Tiranas vielseitige Riesen-Kugel
Der Entwurf, mit dem das Büro MVRDV den Bewerb um einen Neubau in Tirana gewonnen hat, ist in der Tat spektakulär: Denn das „Grand Ballroom“ genannte Projekt zeigt eine riesige Kugel, die neben einer Sport-Arena auch ein Hotel, Wohnungen und Geschäfte beherbergt.
Für originelle Formgebung ist das Büro MVRDV längst bekannt. Vom Mannheimer Hochhaus mit dem „O“ oder Chengdus bunt geschachtelter „LuLa Light Mall“ bis zur bereits eröffneten verspiegelten „Schüssel“ fürs Kunst-Depot des Rotterdamer Boijmans van Beuningen Museums: Die niederländischen Architekten schaffen Bauten, die alle Blicke auf sich ziehen. Mit dem Grand Ballroom soll bald ein weiterer folgen. Denn mit diesem Entwurf haben die kreativen Niederländer den Wettbewerb für Tiranas neuen Asllan-Rusi-Sportpalast gewonnen: Mit einer gigantischen Kugel, die Sport-Arena, Hotel, Wohnungen und Geschäfte geschickt in ihrem Rund vereint.
Neuer Treffpunkt mit viel Angebot
Wer beim Projektnamen „Grand Ballroom“ an aktuelle Vorgänge am Sitz des US-Präsidenten denkt, liegt weit daneben. Was bald im Herzen von Albaniens Hauptstadt errichtet werden soll, schafft nämlich deutlich mehr als einen Saal für VIP-Festivitäten: Die riesige Kugel wird der Öffentlichkeit, der Stadt und all ihren Besuchern viel zu bieten haben. Weil der Neubau mit seinen mehr als 100 Metern Durchmesser neben privaten auch mit vielen öffentlichen Bereichen aufwartet, die ihn zum neuen Treffpunkt prädestinieren. Und weil er durch seine Größe und spektakuläre Form wohl unweigerlich zu einem Wahrzeichen werden wird.
Das Mixed-Use-Bauwerk umfasst, unter anderem, eine Sport-Arena mit 6.000 Plätzen für Basket- und Volleyball. Die Hotel- und Wohnfunktionen werden auf dieser Arena gestapelt. Dadurch entsteht auf relativ kleiner Fläche auch Platz für ein umfangreiches Programm.
Für Sport, Nutzer & Nachbarschaft
Weil der Grand Ballroom rund ist, kommt er ohne „Rückfassaden“ aus, die ihn von der Umgebung trennen würden. Und dies ist nicht der einzige große Vorteil der gewaltigen Mixed-Use-Kugel: Durch die Verjüngung zur Basis des Gebäudes hin ergibt sich mehr Raum für öffentliche Zonen und Outdoor-Sportanlagen. Diese werden auch der Nachbarschaft und deren Kindern zur Verfügung stehen. Und durch die Verjüngung im oberen Bereich entstehen Terrassen für die Bewohner.
Durchdacht gestapelte Funktionen
Das MVRDV-Team hat die Funktionen des Projekts geschickt in Ebenen angeordnet. Dort, wo die Kugel auf den Boden trifft, prägt sie sich in die Erde ein. So entsteht ein Untergeschoss mit Stufen und Tribünen, die nach unten zu einem Ring aus Einzelhandelsflächen, Cafés und Einrichtungen führen. Und somit zu Einrichtungen, die die Veranstaltungen der Arena unterstützen.
Aufs belebte Untergeschoss setzen die Architekten die Arena selbst, die über kurze Brücken auf Bodenhöhe zugänglich ist. Der Hauptveranstaltungsort wird von zwei zusätzlichen Trainingsplätzen flankiert, die unter den Tribünen versteckt sind.
Sport-Schauen vom Hotelzimmer aus
Das Hotel indes befindet sich darüber und erstreckt sich über zwei Stockwerke. Dies verschafft dem Beherbergungsbetrieb ein einzigartiges Plus: Seine Gäste können die Spiele von den Fenstern der Zimmer in der unteren sowie von den Einrichtungen in der oberen Etage aus verfolgen. Denn diese ragen über die Tribünen hinaus und bilden so ein riesiges Bullauge in der Decke der Arena.
Dieses große, runde Sichtfenster könnte laut Entwurf mit einer dicken Glasschicht verschlossen werden. Das Ziel: Eine schalldichte Barriere, die zugleich visuelle Verbindung zwischen dem oberen und unteren Volumen aufrechterhält.
