das Potenzial frei, das im Spannungsfeld zwischen der schulischen Praxis und der Erzählkunst des Theaters liegt“, heißt in der Projektbeschreibung von Snøhetta und 70°N arkitektur, die zusammen mit dem samischen Künstler Joar Nango für Entwurf und Planung des Bildungsbaus verantwortlich zeichnen.

Aerodynamisch geformt

Die Formgebung des Neubaus erschließt sich aus der gewaltigen Weite der Finnmarksvidda, der größten Hochebene des Landes. Es ist eine Landschaft, die keine monumentalen Bauten verträgt, die sich gegen den Wind stemmen. 

Čoarvemátta, Kautokeino, Norwegen, Snøhetta, 70°N arkitektur
Frostige Temperaturen von bis zu -40 Grad Celsius machen das Holzdach im Winter zur eisigen Spiegelfläche.

Den Planerinnen und Planern war es daher wichtig, ein Gebäude zu schaffen, das der Natur so nah kommt wie nur möglich. „Es werden natürliche Materialien wie Holz und Stein verwendet, das Gebäude passt sich den Formen des Geländes an, und das Dach zieht sich bis zum Boden, um der Landschaft auf Augenhöhe zu begegnen“, so die Architekten.

Das Dach zieht sich bis zum Boden, um der Landschaft auf Augenhöhe zu begegnen.

Snøhetta und 70°N arkitektur

Mit seiner geschwungenen Form scheint es, als wäre der Bau durch das Einwirken von Wind und Wetter entstanden. Ähnlich einem Baum, der durch beständigen Wind in eine Richtung wächst, winden sich Dach- und Fassadenflächen um das zweigeschossige Gebäude. Auf diese Weise nimmt sich das Volumen des Neubaus in der Landschaft zurück und „minimiert den Höheneffekt aus der Ferne“. 

Čoarvemátta, Kautokeino, Norwegen, Snøhetta, 70°N arkitektur
Das Dach, eine Fläche von fast 5.000 Quadratmetern, ist mit 34.000 Metern Kebony-Holz gedeckt.

Čoarvemátta, Kautokeino, Norwegen, Snøhetta, 70°N arkitektur
Die Giebelseite des Theaters ist mit Alta-Schiefer gedeckt, der von der alten Grundschule stammt.

Das Dach, eine Fläche von fast 5.000 Quadratmetern, ist mit 34.000 Metern Kebony-Holz gedeckt. Dabei handelt es sich um ein in Norwegen patentiertes Verfahren zum Konservieren von Nadelhölzern. Diese werden in Bio-Alkohol getränkt und unter Hitze ausgehärtet. Dadurch verändert sich die Zellstruktur des Holzes und es entstehen ähnlich robuste Eigenschaften wie bei Tropenhölzern, und das ganz ohne den Einsatz von Chemie.

Verzweigt wie ein Rentiergeweih

Die verzweigte Form des Baukörpers repräsentiert die drei Zweige der Bildungseinrichtung – das Theater, die Schule und die Verwaltung. Zugleich ähnelt es jenen Schnitzereien, die im samischen Kunsthandwerk aus Rentiergeweihen gefertigt werden. Somit findet sich Čoarvemátta, der Name der Institution, auch in der Form des Gebäudes wieder.

Čoarvemátta, Kautokeino, Norwegen, Snøhetta, 70°N arkitektur
Die Holzkonstruktion nimmt Anleihen bei den indigenen Bauweisen, in und um das Gebäude sind Kunstwerke von Samen ausgestellt.

Čoarvemátta, Kautokeino, Norwegen, Snøhetta, 70°N arkitektur
Die Skulptur Girdinoaiddi loddi / Der Vogel des fliegenden Schamanen (1988) von Aage Gaup ist im Freien aufgestellt.

In der Mitte der drei Gebäudeflügel befindet sich der Haupteingang und das zentrale Vestibül. Hoch oben an der Decke erinnert ein sechseckiges Oberlicht an die Rauchöffnung eines Lavvu, der traditionellen Zeltbehausung der Sami. Auch die markante Dachkonstruktion mit den überkreuzten Leimbindern erinnert an die Art, wie die Sami ihre Zelte bauen.

Die Hängeleuchten, die von der hohen Decke im Eingangsbereich hängen, sind ein weiteres Zitat des Rentiergeweihs und der drei Gebäudefunktionen. Tatsächlich hängt auch ein echtes Rentiergeweih an einer der zentralen Holzstützen.

Ein Leuchtturm der Nachhaltigkeit

Die Materialwahl im Inneren ist eine Hommage an die Gegend und ihre natürlichen Ressourcen.

Čoarvemátta, Kautokeino, Norwegen, Snøhetta, 70°N arkitektur
Die verzeigte Form des Gebäudes ist an ein Rentiergeweih angelehnt.

So sind die geschliffenen Betonböden mit lokalem Masi-Quarzit versetzt, und die Giebelseite des Theaters ist mit Schiefer aus der Alta-Region gedeckt. Das Material hat man beim Abriss der alten Grundschule geborgen und beim Bau des neuen Kulturzentrums wiederverwendet. Dieses Konzept der Ressourcenschonung ist in der samischen Kultur tief verwurzelt.

Auch sonst hat man der Nachhaltigkeit beim Bau und beim Betrieb von Čoarvemátta Rechnung getragen. Das Gebäude erfüllt den Passivhaus-Standard und ist zu 90 Prozent energieautark. Die erneuerbare Energie liefern Erdwärmesonden für Heizung und Kühlung. 

Natur statt Parkanlage

Auch die Außenanlagen folgen einem stringenten ökologischen und soziokulturellen Ansatz.

Čoarvemátta, Kautokeino, Norwegen, Snøhetta, 70°N arkitektur
Die verzweigte Form des Baukörpers repräsentiert die drei Zweige des Kultur- und Bildungsbaus – das Theater, die Schule und die Verwaltung.

In der samischen Kultur gibt es keine Tradition der Landschaftsgestaltung in Form von Parks oder Gärten. Verlässt man das Lavvu, dann befindet man sich inmitten der Natur. Deshalb hat man auch bei diesem Projekt – abgesehen von einer Terrasse – auf eine aktive Gestaltung der Grünflächen verzichtet. 

Stattdessen stellten die Planer sicher, dass der Mutterboden mit den ursprünglichen Samenbeständen während der Bauphase zwischengelagert wurde. Nach der Fertigstellung hat man diese Erde wieder rund um das Gebäude ausgebracht. Auf diese Weise kann die natürliche Vegetation des Hochplateaus wieder nachwachsen.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Lars Petter Pettersen, SveinSolheim, Magdalena Haggärde

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