Gartenhaus, Florian Nagler Architekten, München, Holzbau, ohne Beton, Einfach Bauen
#greenbuilding

Radikal einfach, radikal nachhaltig

Wie baut man ein Haus ganz ohne Beton? Diese Frage haben sich Florian Nagler Architekten gestellt und mit dem Gartenhaus eine praktische Antwort geliefert. Der radikal reduzierte Bau löst die Aufgabe der Zirkularität von selbst.

Fortschritt beim Bauen geht oft mit technologischer Aufrüstung einher: Digitalisierung, Hightech-Verbundwerkstoffe und ein immer komplexerer Katalog an Vorschriften. Doch was, wenn die wahre Innovation in der Reduktion liegt? Der Münchner Architekt Florian Nagler hat sich die Entkomplizierung des Bauens zur Aufgabe gemacht, und das sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene. Als Professor an der TU München arbeitet er am Forschungsprojekt „Einfach Bauen“, aus dem der Gebäudetyp E hervorgegangen ist. Dieser modulare Gebäudetyp soll das Bauen durch Standardisierung und Effizienz im Bauprozess deutlich vereinfachen. Mit seinem Büro Florian Nagler Architekten hat er zu diesem Ansatz bereits einige praktische Beispiele geliefert.

Gartenhaus, Florian Nagler Architekten, München, Holzbau, ohne Beton, Einfach Bauen
Das Gartenhaus im Münchner Westen dient als Erweiterung von Büro- und Besprechungsräumen.

Das jüngste Projekt ist im Garten des Architekten-Ehepaares in München entstanden und trägt daher den Namen Gartenhaus. 

Ein Fundament aus Schrauben

Von einem Gartenhaus im herkömmlichen Sinn ist es auf den ersten Blick weit entfernt. Mit seinen drei Geschossen und den zwei in einander verschachtelten Baukörpern hat es eindeutig mehr vor als nur Gartengeräte zu verstauen. Schaut man sich allerdings die radikale Leichtbauweise an, dann scheint es einem Gartenhaus deutlich näher als einem herkömmlichen Massivhaus. Anstatt auf einem gegossenen Fundament ruht es nämlich auf drei Meter langen verzinkten Stahlschrauben, die in den Boden eingedreht wurden.

Während Fundamente aus Stahlbeton den Boden auf Dauer versiegeln und tonnenweise graue Energie anhäufen, setzte Nagler auf diese minimalinvasive Lösung. Die Tradition des aufgeständerten Bauens ist Jahrtausende alt und reicht bis in die Jungsteinzeit zurück. Diese Gründungsmethode vereinfacht nicht nur den Rückbau eines Gebäudes, auch der Boden darunter kann sich anschließend wieder vollständig regenerieren.

Gartenhaus, Florian Nagler Architekten, München, Holzbau, ohne Beton, Einfach Bauen
Statt der üblichen mehrschichtigen Wandaufbauten setzte das Planungsteam auf Massivholzwände mit integrierten Luftkammern.

Auch wenn das Haus durch den Sockelbereich aus Granitstein fest verankert scheint, schwebt es in Wahrheit über dem Boden. Der Steinsockel trägt lediglich dazu bei, die sägerauen Fichtenbretter der Fassade vor aufsteigender Feuchtigkeit zu schützen. 

Die Stärke des reinen Materials

Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich bei Naglers Gartenhaus um die Erweiterung des eigenen Architekturbüros. Auf einer Bruttogrundfläche von 254 Quadratmetern entstanden Büro- und Besprechungsräume, die sich einfach zu Wohnräumen umnutzen lassen. So konnte man ein Gartengrundstück in der Stadt sinnvoll und zukunftstauglich nachverdichten. 

Das technikreduzierte Bauen manifestiert sich in einer schichtarmen Holzkonstruktion, die sich auf die Stärken der reinen Materialien besinnt. Gemeinsam mit den Tragwerksplanern von merz kley partner (mkp) optimierte Nagler die Konstruktion, und reduzierte das Tragwerk auf das absolute Minimum. Statt komplexer Mehrschichtaufbauten, wie sie heute üblich sind, setzten sie stattdessen auf Massivholzwände, die mit integrierten Luftkammern versehen sind.

Gartenhaus, Florian Nagler Architekten, München, Holzbau, ohne Beton, Einfach Bauen
Die radikale Einfachheit entwickelt eine eigene Architektursprache.

Gartenhaus, Florian Nagler Architekten, München, Holzbau, ohne Beton, Einfach Bauen
Die auskragenden Fensterlaibungen schützen vor zu hohem Wärmeeintrag im Sommer.

Man kann man bei diesem Projekt nicht im eigentlichen Sinn von einem Tragwerk sprechen. Die tragenden Teile haben sich logisch aus der gesamten Konstruktion entwickelt.

Gordian Kley, Tragwerksplaner von merz kley partner

Mit dem Gartenhaus habe der Architekt das einfache Bauen auf die Spitze getrieben, erklärt Gordian Kley vom österreichischen Ingenieurbürs mkp. „Man kann man bei diesem Projekt nicht im eigentlichen Sinn von einem Tragwerk sprechen. Die tragenden Teile haben sich logisch aus der gesamten Konstruktion entwickelt“, so der Ingenieur gegenüber der Deutschen Bauzeitschrift.

Holz und Lehm

Im Inneren dominieren die Sichtoberflächen des Holzes und sorgen für atmosphärische Wärme und eine weiche Haptik.

Gartenhaus, Florian Nagler Architekten, München, Holzbau, ohne Beton, Einfach Bauen
An der Unterseite der Geschossdecken sieht man die Lehmziegel, in denen die Leitungen der Fußbodenheizung verlegt sind. 

Die Geschossdecken bestehen aus eng liegenden Holzbalken, die den Räumen Struktur geben. Zwischen den Balken liegen Lehmziegel, die an der Deckenuntersicht zutage treten. Mit ihrer feuchtigkeitsregulierenden Wirkung haben sie einen positiven Einfluss auf das Raumklima. In diesen Ziegeln sind zugleich die Leitungen der Fußbodenheizung verlegt. 

Die auskragenden Fensterlaibungen, die mittlerweile zum Markenzeichen Naglers geworden sind, verschatten die Fenster und reduzieren den Wärmeeintrag im Sommer. Während die Haustechnik auf das „unbedingt erforderliche Maß“ reduziert ist, verlaufen die Elektroinstallationen zum Teil offen sichtbar an der Wandoberfläche. Die Photovoltaikanlage ist direkt auf der Dachabdichtung angebracht und dient zugleich als Eindeckung.

Gartenhaus, Florian Nagler Architekten, München, Holzbau, ohne Beton, Einfach Bauen
Das Gartenhaus ist innen und außen nach den Prinzipien des einfachen Bauens gestaltet.

All diese Maßnahmen haben dafür gesorgt, dass der Bauprozess drastisch vereinfacht und die Ressourcen sparsam und gezielt eingesetzt werden. Ein radikaler Ansatz der Reduktion, der das Gartenhaus zu einem radikal nachhaltigen Projekt macht. Die Fragen der Zirkularität und des Rückbaus, die bei komplexen Aufbauten immer problematisch sind, lösen sich dabei ganz von selbst. Und schließlich zeigt das Projekt: Ein Haus steht auch ohne Beton ganz gut.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Pk. Odessa/ Schels, Lanz

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