Faszinierende Verwandlung
Das Zuhause eines Fischers hat in über 100 Jahren viel erlebt, war später Herberge und Polizei-Büro. Jüngst vom Architektenteam Portabella und Pagés modernisiert, hat das alte Fischerhaus in Cadaqués nun wieder Zukunft: Als stylisches Beispiel faszinierender Verwandlung.
Es ist ein kleiner, malerischer Ort an der Costa Brava, in dessen Zentrum Beatriz Portabella Villalonga und Jordi Pagès Ramon ein gar nicht so kleines Wunder vollbracht haben. Und auch wenn sich das Projekt in Umfang und Extravaganz nicht mit spektakulären Großbauten messen kann: Was die spanische Architektin und ihr Partner aus einem mehr als 100 Jahre alten, verfallenen Fischerhaus in Cadaqués gemacht haben, ist mehr als sehenswert.
Steinerner Zeitzeuge
Privilegiert im Herzen des Ortes und in einem Fußgängern vorbehaltenen Bereich gelegen, hat das Gemäuer die Entwicklung des einstigen Fischerdorfes zum Künstler-Treff und Tourismusmagneten überdauert. Könnten Gebäude sprechen, hätte es wohl viel zu erzählen. Denn ursprünglich war es das schlichte Zuhause eines lokalen Fischers – möglicherweise verbunden mit der historischen Confraria de Pescadors de Cadaqués. Später wurde es als Gästehaus genützt und sein Obergeschoss beherbergte eine Zeit lang sogar einen Außenposten der Guardia Civil. Doch seine guten Tage waren längst vorbei.
Als der aktuelle Eigentümer beschloss, es einer umfassenden Renovierung zu unterziehen, befand sich das Fischerhaus in Cadaqués längst in fortgeschrittenem Verfallszustand. Dass tiefgreifende und sorgfältig geplante Maßnahmen nötig sein würden, lag also auf der Hand. Ein komplexes Unterfangen, das Beatriz Portabella Villalonga und Jordi Pagès Ramon im Jahr 2022 in Angriff nahmen.
Mehr als simple Renovierung
Die Herausforderung bestand nicht nur darin, das Gebäude zu restaurieren. Es galt vielmehr, auch einen dringenden Wunsch des Bauherrn zu erfüllen: Die einzigartige Atmosphäre, die das Haus auszeichnete, musste erhalten bleiben. Und die Modernisierung musste erfolgen, ohne am Charakter des Bauwerks zu rühren.
Tradition in Stein & Holz
Seine ursprüngliche Struktur mit 50 Zentimeter dicken tragenden Steinmauern bewahrt traditionelle Elemente der lokalen Architektur. Dazu zählen etwa Holzbalken-Decken in den oberen Stockwerken und eine katalanische Gewölbedecke im Erdgeschoss. Der soliden Bauweise zum Trotz hatte der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen – und die Sanierung erforderte sensible Balance zwischen Erhaltung und Erneuerung.
Das Projekt umfasste sowohl eine strukturelle Verstärkung als auch eine vollständige Neugestaltung des Innenlayouts. Und durch Letztere gelang es dem kreativen Architekten-Team, die alte, fragmentierte Aufteilung in ein funktionales, helles Zuhause zu verwandeln. In ein schlichtes, jedoch stylisches und zugleich gemütliches Domizil, das sich perfekt in seine natürliche und kulturelle Umgebung einfügt.
Viel Platz auf wenig Raum
Obwohl die bebaute Fläche auf dem 110 Quadratmeter großen Grundstück nur 82 Quadratmeter umfasst, erweist sich das Haus als kleines Raum-Wunder: Seine 263 Quadratmeter Nutzfläche verteilen sich über vier Ebenen. Und jede davon hat nun – von alt bis neu – Besonderes zu bieten.
So beeindruckt etwa das Erdgeschoss mit seiner markanten Gewölbedecke. Und es ist als flexibler Raum konzipiert: Es eignet sich als Spielbereich für Kinder oder auch als Lagerraum für nautische Ausrüstung.
Zimmer im Felsen
Ein kleiner Innenhof indes, der während der Renovierung hinzugefügt wurde, versorgt einen außergewöhnlichen Bereich mit natürlichem Licht und Luft: Einen eigens in den bestehenden Felsen gehauenen Raum, in dem der rohe Stein weiterhin sicht- und greifbar blieb. Ein spannend-schönes Extra, das zusätzlichen Platz schafft und zugleich den materiellen Wert des Hauses hebt.
