Hollywood zieht in den Wald
Wenn ein Paar einem der hektischsten Orte der Welt den Rücken kehrt, wohin zieht es dann? Zurück zu Ruhe, Abgeschiedenheit – und viel Holz. Mit dem Steeplechase House in North Carolina zeigen Brooks + Scarpa, wie zurückhaltend ein Haus sein kann, wenn man der Natur die Hauptrolle überlässt.
Ob High-School-Romanze, Horror-Streifen oder Beziehungsdrama: Hillsborough, North Carolina, wäre der perfekte Drehort für einen Hollywoodfilm, der in einer typischen US-Kleinstadt spielt. Knapp zwanzig Kilometer nordwestlich von Durham gelegen, vereinen der Ort und seine Umgebung alles, was dem altbekannten Klischee entspricht: Ein klassisches ländliches Stadtbild inklusive historischer Backstein-Gebäude, dazu ein malerischer Fluss. Und viel Wald. Sehr viel Wald.
Es gibt wohl wenige Orte, die einen so krassen Gegensatz zu einer Millionenmetropole wie Los Angeles darstellen. Und genau das war der Grund, warum sich Steve und Kim Chase entschlossen hatten, hier, auf einem 65-Hektar-Grundstück nahe des Eno River, das befreundete Architekturbüro Brooks + Scarpa mit dem Bau ihres neuen Eigenheims zu beauftragen. Das Ehepaar, in Kanada geboren, wollte nach mehr als 25 Jahren in der Filmbranche Hollywoods zurück in die Natur, weg von Hektik, Lärm … und unzähligen Menschen.
Bye, bye Hollywood Hills
Entstanden ist das Steeplechase House. Ein Rückzugsort im Wald südlich von Hillsborough, dessen Name gleich in mehrfacher Hinsicht Programm ist. Ein Haus, das von zwei 7,5 mal 17 Meter großen und 9,5 Meter hohen Volumen mit spitz zulaufenden, schwarzen Satteldächern aus gewelltem Stahlblech geprägt ist – zwei Kirchtürmen (englisch „steeples“) nicht unähnlich. Die hochaufragende Form wirkt zudem auf der Waldlichtung wie ein dort platziertes, hochaufragendes Hindernis, eben ganz wie bei einem Steeplechase. Dass sich schließlich der Nachname des Ehepaars ebenfalls in der Haus-Bezeichnung wiederfindet, setzt den Wortspielen dann die Krone auf.
Mit den Satteldächern nehmen Brooks + Scarpa einerseits die typisch lokale Bauform auf, verleihen ihr aber mit einem Schwarzmetallic-Look eine Neuinterpretation. So soll, erklärt das Studio, „eine eigene Sprache entstehen, die sowohl auf das regionale Erbe als auch auf zeitgenössische Gestaltung reagiert“.
Wir wollten etwas Radikales – aber gleichzeitig etwas, das sich selbstverständlich anfühlt.
Auftraggeberin Kim Chase
An ihren östlichen Breitseiten sind beiden Giebelhäuser über einen ebenerdigen Anbau miteinander verbunden. Gemeinsam mit diesem bilden sie einen dreieckigen Innenhof, von dem ein betonierter Weg auf die Terrasse an der Westseite des Steeplechase House führt. Während in einem der großen Volumen das Schlaf- sowie das Gästezimmer untergebracht sind, beherbergt das andere das Wohnzimmer und die Küche. Im Übergangsbereich wiederum findet man den Esstisch. Und nein, es gibt trotz der Höhe tatsächlich kein Obergeschoss.
Aufs Maximum reduziert
Materialseitig bleibt alles bewusst ruhig: warme Sperrholzoberflächen für Einbauten und Wände, Böden aus französischer Weißeiche. Die Möbel sind reduziert, viele Stücke wurden von Kim Chase, in Hollywood selbst als Art Director tätig, mitentwickelt. Zudem legte man Wert auf individuelle Lösungen wie Holzroste, die gleichzeitig als Lüftungsgitter und Steckdosenabdeckung dienen.
Holz ist hier aber nicht nur Oberfläche, sondern Haltung. FSC-Zertifizierungen, kombiniert mit recycelten Metallbauteilen und einer gut gedämmten Außenwand, reduzieren den ökologischen Fußabdruck des Hauses. Passive Strategien – große Dachüberstände, gezielt gesetzte Öffnungen, eine kompakte Form – senken den Energiebedarf, moderne Steuerungstechnik kümmert sich um den Rest. Neben FSC-zertifiziertem Holz dominiert im Steeplechase House vor allem Glas. So sind die Fronten der Giebelhäuser vollverglast, ebenso der Essbereich dazwischen. Geht man vom Schlaf- ins Wohnzimmer, fühle „es sich an wie ein Spaziergang im Wald“, so das Studio.
„Am frühen Abend fällt hier nur das schönste Licht herein“, erzählt Steve Chase. „Am Morgen filtert es durch die Bäume … Das ist schon ziemlich besonders“, so der Hausherr. Zwei markante Oberlichter, deren Design an Finnen angelehnt ist (und von den Chases daher auch als „Findows“ bezeichnet werden) sorgen für zusätzlichen Helligkeit. Sie lenken zudem den Lichteinfall so, dass Schatten über Wände und Decken wandern und die Geometrie der Giebel betonen. Die Linien, an denen das Dach innen ansetzt, sind minimal geneigt, erklärt Lawrence Scarpa. „Das ist fast nicht wahrnehmbar, aber man spürt es – es macht den Raum lebendiger“.
Vertrauen verbindet
Angela Brooks und Lawrence Scarpa hatten bereits 2012 das Büro von Steve Chases Produktionsfirma Reactor Films gestaltet; dieser, ein renommierter Werbespot-Produzent und -Regisseur in Hollywood, drehte 2018 wiederum eine Kurzdoku über das Studio. Der neue Rückzugsort des Ehepaars Chase setzte die langjährige Zusammenarbeit nun also fort. „Es war klar, dass wir dieses Haus nur mit Menschen bauen, denen wir vertrauen“, so Kim Chase. „Wir wollten etwas Radikales – aber gleichzeitig etwas, das sich selbstverständlich anfühlt. Es war uns einfach wichtig, dass wir es richtig machen. Dieses Haus ist unser Langzeitprojekt.“
Text: Michi Reichelt
Bilder: Mark Herboth






