Wo früher Heu lagerte und der Wind durch die Ritzen pfiff, hat Wolf Architektur ein modernes Wohnhaus implantiert. Das Haus im Stadel ist eine Liebeserklärung an die landwirtschaftliche Baukultur und ein Vorzeigemodell für den Umgang mit Leerstand.

Wer durch die sanfte Hügellandschaft des Pramtals, westlich von Linz, fährt, vorbei an kleinen Wäldern und ausgedehnten Streuobstwiesen, der begegnet ihnen immer wieder: den mächtigen Vierseithöfen. Sie stehen wie Festungen in der Landschaft, gebaut für die Ewigkeit, funktional, schlicht und von einem archaischen Selbstverständnis. Doch viele dieser Strukturen haben im Laufe der Zeit ihre ursprüngliche Funktion verloren. Die landwirtschaftliche Nutzung hat oft keine Priorität mehr, und so stehen riesige Volumina leer, während rundherum auf der grünen Wiese neue Einfamilienhäuser aus dem Boden gestampft werden.

Haus im Stadel, Wolf Architektur, Oberösterreichische Holzbaupreis 2025, Umbau, Vierseithof
Ein umgebauter Stadel wird zum modernen Wohnraum, ohne dafür neue Grünfläche zu versiegeln.

Dass sich dieser symptomatische Leerstand mit dem steigenden Wohnbedarf verknüpfen lässt, zeigt ein preisgekröntes Projekt in Dorf an der Pram. In Thalling, einer der 23 verbundenen Ortschaften, steht ein umgebauter Vierseithof inmitten von alten Gehöftbeständen. Wolf Architektur hat den durch Zubauten verstellten Hof strukturell entrümpelt und mit dem Haus im Stadel eine zusätzliche Wohneinheit für die junge Generation geschaffen. 

Ein Faible für alte Bauernhöfe

Das mit dem Oberösterreichischen Holzbaupreis 2025 ausgezeichnete Transformationsprojekt zeigt, wie man die Geschichte eines Ortes fortschreibt, anstatt sie zu überbauen. „Die Reparatur, das Bereinigen und das behutsame Einfügen waren die Prämissen“, formuliert das Architektenpaar Manuela und Wolf Großruck die Bauaufgabe.

Die Reparatur, das Bereinigen und das behutsame Einfügen waren die Prämissen.

Manuela und Wolf Großruck, Architekten

Ihr Büro liegt selbst in einem alten Gehöft im Trattnachtal und liefert damit einen Hinweis auf ihr gut gepflegtes Faible: „Wir sind Bewunderer der sparsamen und funktionalen Qualität von alten Bauernhöfen.“

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Durch den Rückbau der überflüssigen Anbauten hat der offene Vierseithof seine ursprüngliche Luftigkeit zurückbekommen.

In mehreren Umbauprojekten haben sie das große Potenzial dieser „landschaftsverträglichen Typologie“ für eine zeitgemäße Nachnutzung unter Beweis gestellt. Mit neuen Denkansätzen finden sie unkonventionelle Lösungen für die vielfältigen Strukturen, die ein Gehöft hergibt. Ein Bauernhof war seit jeher der Inbegriff von Multifunktionalität und vereinte stets Güter, Tiere und Menschen unter einem Dach. Auch für die geänderten Ansprüche unserer Zeit hält er so einiges bereit.

Ein Stadel wird wohnbar gemacht

So zeigt diese kreative Umnutzung, dass sich das große Volumen eines Stadels nicht nur zum Lagern von Heu, sondern auch zum Wohnen gut eignet. Die Herausforderung bei solchen Projekten liegt oft im Detail. Nicht nur der Zahn der Zeit hatte an der alten Holzkonstruktion genagt, sondern auch der Holzwurm. Dort, wo es an Tragsicherheit fehlte, wurden Träger und Balken erneuert. 

Nach einer kompletten Entkernung baute man auch die Stallerweiterung zurück. In diese baulich ertüchtigte Struktur fügten die Architekten eine Kubatur aus Holz ein, die dem Haus-im-Haus-Prinzip folgt. 

Haus im Stadel, Wolf Architektur, Oberösterreichische Holzbaupreis 2025, Umbau, Vierseithof
Mit diesem Umbauprojekt haben die Architekten das große Potenzial dieser „landschaftsverträglichen Typologie“ für eine zeitgemäße Nachnutzung unter Beweis gestellt.

Dass der Grundriss des Einbaus kreuzförmig ist, folgt keinem ästhetischen Selbstzweck, sondern ist eine Reaktion auf die vorhandene Geometrie.

