Schöner wohnen über dem Supermarkt
Die strikte Trennung von Wohn- und Gewerbegebiet war gestern. Der Edeka Wörthsee in Oberbayern, ein kreislauffähiger Holz-Modulbau, verbindet beides. Das macht den Bodenverbrauch kleiner und die Wege kürzer. Und die Abwärme der Kühlregale beheizt das ganze Haus.
Galt es lange Zeit als städtebauliches Dogma, Gewerbe und Wohnen strikt voneinander zu trennen, gelten heute andere Prioritäten. In Zeiten von notwendiger Ressourcenschonung und drängendem Wohnraumbedarf ist ein reiner Supermarkt-Neubau auf der grünen Wiese nicht mehr wirklich vertretbar. Schließlich besetzen die Einzelhandesstandorte mit ihren oft weitläufigen Parkplätzen wertvolle Flächen, ohne der Gemeinschaft einen zusätzlichen Mehrwert zu bieten. Daher versucht man heute zusehends mit diesem Bild des monothematischen Flachbaus zu brechen. So zum Beispiel in der oberbayrischen Gemeinde Steinebach am Wörthsee.
Hier hat man einen Nahversorger errichtet, der die Nutzungen Einkaufen und Wohnen symbiotisch miteinander verschränkt. So wurde der durch den neuen Edeka Wörthsee versiegelte Boden durch die darüberliegenden 21 Wohnungen „sinnvoll ergänzt“, wie es der örtliche Gemeinderat formulierte.
Oben wohnen, unten einkaufen
Das integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept (ISEK), das in Deutschland Voraussetzung für die Städtebauförderung ist, wurde unter Beteiligung der Bürger erarbeitet. Ein ganzheitlicher Planungsprozess, der nicht über die Köpfe der Menschen hinweg entscheidet, sondern ihre Bedürfnisse miteinbezieht.
Das Konzept „Oben wohnen, unten einkaufen“ spart wertvolle Baugrundressourcen und bietet die Möglichkeit für energetische Synergieeffekte. Die Abwärme der Kühlregale des Marktes verpufft nicht ungenutzt in die Atmosphäre, sondern dient der Beheizung des gesamten Gebäudes.
Die Begegnung der Menschen untereinander ist uns wichtig.
Max von Bredow, Immobilienunternehmer
Es ist eine Architektur der kurzen Wege. Das gilt einerseits für die Kunden, die ihren Einkauf zu Fuß erledigen können. Anders als üblich hat man den Supermarkt nämlich nicht ins zentrumsferne Gewerbegebiet verbannt, sondern nah an der Ortsmitte platziert.
Andererseits gelten die kurzen Wege auch für die Energieflüsse innerhalb des Hauses, die auf einem effizienten Nahwärmesystem beruhen.
Entworfen von Hermann Kaufmann
Für den Entwurf dieses Projekts hat der Immobilienentwickler Max von Bredow Baukultur den Vorarlberger Holzbau-Pionier Hermann Kaufmann engagiert. Mit seinem in Vorarlberg angesiedelten Büro HK Architekten hat er zahlreiche wegweisende Holzbauprojekte umgesetzt. Die weitere Planung für den Supermarkt in Wörthsee lief unter der Leitung des deutschen Büros hks architekten.
Ausgeführt in kreislauffähiger Holzhybridbauweise, trägt der Bau seine „grünen inneren Werte“ selbstbewusst nach außen. Allein das verbaute Holz speichert nach Angaben des Immobilienunternehmers Max von Bredow rund 380 Tonnen CO2. Die Fassade aus Naturholzlattung wird mit der Zeit vergrauen und sich so organisch in die umgebende Landschaft einfügen.
Geschickt in die Topografie des Hangs gesetzt, markiert der langgezogene Baukörper den Übergang zwischen Feld und Wald.
Günstige Mieten in zentraler Lage
Im Obergeschoss des Komplexes sind sogenannte Starterwohnungen entstanden, die zwischen 28 und 63 Quadratmetern groß sind. Damit schafft man gezielt ein Angebot für junge Menschen, kleine Familien und jene Berufsgruppen, die auf dem freien Wohnungsmarkt oft das Nachsehen haben. Auszubildende, Erzieherinnen und Pflegekräfte finden hier bezahlbaren Wohnraum in zentraler Lage, in der Mieten für sie oft unerschwinglich sind.
Der besondere Fokus der Architektur liegt auf Begegnung. Neben den kompakten Wohnräumen gibt es Gemeinschaftseinrichtungen wie einen Waschsalon, eine DIY-Werkstatt und eine Gemeinschaftsloggia. „Die Begegnung der Menschen untereinander ist uns wichtig“, so Max von Bredow gegenüber dem Münchner Merkur.
Demokratische Basis, soziales Miteinander
Es ist dieses soziale Miteinander, das Bindung schafft und aus einem funktionalen Zweckbau einen lebendigen Quartiersplatz macht. Dass dem Projekt ein demokratischer Partizipationsprozess samt Bürgerentscheid vorausgegangen ist, beschert ihm ein festes Fundament gesellschaftlicher Akzeptanz. Auf diese Weise lässt sich verhindern, dass derartige Bauvorhaben von einer Mehrheit getragen und nicht zum Spielball politischer Interessen werden.
Eine Weitsicht, die mit mehreren Auszeichnungen belohnt wurde. Die Bayerische Architektenkammer verlieh dem Projekt das Prädikat „Klima Kultur Kompetenz“, was einem Ritterschlag für nachhaltiges Bauen gleichkommt. Zudem wurde das Gebäude als „Haus des Monats“ gewürdigt und mit dem ICONIC AWARD ausgezeichnet.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Roland Wehinger, hks architekten, Sebastian Schels







