Hanglage mit Zukunft
Busans berühmte Hügelsiedlungen sollen modernisiert werden, ohne aber ihren farbenfrohen Charme zu verlieren. Das Architekturbüro OMA hat mit seinem Projekt Busan Slope Housing eine Lösung gefunden, die alt und neu perfekt miteinander vereint.
Dichte, farbenfrohe Siedlungen prägen das Bild der Hügellandschaft von Busan, einer großen Hafenstadt im Südosten der koreanischen Halbinsel. Errichtet aus improvisierten Materialien entstanden sie in den 1950er-Jahren als Zufluchtsort im Krieg zwischen Nord- und Südkorea. Heute sind sie gezeichnet von den Spuren der Zeit und sind dennoch ein Symbol der urbanen Identität der Metropole.
Busan ist mit seinen 3,4 Millionen Einwohnern nicht nur die zweitgrößte Stadt Südkoreas, sondern auch eine der wenigen, die im Koreakrieg nicht von nordkoreanischen Truppen eingenommen wurde. Zeitweise diente sie sogar als temporäre Hauptstadt des Landes, als Seoul erobert worden war. An diesem geschichts- und symbolträchtigen Ort plant nun das niederländische Architekturbüro OMA das Projekt Busan Slope Housing, die „Wohnsiedlungen am Hang“. Die bestehende Nachbarschaft soll dabei nicht etwa durch moderne Hochhäuser ersetzt, sondern mit Flächeneffizienz und räumlicher Vielfalt gestärkt werden.
Bunt, bunter, Busan
Heute ist Busan nicht nur eine moderne Metropole mit einer starken Wirtschaft, sondern auch ein beliebtes Reiseziel für Touristen aus aller Welt. Hier trifft eine großstädtische Skyline auf auf traumhafte Sandstrände wie den Haeundae Beach. Doch auch traditionelle Orte wie der Haedong-Yonggungsa-Tempel, der direkt am Meer liegt, oder der Jagalchi-Fischmarkt bieten Kultur und Genuss für Besucherinnen wie auch Einwohner. Auch die Siedlungen zwischen den Hügeln sind auf Social Media oft zu sehen. Kein Wunder: Mit ihren bunten Dächern, unterschiedlichen Formen und Farben sind sie ein echter Eye-Catcher. Einst aus der Not heraus entstanden, formten sich diese kleinen Häuschen zu dichten Siedlungsteppichen, die das hügelige Terrain überziehen. Heute kämpfen sie jedoch mit ihrer veralteten Infrastruktur, die wenig Zugänglichkeit und Platz bietet und sich kaum mehr an moderne Wohnbedürfnisse anpassen lässt.
Genau da setzt OMA an: „Wir schlagen ein anpassungsfähiges Konzept vor, das die Stärken gewachsener Stadtviertel in ein neues Modell für belebte Straßen und eine einheitliche Skyline umsetzt“, erklären die Architekten.
Anstelle typischer Hochhausblöcke setzen sie auf einen Entwurf, der den Charakter der Siedlungen respektiert und bestehende soziale Netzwerke bewahrt. Ein umfangreicher Fußgängerkorridor soll die wichtigsten öffentlichen Orte miteinander verbinden – Schulen, Bushaltestellen, Märkte und mehr. Die verschiedenen Wohngebiete werden in vier Kategorien unterteilt: Häuser mit Terrassen, Stadtvillen, Reihenhäuser und Türme. Je nach Hanglage, Lichtverhältnissen, Aussicht und Nähe zu sozialen Hotspots werden diese differenziert. Ziel sei es, mehr Möglichkeiten für Bewohner zu schaffen, miteinander in Kontakt zu treten.
Planen in der Hanglange
Die vier Haustypen sollen so eingeplant werden, dass ihre jeweiligen Vorzüge optimal zur Geltung kommen. Steile Bereiche können mit Terrassen überbrückt werden, während die besten Aussichten von den höher gelegenen Punkten aus genutzt werden. Reihenhäuser und Stadtvillen dienen als zentrale Ankerpunkte, wobei die Reihenhäuser entlang der Bergrücken entstehen sollen. Ziel ist es, die ursprüngliche Struktur der Siedlungen nicht zu zerstören, sondern die bestehenden Communities zu stärken und ihnen eine zeitgemäße Weiterentwicklung zu ermöglichen. „Das Ergebnis ist keine einheitliche Lösung, sondern ein abgestimmtes Patchwork aus ineinandergreifenden Zonen“, so die Architekten.
Für das Projekt wurden zwei Standorte ausgewählt, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Yeongju und Anchang. Ersteres liegt im Zentrum der Küstenstadt, während Anchang isolierter zwischen den Hügeln liegt. „Aufgrund ihrer Unterschiede eignen sie sich ideal, um einen reproduzierbaren Ansatz zu testen, der die bestehende städtische Mikrostruktur mit der gegenwärtigen Makrostruktur in Einklang bringt und vermittelt“, heißt es von OMA.
Die Zukunft im Blick
Die Wohnsiedlungen am Hang wurden gemeinsam mit dem Busan Architecture Festival und dem dortigen Ministerium für Wohnungswesen und Architektur entwickelt. Das renommierte Architekturbüro OMA hat bereits große Projekte wie die CCTV Headquarters in Peking oder den Toranomon Hills Station Tower in Tokio umgesetzt.
Für Busan jedenfalls haben sie ein Konzept entwickelt, das künftig nicht nur die bunten Häuschen der Siedlungen moderner gestaltet, sondern vor allem den Einwohnern mehr Aufmerksamkeit schenkt. „Die Wegeführung wird zur sozialen Interaktionsfläche. Der Außenraum wird zur gemeinschaftlichen Nutzfläche. Das Leben am Hang wird wieder sichtbar“, erklärt OMA.
Text: Katarina Andraschko
Bilder: OMA





