Haus der Musik Braunschweig, Entwurf von ADEPT
#architektur

Vom Kaufhaus zum urbanen Resonanzraum

Wie die Transformation eines Karstadt-Gebäudes Braunschweigs Innenstadt neu denkt: Das Haus der Musik nach dem Entwurf von ADEPT bewahrt die räumlichen und strukturellen Qualitäten und implantiert einen Konzertsaal als Herzstück der Braunschweiger Musiklandschaft.

Es ist eine Transformation, die weit über einen funktionalen Umbau hinausgeht: Aus einem profanen Konsumtempel, einem Karstadt-Gebäude, wird ein edler Ort der kulturellen Produktion und Teilhabe, ein Haus der Musik. Und statt Abriss und Neubau erfolgt die städtebauliche Einbindung mitten in der historischen Altstadt Braunschweigs mit viel Fingerspitzengefühl nach dem Ansatz der adaptiven Wiederverwendung.

Beim internationalen Wettbewerb für das Haus der Musik in Braunschweig, zu dem zehn Architekturbüros eingeladen wurden, hat sich das Büro ADEPT aus Kopenhagen und Hamburg gegen Architekturgrößen wie Dorte Mandrup, GRAFT und Gustav Düsing durchgesetzt.

Bestandsgebäude von Pritzker-Preisträger Böhm

Unter vier innerstädtischen, brach liegenden Standorten fiel die Wahl auf das leerstehende Karstadt-Gebäude am Gewandhaus zwischen Kohlmarkt und Bankplatz. Die Frage, ob es abgerissen oder erhalten bleiben sollte, blieb in der Ausschreibung ausdrücklich offen. Alle zehn bewerbenden Studios entschieden sich klar gegen den Abriss.

Der eher untypische Kaufhausbau aus dem Jahr 1978 mit der auffälligen, kaskadenartigen Fassade mit den 50.000 dunkelgrauen Biberschwanzziegeln stammt immerhin vom deutschen Träger des Pritzkerpreises Gottfried Böhm. Er bezog sich damals architektonisch auf die Häuser in der Braunschweiger Altstadt.

Die Innentstadt Braunschweigs, aus der Vogelperspektive
Aus dem alten Karstadt-Gebäude mitten in Braunschwegs Altstadt wird ein Haus der Musik.

Für Tatjana Sabljo, Fachjurymitglied und Vorsitzende des Bund Deutscher Architekten Niedersachsen, ist „die Zeit des Abrisses und der Ressourcenverschwendung vorbei“. Der Entwurf von ADEPT mit der Neugestaltung der auskragenden Fassade zur Poststraße hin wahre Böhms gestalterische Idee, entwickle sie aber weiter, wird Sabljo in der Braunschweiger Zeitung zitiert. Großzügiger und dynamischer, wirke sie fast wie Gefieder oder ein leichtes Kleidungsstück, „das ein Lufthauch vom Altstadtmarkt her anhebt“. Der Baukörper in der neuen Form staffelt sich nach oben zurück, respektiert historische Trauflinien und bewahrt wichtige Sichtachsen innerhalb der Altstadt.

Haus der Musik: Hybrides Kulturgebäude

Lange Zeit ein anonymer Block des innerstädtischen Einzelhandels, wird das Haus der Musik zu einem kulturellen Ankerpunkt. Er wird Musik, Öffentlichkeit und Stadtraum neu miteinander verschränken. Auf rund 18.000 Quadratmetern entsteht ein hybrides Kulturgebäude mit Konzertsaal, öffentlicher Musikschule und frei nutzbaren Gemeinschaftsflächen.

Karstadt, Braunschweig
Die alte Fassade des Karstadt-Kaufhauses aus dem Jahr 1978.

Haus der Musik, nach einem Entwurf von ADEPT
Die flotte, neue Fassade, wie „ein Gefieder, das von einem Lufthauch angehoben wird“.

Tragstruktur, Raster und Maßstäblichkeit des Bestands bleiben erhalten und bilden das konstruktive wie atmosphärische Rückgrat des Entwurfs. Diese Entscheidung ist einerseits ökologisch motiviert. Denn sie vermeidet in erheblichem Ausmaß graue Emissionen. Dabei handelt es sich um jene Treibhausgasemissionen, die bei der Gewinnung und Verarbeitung von Roh- und Baustoffen, beim Transport von Materialien zur Baustelle, beim Bau des Gebäudes selbst sowie bei dessen Abriss inklusive der Entsorgung der Abfälle entstehen. Studien zufolge machen die grauen Emissionen oft mehr als 50 Prozent des gesamten CO2-Fußabdrucks im Lebenszyklus von Gebäuden aus.

Urbanes Bindeglied in der Altstadt

Aber die Entscheidung ist auch städtebaulich klug: Das Gebäude bleibt als vertraute Figur im kollektiven Gedächtnis der Stadt präsent, erhält jedoch eine neue Bedeutungsschicht. Die Fassade macht den Übergang zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar – und fungiert so als vermittelnde Schicht.

ADEPT greift das modulare Raster des ehemaligen Kaufhauses auf und übersetzt es in eine plastische, taktile Hülle. Kaskadierende Elemente erzeugen ein lebendiges Spiel aus Licht und Schatten. Sie öffnen gezielt Einblicke in das Innere und lassen Aktivitäten nach außen sichtbar werden. Die Fassade wird so zu einer kommunikativen Schicht zwischen Gebäude und Stadt.