Küche, Ess- und Wohnzimmer befinden sich im ersten Stock. Im Rahmen der Renovierung wurden neue Öffnungen in die tragenden Wände gesetzt, die die Räume visuell verbinden und natürliches Licht einlassen. Zudem haben die Architekten eine große Öffnung zum Innenhof geschaffen, die für starke Kontinuität zwischen Innen und Außen sowie für offene, frische und lebendige Atmosphäre sorgt.
Ruhepol mit Weitblick
Der zweite Stock beherbergt die Schlaf- und Badezimmer. Diese sind als private Räume konzipiert, die Ruhe, Komfort und Intimität bieten. Und der dritte Stock öffnet sich mit einer sonnendurchfluteten Terrasse und Meerblick dem mediterranen Licht und krönt das alte Fischerhaus mit einem exquisiten Ort der Entspannung und Besinnung.
Eines der Hauptziele des Projekts lag in der Kombination traditioneller Materialien mit zeitgenössischer Ästhetik. So wurden vorhandene Keramikfliesen wiederverwendet, um die Erinnerung an vergangene Zeiten wachzurufen. Ein anderer Aspekt, der jedoch nicht allein der Optik dient, sind die weiß gekalkten Wände: Sie unterstreichen das mediterrane Ambiente, lassen das Gebäude atmen, und erfüllen im feuchten Klima der Küste von Empordà damit auch einen essenziellen Zweck.
Schönes Spiel mit Holz & Weiß
Bei den maßgefertigten Tischlerarbeiten und Möbeln setzten die Planer auf langlebiges, auch für Außenbereiche geeignetes Iroko-Holz. Dekorativ und ausdrucksstark, ergibt dieses einen schönen Materialkontrast zum sonst vorherrschenden Weiß. Dieses Zusammenspiel verleiht dem Interieur Charakter, Wärme und Tiefe.
Während das Innere des Hauses komplett umgestaltet wurde, blieb die Fassade des historischen Gebäudes erhalten. Portabella Villalonga und Pagès Ramon renovierten die ursprüngliche Konfiguration mit größtem Respekt. Auch die vorhandenen Holzarbeiten wurden nicht verändert, sondern sorgfältig restauriert. Dadurch blieb das architektonische Gedächtnis des Fischerhauses in Cadaqués erhalten – und das alte Bauwerk leistet weiterhin seinen Beitrag zum typischen ästhetischen Gesamtbild des Ortes.
Das Fischerhaus in Cadaqués als Vorbild
Wie etwa auch MADE.V arquitectos, die einen einstigen Schweinestall im historischen Zentrum des spanischen Dorfes Sasamón achtsam zum Familiendomizil verwandelten, haben Portabella Villalonga und Pagès Ramon mit ihrem Projekt an der Costa Brava bewiesen: Tradition und Moderne sind keine gegensätzlichen Konzepte. Wird sensibel, mit lokalem Verständnis und Liebe zum Detail vorgegangen, können sie in perfekter Harmonie koexistieren.
Inspiration für ihr Konzept holten die Architekten bei der regionalen Architektur der Mitte des 20. Jahrhunderts. Ein Glücksgriff, sowohl für das über 100-jährige, zuvor noch vom Verfall bedrohte Fischerhaus in Cadaqués und seine Eigentümer. Als auch für den Ort selbst, in dem Salvador Dali Teile seiner Kindheit verbrachte und der durch prominente Künstler-Gäste wie Federico García Lorca, Pablo Picasso und Joan Miró bekannt wurde.
Berühmte Nachbarschaft
Dali kehrte 1948 zurück und ließ sich in Portlligat bei Cadaqués nieder. Sein Haus ist heute ein Museum und zählt zu den lokalen Sehenswürdigkeiten. Ebenso wie Cadaqués‘ alter Ortskern mit der gotischen Kirche Santa Maria, in der sich einer der bedeutendsten Barock-Altare Kataloniens aus dem 18. Jahrhundert befindet.
Der Fischer, dessen Haus Beatriz Portabella Villalonga und Jordi Pagès Ramon nun einer faszinierenden Verwandlung unterzogen haben, war zwar weder Künstler, noch berühmt. Doch sein nun respektvoll renoviertes Zuhause ist essenzieller Teil der Geschichte des einstigen Fischerdorfes. Ein architektonischer Zeitzeuge, der dazu beiträgt, Schönheit, Tradition und Charakter des Ortes zu bewahren.
Text: Elisabeth Schneyder
Bilder: David Zarzoso













