Ein Bumerang für die Biodiversität
Mit dem Frankfurt Conservation Center soll die Finanzmetropole zum globalen Impulsgeber für Arten- und Naturschutz werden. Der Entwurf von haascookzemmrich Studio 2050 setzt auf Holz, Lehm und eine Fassade, die zum bewohnten Habitat wird.
Frankfurt am Main war bislang in erster Linie als internationales Finanzzentrum bekannt, doch das könnte sich in Zukunft ändern. Der Bau von mehr als 450 Hochhäusern in ihrem Zentrum haben das Stadtbild maßgeblich geprägt und der Metropole den Beinamen Mainhattan eingebracht. Am östlichen Rand der Innenstadt, auf dem Gelände des Frankfurter Zoos, wird bis 2029 ein Gebäude entstehen, das architektonisch eine andere Sprache spricht. Das Frankfurt Conservation Center (FCC) soll nach allen Regeln des ökologischen Bauens errichtet und zu einem „Markenzeichen der Nachhaltigkeit“ werden.
Mit dem interdisziplinären Kompetenzzentrum will man den Wissenschaftsstandort mit einem neuen Leuchtturmprojekt voranbringen. Das ausgegebene Ziel: globaler Naturschutz made in Frankfurt.
Eine sinnstiftende Mission
Der Frankfurter Zoo wurde 1858 eröffnet und ist damit nach dem Zoologischen Garten Berlin der zweitälteste Zoo Deutschlands. Zoos müssen heute mehr bieten als bedrohte Tierarten ausstellen und ein familientaugliches Freizeitprogramm bieten. Das aktuelle Projekt wurde von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) gemeinsam mit der Goethe-Universität und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ins Leben gerufen. Damit soll der Tierpark mehr Verantwortung für Natur- und Artenschutz übernehmen und mit einer sinnstiftenden Mission im 21. Jahrhundert ankommen.
Am östlichen Rand des Zoos, dort wo die Stadt auf die Wildnis im Kleinen trifft, entsteht ein fünfgeschossiger Neubau. Auf einer Fläche von rund 1.500 Quadratmetern wird er ältere, ungenutzte Zweckbauten ersetzen. Für den Bau des Naturschutzzentrums müssen also keine Tiergehege geopfert werden.
Naturmaterialien und Low-Tech
Der Siegerentwurf des Stuttgarter Büros haascookzemmrich STUDIO2050 basiert auf einer organisch geschwungenen Form und natürlichen Baumaterialien. „Vorgesehen sind Holz- und Lehmbauelemente, die dem Gebäude eine ressourcenschonende Struktur verleihen“, wie es in der Projektbeschreibung heißt.
Vorgesehen sind Holz- und Lehmbauelemente, die dem Gebäude eine ressourcenschonende Struktur verleihen.
haascookzemmrich STUDIO2050
Es ist eine bewusste Entscheidung gegen energieintensive Bauweisen und für eine naturbasierte Architektur. Eine, die am Ende ihres Lebenszyklus keine Müllberge hinterlässt, sondern im Idealfall wieder in den Kreislauf der Natur zurückkehrt. Zumindest im Fall der tragenden Struktur.
Was die Haustechnik angeht, so setzt man konsequent auf Low-Tech-Lösungen. Statt wartungs- und CO2-intensiver Klimatechnik sorgt ein Wintergarten als klimatischer Puffer. Um die Glasfassade vor zu hohem Wärmeeintrag zu schützen, befindet sich vor der Fassade ein begrüntes Verschattungsgerüst. Ergänzt wird das Energiekonzept von einer Photovoltaikanlage und einer Abwärmenutzung.
Ein Haus als Habitat
Galt es früher als selbstverständlich, dass die Natur der gebauten Umwelt weichen muss, zeigt das FCC, dass Architektur selbst zum Lebensraum werden kann. Die Außenarbeitsbereiche und Fassadenelemente sind so konzipiert, dass sie Vögeln und Insekten als ökologische Habitate dienen. Damit wird das Gebäude zu einem funktionalen Bestandteil des Naturschutzes, den das Zentrum verkörpern soll.
Zu guter Letzt erfüllt das Naturschutzzentrum auch eine städtebauliche Mission. Zum einen erhält der Zoo mit dem Neubau wieder einen dauerhaften zweiten Eingang im Osten des Tiergartens. Zum anderen reagiert die Architektur sensibel und dynamisch auf die direkte Umgebung.
Der elegante, gerundete Solitär fügt sich harmonisch in den Kontext von Zoo und Stadtquartier ein und bespielt die Schnittstelle von Architektur und Landschaft spezifisch und auf spannungsvolle Weise.
Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt
„Der elegante, gerundete Solitär fügt sich harmonisch in den Kontext von Zoo und Stadtquartier ein und bespielt die Schnittstelle von Architektur und Landschaft spezifisch und auf spannungsvolle Weise. Er hebt sich von gängigen Büro- oder Schulungsgebäuden ab und entwickelt einen individuellen, starken Ausdruck mit sympathischer Klarheit und Leichtigkeit, der das FCC mit seiner immens wichtigen Mission entsprechend in Wert setzt“, betont der Frankfurter Architekturprofessor Zvonko Turkali, der den Jury-Vorsitz des Architekturwettbewerbs innehatte.
Bumerang steht für Rückkehr
Die Klimakrise und der Verlust der Artenvielfalt sind zwei der größten Herausforderungen unserer Zeit. Mittlerweile sind Millionen von Pflanzen- und Tierarten vom Aussterben bedroht, und es ist kein Ende in Sicht. Wichtige Lebensräume werden entweder von Menschen oder durch klimatische Veränderungen zerstört.
Da sich Biodiversität und Klimakrise gegenseitig beeinflussen, müssen die Themen gemeinsam und integrativ angegangen werden, so der Ansatz des FCC. Zoo-Geschäftsführer Christof Schenck sieht das Zentrum bereits jetzt als „Thinktank von herausragender Bedeutung für Wege aus der globalen Biodiversitäts- und Klimakrise“.
Mit seiner geschwungenen Form erinnert der Baukörper an einen Bumerang und passt formgenau in die Ecke Rhönstraße und Waldschmidtstraße. Die Formgebung könnte auch metaphorische Bedeutung haben. Der gebogene Wurfstock der australischen Ureinwohner ändert durch Rotation auf der Flugbahn seine Richtung und kehrt zum Werfer zurück. So wie das Frankfurt Conservation Center durch sein Wirken zur Rückkehr der Biodiversität beitragen soll.
Text: Gertraud Gerst
Visualisierungen & Pläne: haascookzemmrich STUDIO2050 / ZGF, Vizoom




