Libeskind buhlt um Fans für Issy
Fan d’Issy ist mehr als ein weiteres ikonisches Bauwerk im Portfolio von Daniel Libeskind. Es ist ein Versuch, die Prinzipien zeitgenössischer Stadtentwicklung in einer architektonischen Form zu destillieren.
Fast jeder, zumindest in der Damenwelt, kennt das Parfum L’Eau d’Issey. Der Name des Duftklassikers ist ein subtiles Wortspiel, ist doch darin das Wort „Wasser“ (eau) sowie der Vorname des Schöpfers des Bouquets aus Pfingstrose, Lotus und Hölzern selbst enthalten. Und, richtig ausgesprochen, ergibt es zudem das Wort Odyssee. Erfinder des beliebten Dufts war Issey Miyake, der vor drei Jahren verstorbene japanische Modedesigner und Gründer der gleichnamigen Marke.
Und jetzt kommt „Fan d’Issy“, unweit von Paris, wo Miyake einen Teil seines schöpferischen Lebens verbracht hat. Gut, die Analogie hinkt ein wenig, fehlt doch das „e“ im Namen. Aber Fan bedeutet hier wie da dasselbe: Anhänger, Unterstützer, … Fan eben. Und auf Englisch bedeutet „Fan“ natürlich auch „Fächer“ – ein Sinnbild für Eleganz und Raffinesse ebenso wie für das Hilfsmittel mit vielfältigen Funktionen.
Neues Wahrzeichen für urbane Transformation
Mit seiner auffälligen Fächerform wird Fan d’Issy mühelos eine neue Landmark werden. Und die Bewohner von Issy-les-Moulineaux, wo das neue, auffällige Bauprojekt von Studio Libeskind soeben Form annimmt, bald treue Fans.
Denn längst schon dominiert ein Stichwort die Zukunft der europäischen Städte – „Mischnutzung“, Mixed Use. Sprich: Arbeiten, Wohnen, Einkaufen und Freizeit sollen nicht streng voneinander getrennt stattfinden, sondern in dynamischen räumlichen Konstellationen verschmelzen.
Genau dieses Prinzip steht im Zentrum von Fan d’Issy, südwestlich von Paris. Es reiht sich damit in zahllose ähnliche Projekte wie etwa auch „Matisse 16“ in Brüssel-Evere, aus der Hand des niederländischen Architekturbüros Neutelings Riedijk ein.
Fan d’Issy jedenfalls, mit seiner kühnen, fächerartig gefalteten Architektur, seinen begrünten Fassaden und dem ambitionierten Nutzungsmix soll nach den Plänen aller Beteiligten zum Herzstück einer umfassenden Stadtentwicklung werden.
Experimentierfeld für innovative Stadtentwicklung
Issy-les-Moulineaux, direkt an Paris angrenzend, gilt seit Jahren als Experimentierfeld für innovative Stadtentwicklung. Wo einst industrielle Strukturen dominierten, hat sich die Kommune zu einem Hotspot für Technologieunternehmen, Medien und Start-ups entwickelt. Dieser wirtschaftliche Wandel wird nun von einer groß angelegten infrastrukturellen Transformation flankiert: Die neue Metro-Linie 15 des Grand Paris Express bindet Issy an das erweiterte Pariser Netz an und macht den Standort zu einem Drehkreuz innerhalb des Großraums.
Vor diesem Hintergrund positioniert sich Fan d’Issy als Flaggschiffprojekt des neuen Stadtteils Léon Blum. Es soll nicht nur die Silhouette des Quartiers prägen, sondern auch als Katalysator für weitere Entwicklungen fungieren. Die Fertigstellung des angrenzenden Bahnhofs markiert den Startschuss für den Bau – ein klares Zeichen für die enge Verzahnung von Architektur und Infrastruktur.
Bauwerk der Vielschichtigkeit
Mit einer Nutzfläche von über 20.000 Quadratmetern vereint Fan d’Issy eine Vielzahl von Funktionen, die den Anspruch der Mischnutzung mustergültig verkörpern. Geplant sind: Einerseits Wohnungen, von denen ein Drittel als Sozialwohnungen vorgesehen sind. Ein wichtiger Beitrag zur sozialen Durchmischung, die vielerorts im Pariser Raum unter Beschuss steht.
Andererseits werden Büroflächen geschaffen, die auf die Nachfrage nach flexiblen Arbeitsumgebungen reagieren und die Rolle Issys als Wirtschaftszentrum stärken.
Zudem beleben die Einzelhandelsflächen das Viertel und ermöglichen kurze Wege für die alltägliche Versorgung. Weiters rundet ein Hotel, das internationale Gäste ebenso wie Geschäftsreisende anspricht, das urbane Angebot ab. Die Sporthalle verleiht dem Gebäude als gemeinschaftlicher Ankerpunkt einen explizit öffentlichen Charakter.