Eine schützende Haut

Durch die Kreuzform entstehen in den vier Ecken des Stadels Freiräume, die als Loggien fungieren. Es sind Hybridräume, Schwellenbereiche zwischen Innen und Außen, zwischen der Geborgenheit des Wohnraums und der Weite der Landschaft. „Das Konzept respektiert den Bestand, richtet sich nach Stützen und Gebälk und ist geprägt von deren Rhythmus – eine offene Raumabfolge im Erdgeschoss, symmetrisch eingeschrieben in den Stadel“, heißt es in der Projektbeschreibung.

In diesen Zwischenräumen befindet sich der Eingangsbereich, hier gibt es Platz für eine Werkstatt oder kontemplative Ecken zum Sitzen. Das Geniale daran: Die Scheunentore blieben im Prinzip als Schiebeelemente erhalten. 

Haus im Stadel, Wolf Architektur, Oberösterreichische Holzbaupreis 2025, Umbau, Vierseithof
An heißen Sommertagen spenden die Scheunentore Schatten, bei Sturm und Regen schützen sie die dahinterliegenden Glasflächen. 

Das Konzept respektiert den Bestand, richtet sich nach Stützen und Gebälk und ist geprägt von deren Rhythmus.

Manuela und Wolf Großruck, Architekten

An heißen Sommertagen spenden sie Schatten, bei Sturm und Regen schützen sie die dahinterliegenden Glasflächen. Mit dieser zweiten Haut haben die Bewohner die Möglichkeit, sich den Witterungsbedingungen anzupassen.

Lichtduschen im Scheunendach

Wer bei einem Haus in der Scheune an dunkle Räume denkt, wird in Thalling eines Besseren belehrt. Die Architekten haben das Licht meisterhaft inszeniert. Punktuell wurden transparente Dachziegel in die Deckung des großen Satteldachs eingesetzt. Sie wirken wie Lichtduschen, die das Tageslicht tief in das Innere der Scheune und über Dachflächenfenster weiter in die Wohnräume leiten.

Im Erdgeschoss fließt das Leben in einer offenen Raumfolge dahin. Küche, Essbereich und Wohnraum gehen nahtlos ineinander über und öffnen sich zu den geschützten Außenbereichen. Ein zentraler Kern mit Treppe und Sanitäranlagen verankert das Haus statisch und funktional.

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Im Erdgeschoss gehen Küche, Essbereich und Wohnraum nahtlos ineinander über und öffnen sich zu den geschützten Außenbereichen.

Steigt man die Treppe hinauf, gelangt man in die privaten Rückzugsorte der fünfköpfigen Familie. Die Schlafzimmer und das Bad sind als Boxen in das Dachvolumen eingestellt, räumlich abgestuft und zurückversetzt. Immer wieder ergeben sich Blickbeziehungen in das alte Gebälk, das wie eine skulpturale Installation den Raum prägt.

Ein Modell für den Leerstand

Der Neubau ist ein reiner Holzbau, konstruiert mit einfachem Schnittholz und einer sägerauen Diagonalschalung. Statt synthetischer Dämmstoffe kam eine ökologische Holzfaserdämmung zum Einsatz. Innen dominiert feinjähriges Tannenholz, das die Wände bekleidet und eine warme, ruhige Atmosphäre schafft. Die Gestaltung ist zurückhaltend und betont so die handwerkliche Sorgfalt und Gediegenheit.

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Unter dem hohen Luftraum des Stadels ergibt sich eine geschützte, nutzungsoffene Fläche.

Mit einer Wohnfläche von 230 Quadratmetern bietet das Haus im Stadel großzügigen Platz für das moderne Familienleben, ohne dafür auch nur einen Quadratmeter neuen Boden versiegelt zu haben. Im Gegenteil: Durch den Rückbau der überflüssigen Anbauten hat der Hof seine ursprüngliche Luftigkeit zurückbekommen.

Das Haus im Stadel kann als Vorzeigemodell für den Umgang mit landwirtschaftlichem Leerstand dienen. Indem Wolf Architektur das Neue in das Alte einschreiben, anstatt das Alte durch das Neue zu ersetzen, bewahren sie die Identität des Ortes. Es ist etwas völlig Neues entstanden, und doch bleibt die Geschichte des Vierseithofs präsent. Die Architekten resümieren: „Ganz selbstverständlich und unaufgeregt steht die Scheune nun da.“

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Noah Santer

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