Schule als naturnahes Dorf
Für die färöische Glyvra School haben Henning Larsen Architects einen Campus entworfen, auf dem selbst Pippi Langstrumpf gerne das Einmaleins gelernt hätte.
Es braucht bekanntlich ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Für die jüngsten Bewohner des färöischen Glyvrar haben Henning Larsen Architects nun eigens ein ebensolches Lerndorf entworfen. Bewohnt wird es künftig – freilich nur tagsüber – von den Kindern und dem Lehrpersonal der örtliche Glyvra School. Die Schule soll Platz für 500 Kinder bieten – immerhin fast ein Prozent der färöischen Gesamtbevölkerung. Denn die im Nordatlantik zwischen Schottland, Norwegen und Island gelegene Inselgruppe zählt 2026 überschaubare 56.000 Einwohner. Das entspricht in etwa der Bevölkerungszahl des 13. Wiener Gemeindebezirks Hietzing – im Falle der Färöer allerdings verteilt auf 18 Inseln.
Natur als Lehrmeisterin
Zwischen den besiedelten Gebieten bleibt viel Raum für Natur. Letztere soll auch im neuen Lerndorf eine prägende Rolle spielen. Tageslicht geflutete Klassenräume mit Fjordblick sind ebenso Teil des Plans wie geschützte Außenräume mit Spielzonen, abwechslungsreicher Bepflanzung und natürlichem Windschutz – eine Notwendigkeit, wenn man Wind und Wetter ganzjährig trotzen möchte.
Neben den klimatischen Bedingungen floss auch die umgebende Topografie maßgeblich in die architektonischen Überlegungen ein. Das Ziel: Gebäude, Land- und Gemeinschaft sollen zu einer Einheit verschmelzen. Die Grünflächen reichen daher bis ins Herz des Campus. Selbst die Gebäudedächer sind landestypisch grün bewachsen.
Nahtlose Übergänge zwischen Innen- und Außenräumen lassen die natürliche Neugier, Kreativität und Bewegungsfreude der jungen Inselbewohner nicht nur zu, sondern fördern diese bewusst. Holz ist auch in den Innenräumen allgegenwärtig.
Die umgebende Natur dient nicht nur als Kulisse, sondern wird auch selbst zur Lehrerin.
Ósbjørn Jacobsen, Design Director von Henning Larsen Färöer
Die Natur und das aktive Lernen rücken in der Glyvra School in den Mittelpunkt. „Bildung findet hier sowohl drinnen als auch draußen statt. Unser Entwurf verknüpft Bewegung und Spiel mit dem täglichen Lernen. Die umgebende Natur dient nicht nur als Kulisse, sondern wird auch selbst zur Lehrerin“, bringt es Design Director Ósbjørn Jacobsen von Henning Larsens färöischer Niederlassung auf den Punkt.
Zwischen Berghang und Fjord
Beginnend mit der Vorschule über die Mittelstufe bis hin zu Nachmittagsbetreuung und Sonderpädagogik wird Kindern im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren auf dem Campus künftig die ganze Palette des Schulsystems geboten. Das Areal soll jedoch auch als sozialer und kultureller Anker für ganz Glyvrar fungieren. Einladend gestaltete Höfe, Spielplätze, Kunstinstallationen, Wege zum Strand sowie Einrichtungen für Saunabesuche und Meerbaden bilden ein Netz aus Aktivitätsbereichen, die sowohl der Schule als auch der gesamten Gemeinde im Alltag zur Verfügung stehen. In der in den 1950er-Jahren vom lokalen Architekten Niels Pauli Hansen erbauten Scheune Heimistovufjósið wird die neue Musikschule untergebracht.
Der historische Charakter des Baus mitsamt seiner Proportionen und Materialien soll respektiert und gleichzeitig gegenwärtigen Bedürfnissen angepasst werden. Neben Unterrichts- und Probenräumen entsteht ein Konzertsaal. Bildung, Kultur und lokale Gemeinschaft werden so gleichermaßen gestärkt. Sigrid Jensdóttir Dalsgaard, Jurysekretärin und Projektleiterin, begründet die Entscheidung für das Architekturbüro Henning Larsen folgendermaßen: „Auf außergewöhnliche Weise übersetzt der Entwurf unsere Wünsche, Bedürfnisse und Träume in ein Gebäude, das wir stolz als unser Wahrzeichen betrachten werden – als Spiegel unserer Seele, unserer Gemeinschaft und unserer Geschichte.“
Auf außergewöhnliche Weise übersetzt der Entwurf unsere Wünsche, Bedürfnisse und Träume in ein Gebäude, das wir stolz als unser Wahrzeichen betrachten werden.
Sigrid J. Dalsgaard, Jurysekretärin und Projektleiterin
Die Bauarbeiten werden in mehreren Phasen durchgeführt, sodass der Schulbetrieb während der gesamten Bauzeit aufrechterhalten bleibt. Dieser gestaffelte Ansatz ermöglicht es, neue Einrichtungen fertigzustellen und zu nutzen, bevor bestehende Strukturen renoviert oder zurückgebaut werden. Die Schüler werden in den nächsten Jahren am Rande des Unterrichts wohl auch viele lehrreiche Einblicke ins Bauwesen erhalten.
Text: Barbara Seemann
Bilder: Plomp