Über dieser Ebene zeigt MVRDVs Sieger-Entwurf Wohnungen. Diese befinden sich innerhalb der doppelwandigen Struktur der Kugel. Und sie bilden in deren Innerem einen kolossalen, halb offenen Kuppelraum – fast wie ein Spiegelbild der schüsselförmigen Arena. Dieser Raum ist als Innenhofgarten für die Bewohner gedacht. Begrünt, mit Baumbestand und Möbeln zum Entspannen.
Viel Grün & frische Luft
An mehreren Stellen weicht die Kuppel der Wohnungen drei- und vierstöckigen rechteckigen Öffnungen, die durch die Gebäudehülle gestanzt sind. Diese ermöglichen natürliche Belüftung und sind zudem dazu gedacht, zusätzliche gemeinschaftliche Grünflächen für die Bewohner zu schaffen.
Wohnen im Grand Ballroom
Die Wohnungen in der Hülle der Grand Ballroom Kugel bestehen aus einer Mischung aus nach außen gerichteten Einheiten und solchen mit doppelter Ausrichtung. Letztere sollen nicht nur spektakuläre Aussicht auf die Stadt eröffnen. Sie werden vielmehr auch freien Blick auf die innere Kuppel, den Innenhofgarten und – durch das innere Bullauge – in die Arena bieten.
Weil sich der außergewöhnliche Kugelbau nach oben hin verjüngt, entstehen große Terrassen für die Bewohner. Die Außenwände der Wohnungen sind innerhalb der Hülle zurückgesetzt. So, dass die Innenräume durch die darüber liegende Etage vor der Sonne geschützt sind.
Luxus & Drinks in luftiger Höhe
Im obersten Teil der Kuppel steht Luxus auf dem Plan: Dort zeigt der Entwurf für Tiranas Grand Ballroom überwiegend Maisonette-Penthäuser. Diese bekommen jeweils Zugang zu einer privaten Dachterrasse.
Ein Viertel dieses oberen Rings wird zudem eine doppelt so hohe Hotel-Skybar mit Blick über die Stadt beherbergen. Und ein zweites Riesen-Bullauge, das mit Glas verschlossen und zur Belüftung geöffnet werden kann, soll den faszinierenden Riesenkugel-Bau oben abschließen.
MVRDV-Gründungspartner Winy Maas beschreibt das Ziel des Großprojekts so: „Der Grand Ballroom wird zu einem Leuchtturm, der Menschen dazu inspirieren und ermutigen soll, Sport zu treiben und zu schauen. Ein Ort zum Spielen, Treffen und Feiern!“
Architektonisches „Ball-Spiel“
Und der renommierte Architekt führt aus: „Die Kugelform ist eine Anspielung auf den runden Ball, der in so vielen Sportarten verwendet wird. Sie erinnert aber auch an Tempel der Aufklärung, von Étienne-Louis Boullées Cenotaph für Newton bis hin zu Buckminster Fullers Hommage an den technologischen Optimismus, der geodätischen Kuppel.“
Rund, das verbindet
Eine große Kugel im Herzen von Tirana könne in ähnlicher Weise zu einem Tempel für Sport und Gemeinschaft werden, ist Maas überzeugt: „Durch die Verbindung der verschiedenen Funktionen lädt sie alle Menschen im Gebäude ein, Teil des Geschehens zu sein. Durch die Bereitstellung öffentlicher Räume mit Sportanlagen wird sie zu einem Teil der Nachbarschaft. Als Wahrzeichen lockt sie Menschen aus der ganzen Stadt und darüber hinaus, sich zu versammeln und zu feiern.“
Für Fans spannender Architektur ist Albaniens Hauptstadt längst zum höchst interessanten Reiseziel avanciert. Und dies nicht nur aus historischen Gründen. Denn die „Sammlung“ spektakulärer Bauten und neuer Projekte der Metropole kann sich sehen lassen – und wächst kontinuierlich weiter. Tirana ist zu einer regelrechten Spielwiese vieler international gerühmter Baukünstler von Bjarke Ingels Group bis Stefano Boeri geworden.
Von der Pyraminde zur Kugel
Für die weltweit erfolgreichen MVRDV-Architekten ist die Grand Ballroom Riesenkugel keineswegs das erste Großprojekt vor Ort. Auch das Design für das Gebäude „Tirana’s Rock“, das dem Konterfei des Nationalhelden Skanderbeg gleicht, stammt aus ihrer Feder. Ebenso, wie die von den Niederländern erfolgreich modern umgestaltete, brutalistische „Pyramide von Tirana“. Diese wurde inzwischen eröffnet – und erntet international wie auch bei Tiranas Bevölkerung viel Applaus. Ehre, die – wenn alles abläuft, wie geplant – auch dem Grand Ballroom zuteil werden dürfte.
Text: Elisabeth Schneyder
Bilder: MVRDV









