Wie sich aus Lehm, Holz und dem Abbruch des Bestands etwas Neues bauen lässt, zeigt das Projekt Faire École in einem Vorort von Paris. Das Büro a+ samueldelmas perfektioniert das zirkuläre Bauen und beschert dem Stampfbeton ein nachhaltiges Revival.

Die Stadtverwaltung von Châtenay-Malabry hatte sich vorgenommen, die neue Grundschule zu einem Vorbild für innovatives und klimafreundliches Bauen zu machen. Ursprünglich wollte man das Gebäude aus Erdbeton errichten, um diese alternative und emissionsarme Bauweise zu fördern. „Nach eingehender Prüfung stellte sich jedoch heraus, dass diese Option für das Projekt und seine Ziele nicht ausgereift und realisierbar war“, erklärt Architekt Samuel Delmas in einem Statement zur Einreichung für die EU Mies Awards 2026. Das Projekt schaffte es auf die Shortlist des renommierten Architekturpreises.

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Zirkulärer Abbruch: Die Wände aus Stampfbeton sind ausschließlich mit Zuschlagstoffen versehen, die vom Abbruch des Bestandsgebäudes stammen.

Das Design-Team entwickelte daraufhin drei innovative Bautechniken, um so den CO2-Fußabdruck des Neubaus auf ein Minimum zu reduzieren. Gleichzeitig sollte das vor Ort gewonnene Abbruchmaterial des Bestands sinnvoll wiederverwendet werden. 

Eine Schule macht Schule

Das Ergebnis ist eine Schule, die buchstäblich dem Boden entwachsen ist, auf dem sie steht. Damit auch andere von den Erfahrungen dieses Bau-Experiments profitieren können, sollen die entwickelten Techniken öffentlich zugänglich gemacht werden. „Das Gebäude selbst wird so zu einem pädagogischen Werkzeug“, ist Delmas überzeugt. Mithilfe dieser Open-Source-Initiatve soll das zirkuläre Bauen Schule machen. Genauso lautet auch der Name des Projekts: Faire École, Schule machen.

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Die Bauweise der neuen Grundschule von Châtenay-Malabry ist eine Kombination aus Stampfbeton, Holzbau sowie Stroh, Hanf und Lehm für den Innenausbau.

Der Baukörper schmiegt sich in das leicht abschüssige Gelände. Er folgt der Topografie in einer Sequenz von drei großen Innenhöfen, die sich zur Landschaft hin öffnen. Diese abgestuften Außenräume sind jeweils drei unterschiedlichen Funktionen zugeteilt: im Erdgeschoss dem Kindergarten, im mittleren Geschoss der Grundschule samt Sportanlagen und im Obergeschoss der Großüche. Insgesamt bietet der Schulbau 540 Kindern Platz.

Revival für den Stampfbeton

Alle tragenden Wände sind aus Stampfbeton, der zu hundert Prozent aus recycelten Zuschlagstoffen besteht. 4.000 Tonnen des Abbruchmaterials, das direkt vom Abriss des Bestandsgebäudes stammt, wurden so zum zirkulären Baumaterial für die Wände. Weitere Weitere 350 Tonnen wurden als Schüttung für den Akustik-Fußboden wiederverwendet. Das macht den Stampfbeton in diesem Fall zu einem hyperlokalen Baustoff. 

Holz, Erde und Vegetation prägen das gesamte Projekt. Es verkörpert somit die Prinzipien der Biophilie und schafft eine ideale Umgebung für Kinder.

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Stampfbeton kam historisch bei der Errichtung von Fundamenten zum Einsatz. Bei diesem Projekt bestand die Technik darin, die Schalung mit Schichten aus recycelten Betonzuschlagstoffen und einer geringen Menge Zement zu füllen. Durch Verdichtung mittels Stampfen kann sogenannter „trockener“ Beton mit sehr niedrigem Wassergehalt verwendet werden.

Das schichtweise verarbeitete Material ergibt eine natürliche Optik, die dem von Stampflehm sehr ähnlich ist. 

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Die Stroh-Lehmwände wirken klimaregulierend und bringen eine organische Atmosphäre in die Schule.

Der gestampfte Beton feiert heute nicht nur aufgrund seiner Ästhetik ein Comeback. Er benötigt auch wenig Zement und kommt großteils ohne Bewehrung aus. Dass er dennoch sehr dauerhaft ist, zeigen Stampfbeton-Bauten aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Obwohl sie mit einfachsten technischen Mitteln hergestellt wurden, sind sie auch nach 100 Jahren noch äußerst stabil. Ist der Beton heute wegen seiner schlechten Ökobilanz als Klimakiller in Verruf, wird seine Klimabilanz durch diese Bauweise deutlich verbessert. Im Gegensatz zum Ortbeton ist es allerdings ein recht arbeitsintensiver Prozess.

Biophile Schulräume

In den Innenräumen kommen großteils bio- und geobasierte Materialien zum Einsatz. Die Innenwände sind in Holzrahmenbauweise errichtet und – ähnlich wie beim historischen Fachwerk – mit Lehm und Hanf ausgefacht. Ein Stroh-Lehmputz bildet die Oberfläche der fertigen Wände, die mit ihrer schlammbraunen Farbe und der matten Optik sehr natürlich wirken. „Der Lehm stammt aus ungenutzten Halden in der Region Île-de-France, weniger als 35 km entfernt, Hanf und Stroh wurden im Umkreis von 45 km um das Gelände bezogen“, erklärt der Architekt.

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Insgesamt bietet der neue Schulbau 540 Kindern Platz.

Aus dem Bestandsgebäude recycelter Sand diente zusammen mit Pfirsich- und Aprikosenkernen – einem Nebenprodukt der Lebensmittelindustrie – als effektive Trittschalldämmung. „Holz, Erde und Vegetation prägen das gesamte Projekt. Es verkörpert somit die Prinzipien der Biophilie und schafft eine ideale Umgebung für Kinder“, so Delmas.

Zirkulär statt linear

Eine möglichst einfache und sortenreine Konstruktion war dem Pariser Architekturbüro ein Anliegen, denn: „Tragende Fassaden und sichtbare Holzrahmen im Inneren ermöglichen flexible Raumaufteilungen und gewährleisten die Rückbaubarkeit des Gebäudes.“ 

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Die Schule ist nicht nur aus zirkulären Materialien gebaut, eine einfache und sortenreine Konstruktion vereinfachen einen späteren Rückbau.

Je mehr Gedanken man sich in der Planung über mögliche Nachnutzungen und Rückbau macht, umso weniger Ressourcen gehen verloren. Ziel des kreislauffähigen Bauens ist es, das lineare Wirtschaftsmodell des Take-Make-Waste zu überwinden und den Abfall als solches abzuschaffen. 

Die neue Schule ist seit 2024 in Betrieb. Wie das Projekt zeigt, ist es heute schon möglich, den anfallenden Bauschutt lokal wiederzuverwenden. Anstatt ihn, wie bisher, großteils als Füllmaterial im Straßen- oder Tiefbau einzusetzen, wird er zum erstklassigen Baumaterial aufgewertet. In Châtenay-Malabry hat man gezeigt, dass sich aus den Überresten der Vergangenheit eine Zukunft bauen lässt.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: a+ samueldelmas, Thibaut Voisin

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