Materialität und Rhythmus nehmen Bezug auf die kleinteilige Dachlandschaft und die historische Bautradition Braunschweigs, ohne in formale Nostalgie zu verfallen. Vielmehr entsteht eine eigenständige architektonische Sprache, die sowohl das Erbe der 1970er-Jahre des Bestands als auch die noch ältere Baugeschichte des Ortes reflektiert. Die Fassade fungiert so zugleich als Identitätsträger und als Einladung an die Öffentlichkeit.

Haus der Musik
Das Haus der Musik verfügt über eine Musikschule, einen erhöht positionierten Konzertsaal und den „Klangkeller“.

Haus der Musik
Die kaskadierenden Elemente der Fassade erzeugen ein lebendiges Spiel aus Licht und Schatten.

Das Haus der Musik liegt an einer der zentralen Fußgängerachsen Braunschweigs und verbindet den Altstadtmarkt mit dem Kohlmarkt. Diese Lage nutzt der Entwurf gezielt, um das Gebäude nicht als Solitär, sondern als durchlässigen Stadtraum zu denken. Das Erdgeschoss wird geöffnet, transparent gestaltet und mit großzügigen Foyers, Terrassen und Durchblicken aktiviert. Schwellen zwischen Innen und Außen lösen sich auf; das Gebäude „reicht“ in die Stadt hinein und lädt zum Verweilen ein – auch unabhängig von Konzertbesuchen.

„Third Place“-Prinzip als räumliche Idee

Im Inneren organisiert sich das Projekt um das Konzept des „Third Place“ – jener undefinierten Räume zwischen klaren Funktionen. Da diese Zonen nicht streng programmiert sind, ermöglichen sie soziale Interaktion – und dürfen angeeignet werden: Als Treffpunkt, als Übergangsraum, als Lern- oder Aufenthaltsort. Besonders die Musikschule profitiert davon. Sie ist direkt vom Straßenraum aus zugänglich und in die bestehende Struktur eingebettet. Dadurch entsteht ein lebendiger Tagesrhythmus aus Unterricht, Proben und informellem Austausch.

„Klangkeller“ für alle

Unterhalb der Musikschule liegt der sogenannte „Klangkeller“: ein roher, flexibel nutzbarer Raum für experimentelle Formate, alternative Musik und subkulturelle Szenen. Damit erweitert das Haus der Musik sein Programm bewusst über klassische Hochkultur hinaus. Es öffnet sich für unterschiedliche musikalische Ausdrucksformen und Zielgruppen.

Krönender Abschluss des Gebäudes ist der neue Konzertsaal, der als leichte Stahl- und Holzstruktur auf den bestehenden Bau aufgesetzt wird. Diese Positionierung minimiert Eingriffe in die Fundamente und unterstreicht erneut den respektvollen Umgang mit dem Bestand. Der Saal ist für rund 1.200 Besucher und Besucherinnen ausgelegt. Und er folgt der klassischen „Shoebox“-Typologie. Dieser funktionalistische Stil zeichnet sich durch überwiegend geradlinige, orthogonale Formen mit regelmäßigen horizontalen Fensterreihen oder Glaswänden aus. Konzerthallen stehen damit im Gegensatz zu herkömmlichen runden oder halbrunden Amphitheatern.

Die akustische Klarheit und räumliche Intimität stehen im Zentrum des Entwurfs. Schallreflektierende Wand- und Deckenpaneele sorgen für eine gleichmäßige Klangverteilung, während verstellbare Deckenelemente eine flexible Abstimmung auf unterschiedliche Aufführungsformate ermöglichen – von Orchestermusik über Orgelkonzerte bis hin zu verstärkten Events. Gute Sichtlinien, umlaufende Balkone und ein umhüllendes Klangerlebnis prägen die Atmosphäre des Saals. Ergänzt wird er durch Proberäume und Backstage-Bereiche, die kurze Wege und reibungslose Abläufe gewährleisten.

Haus der Musik
Ein umlaufendes Foyer mit Panoramaterrasse bietet Ausblick über die Stadt.

Haus der Musik
Die Musikschule ist auf Straßenniveau, der Klangkeller liegt darunter. Krönender Abschluss ist der Konzertsaal.

Ein umlaufendes Foyer mit Panoramaterrasse bietet zudem einen 270-Grad-Blick über die Stadt und verankert das Haus der Musik sichtbar im urbanen Gefüge.

Integrale Nachhaltigkeit

Punkto Nachhaltigkeit folgt das Projekt einem klaren Konzept, das über den reinen Erhalt der Struktur hinausgeht. Niedrigemissions-Fernwärme, Photovoltaik auf dem Dach, passive Kühlstrategien und wassersparende Systeme reduzieren den laufenden Energiebedarf. Neue Bauteile, etwa in der Fassade oder im Konzertsaal, werden aus vorgefertigten Elementen aus Brettsperrholz (Cross Laminated Timber) realisiert, um Bauzeit und Emissionen weiter zu minimieren.

Gleichzeitig versteht ADEPT Nachhaltigkeit auch sozial und urban: Durch die Revitalisierung eines lange geschlossenen Großbaus entsteht ein neuer Anziehungspunkt für die Innenstadt, der unterschiedliche Nutzergruppen zusammenführt und das öffentliche Leben stärkt.

In der Alchemie wurde übrigens die Bezeichnung ADEPT für jene Personen verwendet, die das Geheimnis der Herstellung des Steins der Weisen gefunden hatten. Zumindest in der Theorie. Zwar hat das Studio ADEPT nicht Blei in Gold verwandelt. Der adjektivischen Wortbedeutung, nämlich „geschickt, fachkundig, hochkompetent“, hat es mit dem Haus der Musik reichlich entsprochen.

Text: Linda Benkö
Fotos/Renderings: Aestetica Studio / ADEPT, Dguendel

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