Allesamt Familienzentrum, Christian Schmoelz Architekt, Nenzing, Vorarlberg, Kindergarten, Holzbau
#greenbuilding

Dieser Holzbau hat den Bogen raus

In Höhlen spielen, in Waben schlafen und über Wellenrutschen ins Erdgeschoss düsen. Das Familienzentrum Allesamt von Architekt Christian Schmoelz ehrt die Vorarlberger Holzbaukultur und kommt so spielerisch daher wie ein Satz Bauklötze.

Wer im Walgau in Vorarlberg mit dem Zug unterwegs ist, dem zieht kurz vor oder nach dem Bahnhof Nenzing ein ungewöhnlicher Anblick am Fenster vorbei. Zwischen Bahndamm und einer gewachsenen Siedlungsstruktur aus Einfamilienhäusern würde man wohl eher alte Stellwerksgebäude oder fensterlose Gewerbehallen verorten. Stattdessen schiebt sich für einen kurzen Überraschungsmoment ein markanter Holzkörper ins Bild, flankiert von hohen Föhren. Doch es ist nicht allein die warme Holzfassade im Hoheitsgebiet der Eisenbahn, die einen innehalten lässt. Es sind auch die rhythmischen Sprünge der verschachtelten Baukörper und der elegante Schwung der Fensterbögen, die neugierig machen auf das, was sich dahinter abspielt.

Allesamt Familienzentrum, Christian Schmoelz Architekt, Nenzing, Vorarlberg, Kindergarten, Holzbau
Die Symbiose aus Architektur und altem Baumbestand lässt ein Setting entstehen, das höchsten erzählerischen Charakter hat.

In einer Zeit, in der Kinderbetreuung allzu oft in nüchterne Containerbauten verbannt ist, hat die Marktgemeinde Nenzing hier ein Zeichen gesetzt. Mit dem Familienzentrum Allesamt ist ein Ort entstanden, der eine architektonische Sprache spricht, die gleichermaßen poetisch wie pragmatisch ist. 

Ein Haus im Wald

Für den außergewöhnlichen Entwurf zeichnet Architekt Christian Schmoelz verantwortlich, der sich 2020 im Wettbewerb durchsetzen konnte. Der Bau vereint mehrere Funktionen unter einem Dach. Neben der Kleinkinderbetreuung und dem Kindergarten befindet sich auch eine Familienbetreuung in der Einrichtung.

Allesamt Familienzentrum, Christian Schmoelz Architekt, Nenzing, Vorarlberg, Kindergarten, Holzbau
Das begrünte Dach fördert die Biodiversität und bettet das Haus in die Umgebung ein.

Fragt man den Architekten nach seiner Inspiration, dann verweist er auf das Spiel mit Bauklötzen oder ein „Haus im Wald wie aus einem Märchen“. Tatsächlich scheint die Architektur direkt der kindlichen Vorstellungskraft zu entspringen, ohne je ins Kitschige zu kippen. 

Die Bögen verweisen auf historische Architektur, ohne dabei direkt historisch zu wirken. Sie muten vertraut, zeitgemäß und universell zugleich an.

Christian Schmoelz, Architekt

Die geschosshohen Fenster in unterschiedlichen Bogenformen unterstreichen den erzählerischen Charakter des Bildungsbaus. Sie bedienen beides – eine sehr zeitgemäße Ästhetik auf der einen und eine verspielte Fantasiewelt auf der anderen Seite.

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In wabenförmigen Schlafkojen machen die Kinder ihr Mittagsschläfchen.

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Über Wellenrutschen geht es hinab ins Erdgeschoss, wo die Ess- und Kochbereiche liegen.

“Die Bögen verweisen auf historische Architektur, ohne dabei direkt historisch zu wirken. Sie muten vertraut, zeitgemäß und universell zugleich an. Für die Kinder sollten sie freundlich, einladend und lebendig wirken“, erklärt Christian Schmoelz gegenüber der Plattform austria-architects.com

Maßstabsgerecht eingebettet

Zu den größten Herausforderungen zählte das Grundstück selbst. Ein schmaler Streifen Land, eingezwängt zwischen einer Lärmschutzwand zur Bahnlinie und einer kleinteiligen Siedlungsstruktur. Statt die Umgebung mit einem monolithischen Block zu erschlagen, setzte man im Entwurf auf eine Fragmentierung des zweigeschossigen Volumens. „Der langgezogene Baukörper teilt sich so optisch in vier kleinere Volumen“, heißt es in der Projektbeschreibung.

