In den Hügeln der Prager Vorstadt hat das Architekturbüro Stempel & Tesař die Villa Sidonius errichtet – ein architektonisches Experiment aus Beton, Glas und Stahl.

Etwa eine halbe Autostunde von der Prager Innenstadt entfernt liegt Černošice, ein Vorort im Bezirk Okres Praha-západ. Am Fuß des Hügels Babka grenzt die Stadt direkt an das Naturschutzgebiet Böhmischer Karst. Die Landschaft hier ist geprägt von waldigen Hügeln, sanften Flusstälern und offenen Wiesen. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich das Städtchen zu einem eleganten Villenviertel entwickelt – bis heute findet man hier deshalb imposante Altbauten im Jugendstil, aus der Neorenassiance und der Ersten Republik. Mittlerweile wird das Viertel auch von „jüngeren“ Bauwerken in den verschiedensten Stilrichtungen ergänzt. Was die Gebäude aber alle eint: ein besonderes Erscheinungsbild. Eines davon ist ein Haus, das das verantwortliche Architekturstudio als „strukturelles, architektonisches wie technisches Experiment“ beschreibt.

Černošice, Drohnen-Ansicht
Im Pragar Vorort Černošice sticht die Villa Sidonius aus der traditionellen Architektur deutlich hervor.

Die Villa Sidonius, so der Name des Eigenheims, ist eines der jüngsten Projekte des Prager Architekturbüros Stempel & Tesař. Auf einem der höchstgelegenen Grundstücke in Černošice glänzt das Haus sprichwörtlich mit überragender Lage – mit Ausblick über das Tal und die umgebende Landschaft bis auf die Prager Skyline. Die exponierte Hanglage brachte aber auch eine Reihe von Herausforderungen mit sich: Um den idealen Sonneneinfall zu garantieren, wurde die Konstruktion am höchsten Punkt des Steilgrundstücks errichtet und in eine Position rotiert, die das Maximum an Tageslicht zulässt. Gestützt von massiven Betonpfeilern ragt das Haus daher über den Hang und die umliegende Flora hinaus – einem Steg gleich, der ins Wasser führt.

Wohnen der Länge nach

Der Weg durch das Haus führt klassisch von unten nach oben. An der Basis des Grundstücks befindet sich die Garage des Hauses. Zusätzlich sind hier ein Fitnessraum, ein Studio sowie ein Gästezimmer untergebracht. Durch einen Gang gelangt man über die stützenden Betonpfeiler zum Aufzug, der – vorbei an einer Zwischenstation für den Service Raum – ins obere Geschoss führt. In der Mitte der langgezogenen Konstruktion befindet sich der offene Gemeinschaftsraum mit Küche, Wohn- und Essbereich. Von hier aus erreicht man die südlich ausgerichtete Terrasse sowie den Swimmingpool, eingelassen zwischen den imposanten Stützpfeilern. Die Badezimmer und Schlafräume befinden sich an den jeweiligen Enden der Konstruktion.   

Villa Sidonius: langgestreckte Glasfront auf Betonträgern
Von der Straße aus führt ein unterirdischer Gang zum Aufzug in die Villa.

Gartenansicht
Von der Rückseite des Gebäudes gelangt man ebenerdig in den Garten.

Der experimentelle Charakter der Villa Sidonius zeigt sich aber nicht nur in ihrer Form, sondern auch in der Herangehensweise des Architekturstudios. „Ziel war es, die technologischen Möglichkeiten neu ausloten und Innovationen auf dem Markt zu testen“, erzählen Stempel & Tesař architekti. Die Konstruktion verzichtet damit auf klassische Fassaden und besteht fast vollständig aus Glas und Stahl. Großflächige Fenstersysteme des Schweizer Herstellers Air-Lux machen die Umgebung zum Hauptact des Interieurs und bieten gleichzeitig die nötige Flexibilität, nach der die Stahlkonstruktion verlangt. Dazu sorgt eine Wärmepumpe ganzjährig für ein angenehmes Raumklima.

Absolute Transparenz

Im Inneren der Villa bleibt das Design bewusst schlicht. Klare Linien, ruhige Farben und kaum Dekoration betonen die gerahmte Landschaft, ohne mit dem Panorama zu konkurrieren. Trotz minimalistischer Gestaltung und dem orthogonalen Volumen entsteht ein Raum, der sich gänzlich der umliegenden Natur unterordnet. Für zusätzliche Begrünung holte man sich fachkräftige Unterstützung von dem Landschaftsarchitekten Vladimir Smitta – eine Reihe von Birken sorgt für ein stimmiges Gesamtbild.

Wohn-Koch-Essbereich
Der Koch-Ess-Wohnbereich bildet im wahrsten Sinne das Herzstück der Villa Sidonius.

Nach langjähriger Planung und intensiver Bauzeit wurde die Villa Sidonius im Jahr 2024 fertiggestellt. Oder anders ausgedrückt: Das Experiment ist geglückt.

Text: Rabea Scheger
Bilder: Filip Šlapal

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