Dekonstruiert und neu erfunden
Ein Architekturkonsortium hat in Kanada den konventionellen Bildungsbau dekonstruiert und mit den Augen eines Kindes neu erfunden. Statt eines großen, mächtigen Volumens, kommt die École de l’Étincelle als kleinteiliges Dorf mit wohnlichen Holzhäusern daher.
Die Bildungsarchitektur hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Waren sie einst Monumente der Disziplin und Festungen für Zucht und Ordnung, so will man heute Schulen schaffen, die den Kindern auf Augenhöhe begegnen. Monolithische, hoch aufragende Bildungsburgen mit langen, hallenden Gängen waren gestern. Heute sollen nahbare Orte entstehen, die sich die Schülerinnen und Schüler zu eigen machen können. Keine Architektur der Einschüchterung, sondern eine, die Schutz bietet und Selbstermächtigung fördert. Ein Paradebeispiel dafür ist die École de l’Étincelle in der kanadischen Stadt Saguenay im Osten des Landes.
Agence Spatiale, Appareil Architecture und BGLA Architecture zeichnen als Konsortium für das innovative Schulkonzept verantwortlich. Sie haben etwas gewagt, das in unserer oft so technokratischen Bauwelt selten geschieht: Sie haben die Architektur konsequent durch die Augen eines Kindes gedacht. Die „Schule des Funkens“, wie sie wörtlich übersetzt heißt, bricht daher radikal mit den Parametern, nach denen ein herkömmlicher Bildungsbau konzipiert ist.
Ein kindgerechter Maßstab
Die Architekten haben das konventionelle Volumen einer schulischen Institution dekonstruiert und in ein Ensemble aus kleineren, überschaubaren Einheiten zerlegt. Das Ergebnis ist ein Schuldorf, das sich in die kleinteilige Bebauungsstruktur des Boroughs Chicoutimi einfügt, anstatt sie zu überragen. Die Gruppierung der Baukörper um einen zentralen Innenhof bildet in sich selbst die dörfliche Siedlungsstruktur ab. Auf diese Weise entsteht ein mittiger Außenraum, der vom städtischen Trubel und den rauen Winden des Fjord-du-Saguenay abgeschirmt ist.
Was besonders heraussticht, sind die drei „Cottages“ mit ihren steilen Satteldächern, wo der Hauptunterricht stattfindet. Im Gegensatz zu herkömmlichen Klassenzimmern brechen diese räumlichen Einheiten mit den gewohnt strikten Sitzreihen. In der Mitte dieser Lernhäuser befinden sich jeweils kleine Begegnungszonen, die gegenseitige Unterstützung und Teamarbeit fördern.
Durch die räumliche Segmentierung wird der große, oft beängstigende Komplex Schule auf ein kindliches, greifbares Maß heruntergebrochen.
Wohlfühlen wie zuhause
Drei separate Flügel fächern sich auf dem Schulgelände auf und definieren die unterschiedlichen Funktionen. Der straßenseitige Trakt beherbergt die Lehrerzimmer und Vorschulklassen, während im Mittelteil ein gemeinschaftliches Lernzentrum samt Bibliothek untergebracht ist. Durch die erweiterten Öffnungszeiten steht dieser Bereich allen Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt offen.
Im Anschluss an die Bibliothek befinden sich weitere Gemeinschaftsbereiche: das Creative Lab, ein Mehrzweckraum mit modernster digitaler Ausstattung, und das Culinary Lab mit einer voll ausgestatteten Gastroküche. Letzteres ist Teil der pädagogischen Initiative Lab-École, die einen gesunden und aktiven Lebensstil als integrale Bestandteile der Bildung sieht.
Ein Funke der Veränderung
Integrativer Unterricht wird an der Schule großgeschrieben und spiegelt sich auch im Raumprogramm wider. Das „Chalet“ ist ein spezieller Raum für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. „Es ist einem Zuhause mit Wohnzimmer, Küche und Essbereich nachempfunden und fördert die sozial-emotionale Entwicklung der jungen Menschen“, heißt es in der Projektbeschreibung. Die Kinder sollen sich in dieser Umgebung wohl fühlen wie zuhause und dadurch Vertrauen zu ihrer Umgebung aufbauen.
Das Chalet ist einem Zuhause mit Wohnzimmer, Küche und Essbereich nachempfunden und fördert die sozial-emotionale Entwicklung der jungen Menschen.
Agence Spatiale, Appareil Architecture und BGLA Architecture
Damit will die „Schule des Funkens“ eine ernstgemeinte Reform anstoßen, die weit über kosmetische Eingriffe in den Lehrplan hinausgehen. „Ein Funke ist das Licht, das große Feuer, große Veränderungen und große Träume entfachen kann. Aus einem einfachen Funken kann alles entstehen“, sagte Schuldirektorin Mélanie Girard. „Unser Funke hat es uns ermöglicht, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Schülerinnen und Schüler bestmöglich entfalten können.“
Holz aus der Region
In Saguenay, einer Region, die tief mit der Forstwirtschaft verwurzelt ist, war die Entscheidung für Holz als primären Baustoff fast zwingend. Die Schule wurde fast vollständig aus lokal bezogenem Holz errichtet. Das sorgt für eine hervorragende CO2-Bilanz und schafft eine thermische und haptische Qualität, die herkömmliche Bauweisen nur schwer erreichen.
Im Inneren definiert das Holz das atmosphärische Raumgefühl. Natürliche Holzoberflächen streuen mit ihrer porösen Struktur das auftreffende Licht und wirken so als Lichtmodulator. In den Zwischenräumen der Cottages entstehen sonnendurchflutete Nischen, die den Schülern als Rückzugs- und Ruheorte dienen.
Hier verschwimmen die Grenzen: Der Flur ist kein reiner Transitraum mehr, sondern mutiert zur stimmungsvollen Begegnungszone mit hoher Aufenthaltsqualität.
Architektur als Pädagoge
Mit der École de l’Étincelle haben die Architekten versucht, einen Ort zu schaffen, an dem sich seine jüngeren wie älteren Nutzer gleichermaßen wohlfühlen. Gemäß dem pädagogischen Konzept Lab-École, mit dem man die Schulen in Québec reformieren will, wird das Schulgebäude zum „dritten Pädagogen“. An die Stelle von starren Klassenräumen treten unterschiedliche Lernbereiche, die eine Vielzahl von Lehr- und Lernmethoden unterstützen.
Durch den dezidierten Wohncharakter der Gebäude soll die Schule zu einem zweiten Zuhause für die Kinder werden. Auf diese Weise entsteht eine Architektur, die ihren formellen, öffentlichen Charakter ablegt und zu einem Ort wird, der privat anmutet. Den Schülern signalisiert er: Du bist hier willkommen, du bist sicher.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Maxime Brouillet








