Der hölzerne Kokon
Die renommierten Architekten von Baranowitz + Kronenberg haben im Herzen von Tel Aviv ein 47 m² großes Homeoffice geschaffen. Durchgehend mit Douglasienholz verkleidet, versprüht es aber weniger Jobatmosphäre. Vielmehr schafft das biophile Design Raum für Kreativität.
Seit der Coronakrise ist „Homeoffice“ ein geflügeltes Wort. Doch die Nicht-Trennung von Work und Life hat auch ihre Schattenseiten, wie Studien zeigen. Der Auftraggeber des renommierten Architektur-Büros Baranowitz + Kronenberg kannte sie nur zu gut. Er wünschte sich daher ein Arbeitszimmer, das zwar durchaus „Wohnfeeling“ versprüht, sich aber dennoch von seinem Lebensumfeld abgrenzt – gestalterisch wie räumlich.
Sein Büro findet sich nun gleich neben seinem Haus im Herzen Tel Avivs: in einem der schönsten Art-Déco-Gebäude der Stadt. Und das Interior-Design macht nicht weniger, als den Begriff „Homeoffice“ ganz neu zu definieren. Denn neben einem Arbeitsplatz haben nebenan auch ein Schlafzimmer und eine Küche Platz gefunden.
Klein, aber oho
Und das auf lediglich 47 Quadratmetern. So viel misst die Einheit im pulsierenden Viertel Levontin nämlich, die Sapir Yehiel von Baranowitz + Kronenberg einer kompletten Neuge-staltung unterzog. Betritt man die funktionale, kompakte Einheit, kommt aber alles andere als ein Gefühl der Enge auf. Denn hinter der Eingangstür öffnet sich nicht nur ein Raum, sondern Platz für Kreativität.
Der Dank dafür gebührt Douglasienholz. Das Studio ist damit vollständig ausgekleidet. Die leuchtenden Farbtöne und natürliche Maserung des Holzes strahlen eine beruhigende und zugleich belebende Energie aus. Das biophile Design ergibt eine perfekte Kulisse für die langen Arbeitsstunden des Besitzers. Fast möchte man sagen, er arbeitet mitten in der Natur statt mitten in der Stadt.
Mono ist maxi
Der mono-materialistische Ansatz schafft aber nicht nur einen Zufluchtsort vor der geschäf-tigen, in der jüngeren Zeit sehr unsicheren Außenwelt. Er lässt auch immer wieder Momente der Entdeckung und Überraschung zu. Denn dass der Arbeitsplatz zugleich auch Wohn- und Küchenbereich ist, erschließt sich nicht sofort – ist doch die Küchenzeile untertags hinter einer der Holzverkleidungen verborgen. Ein Kniff, der die Funktionalität maximiert, ohne dass Kompromisse beim Komfort eingegangen werden müssen.
Intelligente Aufbewahrungslösungen und multifunktionale Möbel erhöhen die Effizienz der Wohnung weiter. Entworfen als L-förmige Sequenz, fließt zudem ein Bereich nahtlos in den nächsten über. Dadurch entsteht eine einheitliche Identität, dennoch ist das Schlafzimmer mit angeschlossenem Bad deutlich vom Arbeitsbereich getrennt. Hier können Übernachtungsgäste zur Ruhe kommen. Oder aber der Studiobesitzer selbst, wenn er untertags einen Power Nap einlegen möchte, bevor er weiterarbeitet.
Licht und Luft im Homeoffice
So hell das verwendete Holz auch ist: Dafür, dass das Homeoffice so luftig wirkt, sorgen gro-ße Fenster, die es mit Licht durchfluten. Fast wähnt man sich beim Arbeiten auf einer Terras-se. Der Eindruck des geschützten Kokons oder gar einer Höhlenwohnung bleibt dennoch erhalten. Und wenn es im Inneren des durchdachten Layouts, das die Grenzen des Work-Life-Designs gekonnt verschiebt, doch einmal ganz kuschelig werden soll, schützen schwere Vorhänge vor neugierigen Blicken.
Insgesamt zeigt das Urban Refuge von Baranowitz + Kronenberg, wie durchdachtes Design historische Wurzeln ehren kann, ohne auf modernen Komfort zu verzichten. Nämlich durch die Integration traditioneller Art-Déco-Elemente in einen zeitgenössischen, biophilen Entwurf. Dafür wurde das Homeoffice des Architekturbüros 2024 unter anderem mit einem FRAME-Award als „Small Apartment of the Year“ ausgezeichnet.
Kleine, große Konkurrenz
Die Mitglieder der Jury schätzten „die konsequente – und fachmännische – Verwendung von Douglasienholz“ und „dass die Einfachheit des Projekts einen fast üppigen Reichtum erzeugte“. Matteo Ferrari, Architekt im Matteo Ferrari Studio, war gar der Meinung, dass das Homeoffice ein Paradebeispiel dafür sei, wie „kleine Architektur eine Gelegenheit ist, mit größerer Architektur zu konkurrieren. Der Raum bringt Ruhe, erzeugt aber gleichzeitig ein palastartiges Erlebnis.“
Der Entwurf ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Raum Ruhe bringen und gleichzeitig ein palastartiges Erlebnis sein kann.
Matteo Ferrari, Architekt im Matteo Ferrari Studio
In den vergangenen zwanzig Jahren hatte sich das Büro Baranowitz + Kronenberg Architecture vor allem mit Entwürfen für Hotels und Restaurants einen Namen gemacht – darunter etwa der einstige Nachtclub Mad Fox in Amsterdam oder das Hotel Sir Victor in Barcelona. Damit zogen sie moderne Nomaden an. Dass sie aber auch Design für den „Rückzug ins Private“ beherrschen, zeigen sie mit dem Homeoffice in Tel Aviv. Bleibt zu hoffen, dass wir bald noch mehr davon sehen werden. Denn innovativen Ansätze fürs Homeoffice, wie es etwa auch die tragbaren „Work Space Cabins“ des britischen Studios Koto sind, braucht es dringend.
Text: Daniela Schuster
Bilder: Amit Geron








