Ziegel in der Hauptrolle
In der chinesischen Küstenstadt Haikou hat man das Kinoerlebnis neu definiert. Das Architekturstudio One Plus Partnership machte beim Gaoxingli Insun Kino den Ziegel zum Hauptprotagonisten und das Interior zum cineastischen Erlebnis.
Das Haikou Gaoxingli Insun Kino ist ein außergewöhnlicher Ort. Ursprünglich als Kombination aus Kino- und Caféerlebnis konzipiert, ist es heute vor allem eines: eine Hommage an Haikou, die Hauptstadt der chinesischen Inselprovinz Hainan. Die Stadt blickt auf eine lange Geschichte zurück, die bis in die Han-Dynastie (bis 220 n. Chr.) zurückreicht. Neben kulturellen Sehenswürdigkeiten ist Haikou auch für seine Mangrovenwälder und Strände bekannt.
Die Inselstadt hat sich zu einem modernen Hotspot entwickelt; zahlreiche innovative Architekturprojekte prägen das Stadtbild. Darunter das Gaoxingli Insun Kino, das 2024 fertiggestellt wurde. Das Architekturbüro One Plus Partnership aus Hongkong hatte die Aufgabe, ein Kino zu schaffen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.
Dem Sand entsprungen
Die Entscheidung der Architekten Ajax Law und Virginia Lung für Ziegel als dominierendes Material war eine Hommage an die Strände von Haikou. So wurde für ihre Herstellung tatsächlich Sand von der lokalen Küste verwendet. Um die Bewegung des Meeres zu zitieren, brachte man die Ziegel in wellenförmigen Formationen an. Vom Boden über die Decke bis hin zur Theke durchziehen sie das gesamte Kino. Ganz nach ihrem eigenen Motto: „Fußspuren verblassen, Wellen umarmen“.
Selbst die Beleuchtung ist in die Ziegelformationen integriert. Lichtquellen sind strategisch und kaum sichtbar platziert; sie erzeugen so indirekte und natürliche Lichtverhältnisse im Inneren. Anders als in vielen klassischen Kinos gibt es Fenster im Empfangsbereich, was der haptischen Härte des Interieurs eine Weichheit verleiht.
Raum in Bewegung
Im Inneren des Kinos fühlt man sich, als würde man in einen kunstvoll geformten Tonkrug eintreten – umgeben von einer warmen, erdigen Aura, die eine meditative Atmosphäre schafft. Das raue Material der Ziegel steht dabei im spannenden Kontrast zur klaren architektonischen Ordnung des Raums. Jeder einzelne Stein scheint mit Bedacht gesetzt, nichts dem Zufall überlassen.
Eindrucksvoll zeigen sich die vielfältigen Formationen an Decken und Wänden: zylinderförmig, abgerundet, kantig oder eckig – jede Variation bringt Bewegung und Dynamik in den Raum. Diese lebendige Struktur ist es, die das Auge des Betrachters unweigerlich wandern lässt. Er entdeckt immer neue Perspektiven und kann sich an der räumlichen Skulptur kaum sattsehen.
Das Licht spielt dabei eine zentrale Rolle. Es streicht sanft über die Ziegeloberflächen, und lässt die Umgebung ständig neu erscheinen. Je nach Tageszeit und Blickwinkel verändert sich dadurch auch die Stimmung: mal ruhig, mal lebendig – eine bewusst geschaffene Kulisse, die den Räumen einen geradezu cineastischen Effekt verleiht. „Beleuchtung und Lüftungsöffnungen sind geschickt in versteckten Ecken positioniert, wodurch ein sauberer, praktischer und ästhetisch ansprechender Raum entsteht“, erklären die Architekten.
Erlebnisreiches Interieur
Das Kino beinhaltet zwei separate Säle und ein Café, das ebenfalls vollständig aus Ziegeln besteht. Erdige Farbtöne dominieren die Möblierung, während wellenförmige Strukturen auf dem Boden zum Verweilen einladen. Diese Elemente spiegeln die Deckenformationen wider, sind aber breiter gestaltet, sodass man bequem darauf sitzen kann – auch wenn „bequem“ bei Ziegeln natürlich relativ ist.
Für das preisgekrönte Studio One Plus Partnership ist das Gaoxingli Insun Kino nicht das erste außergewöhnliche Projekt. Die Architekten Ajax Law und Virginia Lung haben sich bereits einen Namen gemacht: mit ihrer Materialvielfalt, handwerklichen Präzision und ihrem narrativ geprägten Raumverständnis. Im Gespräch mit der Architekturplattform Dezeen betonen sie: „Wir wollten etwas schaffen, das mit dem Meer zu tun hat, da Haikou vom Meer umgeben ist.“ Ganz bewusst entschieden sie sich dabei gegen die naheliegende Farbe Blau – und stattdessen für die warmen, erdigen Ziegeltöne. Das Ergebnis: „Es ist nicht nur ein Ort, um Filme anzusehen, sondern auch ein Raum, der Kunst und Kreativität miteinander verbindet“, so die Architekten.
Text: Katarina Andraschko
Bilder: Jonathan Leijonhufvud





