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Schau mal, was da vertikal wächst

Noch sind „grüne Fassaden” im Wohnbau in Österreich ein Randphänomen. Dabei bietet die Vertikalvegetation vielfältigen Nutzen und könnte helfen, die Klimaziele zu erreichen.

 

Wer fürchtet sich vor dem nahenden Sommer in der City? Extreme Wetterereignisse haben besonders im urbanen Raum große Auswirkungen. Einerseits ist in der Stadt viel Fläche versiegelt, andererseits sind viele Menschen betroffen. Im Idealfall sieht Gebäudebegrünung nicht nur nett aus. Sie beugt auch urbanen Hitzeinseln vor und kann weitere lokale Folgen des Klimawandels, wie Luftverschmutzung und örtlich begrenzte Überschwemmungen, durch Starkregen ausgleichen. Damit hilft die „vertikale Vegetation”, die Lebensqualität der Bevölkerung in den Städten nachhaltig zu verbessern.

Üppiges Grün im Innenhof der BOKU

Im 5. Gemeindebezirk in Wien

Städtische hitzeinseln
Der Urban Heat Island-Strategieplan (UHI STRAT Wien) wurde unter Federführung der MA22 erarbeitet. Ausgangspunkt war das „Central Europe“-Projekt „Urban Heat Islands“, eine Kooperation europäischer Städte (außer Wien sind Bologna, Budapest, Freiburg, Karlsruhe, Ljubljana, Modena, Padua, Prag, Stuttgart, Warschau und Venedig dabei). Neben den Dach- und Fassadenbegrünungen forciert die Wiener Umweltschutzabteilung auch den nachhaltigen Umgang mit Regenwasser. Insbesondere die Erhöhung des Verdunstungsanteils ist Gegenstand zahlreicher Studien und Fachtagungen.

Nicht nur für Öko-Utopisten

Längst ist nicht mehr die „quantitative Erhöhung der urbanen Grünflächen alleinige Vision ökologisch orientierter Minderheiten”, heißt es bei der Grünstattgrau GmbH. Das Unternehmen hat sich auf Begrünungsmaßnahmen spezialisiert. Gemeinsam mit dem Austrian Institute of Technology (AIT) und der MA22 (Wiener Umweltschutzabteilung) wurde das Projekt Urbane GMBH (Urbane Grünraumpotenziale im verbauten Bestand) in Angriff genommen – mit dem Ziel, Grünflächenpotenzial (vertikal und horizontal) in Wien zu sondieren.

Durch die heute technisch möglichen Simulationen der Wirkungen von Fassadenbegrünungen können städtische Verwaltungen ihre Bauvorschriften beziehungsweise baulichen Vorhaben wesentlich effektiver mit definierten Klimazielen abgleichen. Bauträger und Bauherren können besser planen und gestalten.

Zwei Arten von Fassaden-Begrünung

Fassaden lassen sich im Wesentlichen auf zwei Arten begrünen: bodengebunden und fassadengebunden. Günstiger im Hinblick auf Anlage, Pflege und Beständigkeit sind bodengebundene Begrünungen. Nur: „Manchmal ist kein Boden vorhanden, da Gebäude auch an Grundgrenzen stehen können und zum Beispiel unmittelbar an öffentliche Räume anschließen”, weiß Christine Rottenbacher, Lehrgangsleiterin „Ökologisches Garten- und Grünraummanagement” an der Donauuniversität Krems. „In solchen Fällen empfiehlt sich die fassadengebundene Begrünung.”

Im Innenhof des WUK in Wien wächst der Wilde Wein

Fassadengebundene Begrünung mit Trögen und Kletterpflanzen (MA 31, Wien)

Massnahmen
Der Gründachpotenzialkataster gibt Auskunft, welche Dachflächen sich aufgrund ihrer Neigung zur Begrünung eignen. Beim Grünraummonitoring wird ca. alle fünf Jahre die Größe, der Zustand und die Entwicklung der Grünflächen in Wien erhoben. Zahlreiche Pilot- und Forschungsprojekte sowie Förderungen wurden und werden zur Begrünung von Bauwerken umgesetzt. Zahlreiche (Forschungs-) Projekte und Initiativen in der Stadt Wien auf unterschiedlichen Planungsebenen enthalten weiterführende Informationen zu den Möglichkeiten und konkreten Projekten, die helfen den UHI-Effekt zu reduzieren.

Aus der Natur dieser Sache ergibt es sich, dass die bodengebundene Variante im ländlichen Raum sinnvoller ist. Da ist ja meist Boden verfügbar. Jedoch eignen sich im Grunde beide Formen sowohl für den urbanen als auch den ländlichen Raum. Anders als bei den bodengebundenen Varianten können die fassadengebundenen ins Geld gehen – braucht es doch eigene Tragekonstruktionen und Bewässerungsvorrichtungen (inklusive Regenwassersammlung). Einen ersten Eindruck gewinnt man im Internet bei „Grünwand” von der Tech Metall Erzeugungs-, Handel und Montage GesmbH. Sie hat ihr System gemeinsam mit der BOKU entwickelt und schon bei mehr als 70 Installationen eingesetzt.