Diese Vielschichtigkeit spiegelt den Anspruch wider, nicht nur ein Gebäude, sondern ein urbanes Ökosystem zu schaffen, das die Lebensqualität steigert und soziale wie wirtschaftliche Funktionen zusammenführt.
Schimmernder, futuristischer Fächer
Studio Libeskind ist für seine ikonischen, skulpturalen Bauten bekannt. Fan d’Issy setzt auf eine geometrische, fächerartige Form, die durch schräge Fassaden und markante Bruchlinien geprägt ist. Zwei Baukörper werden durch eine Brücke miteinander verbunden – eine architektonische Geste, die auch als Symbol für die Vernetzung innerhalb des neuen Stadtteils gelesen werden kann.
Die Fassaden sind mit einer reflektierenden, titanverstärkten Keramikbeschichtung versehen. Diese Materialwahl erzeugt einen schimmernden, futuristischen Effekt. Und es verbindet ästhetische Qualitäten mit ökologischer Leistungsfähigkeit. In den Worten von Libeskind selbst: „Die Offenheit der Fassade und die verwendeten Materialien wurden so gewählt, dass sie sich harmonisch in die urbane Umgebung einfügen. Zugleich schaffen sie eine eigenständige Identität.“
Besonders prägnant sind die begrünten Elemente: vertikale Gärten, Balkone mit Pflanzzonen und Dachbegrünungen. Sie bringen Natur in den dichten urbanen Kontext, verbessern die Luftqualität, fördern Biodiversität und tragen zur ökologischen Resilienz des Quartiers bei.
Kein Solitär, sondern Knotenpunkt
Das Projekt fügt sich in eine breitere stadtentwicklungspolitische Agenda ein. Während viele Städte mit Segregation, Gentrifizierung und Pendlerströmen ringen, wird hier ein Modell verfolgt, das auf Integration und Nähe setzt. Das Gebäude soll nicht nur den oberen Einkommensschichten vorbehalten bleiben, es unterstützt aktiv den Anspruch, in Issy ein durchmischtes Quartier zu schaffen.
Die Strategie der kurzen Wege wird helfen, den Verkehr zu reduzieren, die lokale Ökonomie zu stärken und den öffentlichen Raum zu beleben. Wenn die Rechnung aufgeht, werden mit Sporthalle, Einzelhandel und Hotel außerdem unterschiedlichste Nutzergruppen angesprochen.
Wo sich die Stars die Klinke in die Hand geben
Das Projekt steht in einer Reihe internationaler Wettbewerbe, in denen sich renommierte Büros und Star-Architekten wie Snøhetta, Stefano Boeri oder Sou Fujimoto um die Gestaltung des Quartiers beworben hatten. Dass sich das New Yorker Studio Libeskind durchsetzen konnte, liegt nicht zuletzt an der Verknüpfung von architektonischer Radikalität und städtebaulicher Sensibilität.
Fan d’Issy ist kein isoliertes Prestigeobjekt, sondern als integraler Bestandteil des neuen Öko-Stadtteils ZAC Léon Blum gedacht. Die Architektur dient dabei als sichtbares Versprechen: ein Signal, dass die Stadtentwicklung der Zukunft nicht allein durch Effizienz, sondern durch Vielfalt, Ästhetik und ökologische Verantwortung geprägt sein wird.
Skulpturale Landmark oder Fremdkörper?
Libeskinds Entwurf balanciert bewusst zwischen skulpturalem Ausdruck und funktionaler Rationalität. Das Gebäude ist spektakulär genug, um als Landmark zu fungieren, aber auch differenziert genug, um im städtischen Gefüge nicht wie ein Fremdkörper zu wirken.
Scharfe Winkel, reflektierende Oberflächen, begrünte Terrassen … Geht die Rechnung auf, so trifft internationaler Gestus auf den Anspruch, sich in die Pariser Vorstadtlandschaft einzufügen. Gerade diese Spannung verleiht Fan d’Issy seinen besonderen Reiz – und macht es zu einem architektonischen Experiment, das weit über Issy hinaus Aufmerksamkeit erregen dürfte.
Mit Fan d’Issy setzt Studio Libeskind ein Ausrufezeichen: Die Zukunft urbaner Räume liegt nicht in der Monofunktionalität, sondern in der Vielfalt. Nicht im Rückzug ins Private, sondern in der Offenheit für Gemeinschaft. Und nicht zuletzt in der Fähigkeit, selbst in einem dicht besiedelten Kontext Raum für Natur, Begegnung und neue Lebensmodelle zu schaffen.
Text: Linda Benkö
Renderings: Studio Libeskind