Dieser Kniff hat zwei entscheidende Vorteile: Er bricht den Maßstab auf das Niveau der umliegenden Wohnhäuser herunter und schafft gleichzeitig Platz für den kostbaren alten Baumbestand. 

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Die Holzoberflächen und das sichtbare Konstruktionsholz schaffen eine warme und behagliche Atmosphäre.

Statt die mächtigen Föhren und Ahornbäume der Baugrube zu opfern, schmiegt sich das Gebäude nun förmlich um sie herum. Natur und Architektur gehen hier eine Symbiose ein und schaffen zusammen dieses märchenhafte Setting.

Zum Mittagessen ins Erdgeschoss rutschen

Das Raumkonzept im Inneren bricht mit der klassischen Gruppenstruktur und integriert die Zweigeschossigkeit ins Bewegungskonzept. Während man bei Kindergärten hauptsächlich ebenerdig baut, um Absturzgefahren zu minimieren, wird das Treppensteigen hier schon von klein auf gelernt. Wenn man die Mehrgeschossigkeit als räumliche und pädagogische Qualität wahrnimmt, „lässt sich ein eingeschossiger Kindergartenbau – und der damit erhöhte Bodenverbrauch – kaum noch argumentieren“, heißt es vonseiten des Architekten.

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Ein Waschraum wie eine moderne Märchengrotte: Das Bogenmotiv wiederholt sich im Interior-Konzept des Familienzentrums.

Oben angekommen, eröffnet sich den Kindern eine Welt ohne starre Grenzen. Sie sind keiner festen Gruppe zugeteilt, sondern können sich frei zwischen den verschiedenen Themenräumen bewegen. Es ist ein offenes Konzept, das Autonomie fördert und Neugier belohnt. Ertönt dann das Läuten zum Mittagessen, ist der Weg nach unten das reinste Vergnügen. Über eine doppelte Wellenrutsche geht es nämlich zurück ins Erdgeschoss zu den Ess- und Kochbereichen. 

Ökologisch vorbildlich

Architektur muss sich heutzutage ebenfalls an ihrer ökologischen Bilanz messen lassen. Und auch hier liefert das Allesamt beeindruckende Zahlen. Mit 936 von 1.000 möglichen Punkten im Kommunalen Gebäudeausweis (KGA) setzt das Projekt hohe Maßstäbe in Vorarlberg. Die Holz-Ständerkonstruktion ist so konzipiert, dass sich die Materialien am Ende ihres Lebenszyklus sortenrein trennen und wiederverwenden lassen.

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Statt die Umgebung mit einem monolithischen Block zu erschlagen, setzte man im Entwurf auf eine Fragmentierung des zweigeschossigen Volumens.

Besonders hervorzuheben ist das Biodiversitätsdach und die konsequente Vermeidung chemischer Baustoffe. Während die Fassade aus Fichtenholz besteht, das mit der Zeit eine silbergraue Patina entwickeln wird, dominiert im Innenraum helles Eschenholz. Seine warmen Töne finden sich überall: am Boden, an den Wandvertäfelungen und in den maßgefertigten Einbaumöbeln. 

Ein Haus für alle

Es ist eine Haptik, die Geborgenheit vermittelt und gleichzeitig eine Robustheit ausstrahlt, die dem turbulenten Alltag eines Kindergarten gewachsen ist. Man spürt das Handwerk, die Sorgfalt und den Respekt vor dem nachwachsenden Rohstoff Holz.

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Architekt Christan Schmoelz zeichnet für den außergewöhnlichen Bildungsbau verantwortlich.

Mit dem Familienzentrum Allesamt ist ein Haus entstanden, das einen weit geschwungenen Bogen spannt: von den Eltern, die Beratung suchen, den Pädagogen, die einen funktionalen Arbeitsplatz schätzen, bis hin zu den Kindern, die hier spielerisch wachsen und gedeihen sollen.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Cornelia Hefel, Marc Lins

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