Lokales Mikroklima

Die Begrünung wirkt sich auf die dahinter liegende Fassade sowie auf die Innenräume aus – wie genau, hängt sehr stark von der gewählten Bepflanzung ab. „Bei der konkreten Auswahl spielen Wandlast, Exposition, Himmelsrichtung, Belichtung, Windausgesetzheit, Winterhärte, Wasserversorgung und Wasserableitung eine Rolle”, erklärt die Wiener Gartendesignerin Claudia Wolf. Der vorhandene Fassadenaufbau nimmt einem freilich so manche Entscheidung ab. „Ich empfehle bei bodengebundenen Begrünungen an neuen Fassaden nur Kletterpflanzen zu verwenden, die eine Kletterhilfe benötigen”, erklärt Rottenbacher. Diese Kletterhilfe schaffe einen Abstand zum frisch verputzten Bereich.

Von Selbstklimmern …

Das Zusammenspiel zwischen Verputz und Begrünung sorgt für Kühlung und einen gewissen Schutz der Oberfläche. Inwieweit die Begrünungsmaßnahme in den Umraum hinaus wirkt, sei aber noch wenig erforscht, so die Expertin der Donau Uni. Besonders gut begrünen lässt es sich beim Neubau, da von vornherein gute Wuchs- und Pflegebedingungen geschaffen werden können. Aber auch bei bestehenden Gebäuden ist Hopfen und Malz nicht verloren – siehe das WUK im 9. Bezirk in Wien. Dort wächst schon seit vielen Jahrzehnten als bodengebundene Begrünung der Wilde Wein, auch Dreilappige Jungfernrebe oder Mauerkatze genannt – botanisch gesehen ein „Selbstklimmer“.

Immer noch eher ein ungewohnter Anblick

und Gerüstkletterern

Für fassadengebundene Begrünung eignen sich „Gerüstkletterer“ wie Mauerpfefferarten oder verschiedene Gräser wie Blaugras oder Japansegge sowie manche Blattpflanzen wie Storchenschnabel und Bergenie. Unter den Schlingpflanzen wird man unter Umständen mit Clematis, Akebie, Kletterrosen, Geißblatt, Weinrebe, Glyzinie, Hopfen, Kiwi, Pfeifenwinde und Geißblatt glücklich.

Obwohl davon auszugehen ist, dass der Nutzen von Fassaden-Begrünung vielfältig ist und enorm sein kann, hält sich der Einsatz in Wien oder anderen heimischen Ballungszentren noch in Grenzen. Warum das so ist? „Eine wichtige Frage, aber sehr schwer zu beantworten”, meint Rottenbacher. Zumal jedes neue Gebäude erheblich zur Dehydrierung unserer Lebensräume beiträgt und die kleinen Wasserkreisläufe erheblich reduziert. Zugleich gibt es mehr Starkregenereignisse als früher, wo das so dringend für die Kühlung benötigte Wasser schnell und sicher abgeleitet werden muss – dann sei es für die Stabilisierung des Klimas verloren.

50 Grüne häuser
Bis 31. Mai einreichen

Bisher gab es keine technisch einfach umsetzbare Gesamtlösung. Die notwendigen Abwicklungs- und Genehmigungsprozesse sind relativ komplex. Ein interdisziplinäres Forschungs-Team aus Stadtverwaltung, Unternehmen und Wissenschaft greift nun mit 50 kostenlosen Grünfassaden-Modulen unter die Arme. Mieter, Eigentümer oder Hausverwaltungen können online einreichen.

Die Schwierigkeiten sind unter anderem, dass die Begrünungen regelmäßiger Pflege und Kontrolle bedürfen. Die geeigneten Flächen eignen sich oft auch für Photovoltaik-Anlagen – ein Zielkonflikt. Jedoch sei die Kombination laut Stadt Wien leicht möglich. Denkmalschutz sowie die Bewässerung bei nicht erdgebundener Fassadenbegrünung stellen ebenfalls Herausforderungen dar.

Rottenbacher: „Ich träume davon, dass grüne Infrastrukturmaßnahmen als Eingriff in den Standorthaushalt bei Bauverhandlungen bzw. -bewilligungen genauso selbstverständlich werden – so wie man seine Abwässer einer Kläranlage zuleiten muss und auch keine Abgase ungereinigt in die Luft entlassen darf.” Bei Gebäudesanierungen könnte dies eine Auflage für Förderinstrumente darstellen. Eine Initiative, wo jeder mitmachen kann, findet sich im Textkasten links.

Text: Linda Benkö
Bilder: © gruenstattgrau.at

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