Die variablen vier Wände
Das robuste Haus in München zeigt, dass auch auf Kleinstgrundstücken Großes entstehen kann. In Zeiten von akuter Wohnungsnot und Vereinsamung zeigt das Mehrgenerationenhaus von etal. ArchitektInnen ein Wohnmodell für die Zukunft.
Im Südosten von München liegt der bevölkerungsstärkste Stadtbezirk Ramersdorf-Perlach, der von starken Kontrasten geprägt ist. Auf der einen Seite trifft man auf dörfliche Strukturen. Sie erzählen von der Zeit, bevor die Stadt im Ringen um neue Wohn- und Gewerbeflächen über ihre einstigen Grenzen hinausgewachsen ist. Auf der anderen Seite stehen hier große Wohnanlagen und Hochhäuser vom Reißbrett. Sie sind Zeugnisse vom rationalen Städtebau der Nachkriegszeit, als man die Wohnungsnot in „gebaute Utopie“ auf der grünen Wiese umsetzte. So entstand die für 80.000 Menschen konzipierte „Entlastungsstadt“ Neuperlach. Dazwischen pendelt sich die Nachbarschaft irgendwo zwischen Einfamilienhäusern, Reihenhaussiedlungen und dem Grün der Kleingärten ein.
An der Görzer Straße trifft man auf einen kompakten, dreigeschossigen Baukörper, der sich schon optisch von seiner gebauten Nachbarschaft abhebt. Aber auch typologisch will der Bau nicht so recht in die altbekannten Schubladen passen. Bei dem Wohnhaus handelt es sich um ein Projekt der Münchner Architektinnen Gesche Bengtsson, Elena Masla und Zora Syren vom Büro etal. Warum sie es das robuste Haus genannt haben, erschließt sich bei näherer Betrachtung der Planungsdetails.
Ein nahbarer Wohnbau aus Holz
Die Materialkombination aus Holz, Trapezblech und grünen Rollos an der Fassade liefert den ersten Hinweis, dass man es hier nicht mit einem konventionellen Wohnhaus zu tun hat. Das schräg auskragende Blech bildet ein kleines, schützendes Vordach über den Fenstern. Unter dem Vorsprung sind jeweils die Holzrollos untergebracht. Die Gestaltung bildet eine feine Balance aus ökonomischem Pragmatismus und kreativem Materialeinsatz.
Konstruktiv setzt das Gebäude konsequent auf nachhaltige Bauweisen. Die Wände bestehen aus Holzrahmen mit einer Dämmung aus Zellulose und Holzwolle. Die Decken und Aufzugswände wurden aus Brettschichtholz gefertigt. Besonders markant ist der schräg aus dem kompakten Volumen herausragende Treppenkern. Dies ist der einzige gestalterische Bruch in der ansonsten strengen Geometrie, der dem Haus eine markante Silhouette verleiht.
Das Sparrendach ist als offene Struktur sichtbar, was den Räumen ein fast atelierartiges Gefühl verleiht. Die offen zutage tretende Konstruktion und der bewusste Verzicht auf Verkleidungen spart Ressourcen und macht das Haus nahbar. Reparaturen oder kleine Veränderungen können von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst durchgeführt werden. Diese Möglichkeit der persönlichen Aneignung ist etwas, das in der Welt des modernen Wohnbaus oft verloren geht.
Robust und wandelbar
Typologisch handelt es sich bei dem Gebäude um ein Mehrgenerationenhaus mit gemeinschaftlichen Wohnformen. Es ist das Ergebnis eines Experiments, das langfristig bezahlbaren Wohnraum bereitstellen und Erfahrungswerte für die Stadt mit Baugruppenprojekten liefern sollte. Als der Zuschlag für ein städtisches Grundstück 2021 an die Gruppe Görzer128GmbH ging, begann ein kooperativer und partizipativer Planungsprozess unter der Leitung von etal.
Der Begriff der Robustheit zieht sich wie ein roter Faden durch den Entwurf. Doch wer bei „robust“ an starr oder unnachgiebig denkt, der irrt. Für die Architektinnen von etal. steht Robustheit für Dauerhaftigkeit. Und damit ein Haus über lange Zeit bestehen kann, muss es wandelbar sein. Daher ist das Gebäude so konzipiert, dass es auf die sich verändernden Lebensphasen seiner Bewohner reagieren kann.
Flexibilität durch Sollbruchstellen
In jedem der drei Geschosse befindet sich eine Clusterwohnung. Dabei verfügt jeder Bewohner über ein privates Zimmer von etwa 18 Quadratmetern – klein genug, um Ressourcen zu sparen, aber groß genug für einen Rückzugsort. Ergänzt werden diese privaten Zellen durch großzügige Wohn- und Essbereiche in jeder Etage. Im Erdgeschoss gibt es zusätzlich einen Mehrzweckraum mit angeschlossener Terrasse, im Untergeschoss eine Werkstatt und einen Waschraum. Diese Bereiche werden von allen gemeinschaftlich genutzt.
Das Besondere liegt in der Vorplanung: Die Zimmer sind mit sogenannten „Sollbruchstellen“ versehen. Das sind vorgeplante Wanddurchbrüche mit Sturz und Schwelle, mit deren Hilfe sich Räume entweder miteinander koppeln oder von einander abtrennen lassen. So können Wohnungen zu Wohngemeinschaften zusammengeschlossen oder in kleinere Einheiten für das Mehrgenerationenwohnen aufgeteilt werden. Je nach Bedarf finden zwischen 11 und 21 Personen Platz.
Gemeinschaftlich finanziert
Finanziert wurde das Drei-Millionen-Euro-Projekt aus unterschiedlichen Quellen. Neben einer Förderung durch die München Modell-Genossenschaften und Bankkrediten wurde rund ein Drittel der Summe durch Direktkredite von Privatpersonen bereitgestellt.
Das robuste Haus in der Görzer Straße wurde mehrfach ausgezeichnet. Beim Deutschen Architekturpreis 2025 wurde es mit einer Anerkennung bedacht, und beim renommierten DAM Preis war es unter den Finalisten. Diese Preise würdigen ein Projekt, das zeigt, dass weniger individueller Besitz zu mehr gefühlter Freiheit führen kann. Es ist ein Plädoyer für eine neue Wohnkultur: Weg von der Vereinzelung in perfekt optimierten Single-Apartments, hin zu einem solidarischen Miteinander.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Federico Farinatti





