Holz-Modulbau an der Baumgrenze
Das Hotel Alpenstern liegt im schneereichsten Ort der Welt und wurde jüngst erweitert – in Holz-Modulbauweise. Die vorgefertigten Raummodule konnten in nur vier Tagen montiert werden, was auf 1.600 Metern Seehöhe ein entscheidender Vorteil war.
Es ist die steinerne Topografie der Alpen, die dem Bauen in der Höhe seine unverhandelbaren Gesetze auferlegt. Im markanten, oftmals fragmentierten Landschaftsraum, auf exponierten Terrassen und Hanglagen, stellt jede neue Architektur eine existenzielle Frage an das Vorhandene. Wie baut man neu, ohne die Landschaft zu korrumpieren und die Essenz der alpinen Baukultur zu untergraben? In der Vorarlberger Gemeinde Damüls ist diese Frage von besonderer Bedeutung. Im höchstgelegenen Ort zwischen dem Bregenzerwald und dem Großen Walsertal spielt der Tourismus eine wichtige Rolle. Auf einer Seehöhe von rund 1.500 Metern gelegen, wirbt man mit dem Attribut „schneereichstes Dorf der Welt“. Es ist sogar urkundlich verbrieft, dass hier pro Saison an die neun Meter Neuschnee fallen. Ein Oldschool-Zweier-Sessellift hievt die Skigäste direkt aus der Ortsmitte in eines der größten Skigebiete Vorarlbergs.
Wie für das Walsertal typisch, sind die Häuser der rund 300 Einwohner nicht um einen klar definierten Ortskern gruppiert. Stattdessen sind sie lose über die steilen Hänge gewürfelt, was geschichtlich begründet ist. Im Spätmittelalter siedelten sich Menschen aus dem Schweizer Kanton Wallis hier an, die ihre Heimat wegen großer Armut verlassen mussten. Diesen „Walsern“ teilte man abgelegene und unerschlossene Grundstücke zu, die keiner haben wollte.
Ein Horst über Damüls
So kommt es, dass die heute verpönte Zersiedelung hier historisch gewachsen ist. Trotz der touristischen Bedeutung des Ortes konnte die Architektur ihre Maßstäblichkeit großteils bewahren. Wie für den angrenzenden Bregenzerwald und Vorarlberg typisch, hat man auch die Bautradition nie aus den Augen verloren. Der Baustoff Holz und das dazugehörige Handwerk spielen auch heute noch eine bedeutende Rolle.
So war es auch bei der jüngsten Erweiterung des Hotels Alpenstern in Damüls durch Johannes Kaufmann und Partner Architektur. „In Form und Material orientiert sich das Projekt an der traditionellen Bauweise mit massiven Sockeln, hölzernen Obergeschossen und geneigten Dächern, interpretiert diese jedoch neu und der Gebäudegröße angepasst“, wie es in der Projektbeschreibung heißt. Umgesetzt hat den Holzbau Kaufmann Zimmerei und Tischlerei aus Reuthe im Bregenzerwald.
Vom Bauernhof zum Großhotel
Das Hotel Alpenstern thront heute als Horst hoch über Damüls, direkt an der Skipiste. Es hat eine Entwicklung erlebt, wie sie für den alpinen Raum typisch ist. Was in den 1950er-Jahren als Bauernhof mit ein paar Fremdenzimmern begann, entwickelte sich über die Jahrzehnte zu einem großen Hotelbetrieb. Neue Impulse wie das Fine-Dining-Erlebnis kommen von der jungen Generation, die das familiengeführte Resort heute leitet.
Ob in den Lodges oder im Panorama-Spa, die Bergkulisse ist stets allgegenwärtig und bestimmender Faktor für die Architektur. Die Hochgebirgslage auf rund 1.600 Metern sorgt für einen Ausblick, wie man ihn sonst nur von entlegenen Schutzhütten kennt.
Gesplittete Volumen
Die architektonische Herausforderung bestand darin, die erforderliche Größe für ein modernes Hotel zu realisieren, ohne die kleinteilige Nachbarbebauung zu erdrücken. Statt auf einen Solitär setzten die Architekten daher auf eine Gliederung in Einzelbaukörper, die der bestehenden Siedlungsstruktur entsprechen. „Die Anlage erscheint somit aus mehreren kleineren Baukörpern zu bestehen, die in Lage und Höhe versetzt zueinander angeordnet sind“, heißt es vonseiten des Dornbirner Architekturbüros.
Die Anlage besteht aus mehreren kleineren Baukörpern, die in Lage und Höhe versetzt zueinander angeordnet sind.
Johannes Kaufmann und Partner, Architekturbüro
Für die Neubauten wurde das bestehende Hotel großteils zurückgebaut und um ein Apartmenthaus und zwei neue Hoteltrakte erweitert. Die Bauweise und Materialität sind der zweite wichtige Pfeiler des Projekts, und der zeigt sich bereits an den Fassaden. Diese wurden in Fichte ausgeführt, jedoch nicht als glatte Fläche, sondern als geschuppte Wechselfalz-Holzfassade. Eine Neuinterpretation der traditionellen Schindeloptik, die dem Gebäude haptische Tiefe und ein organisches Auftreten verleiht.
Effizienter Holz-Modulbau
Der fünfgeschossige Bau kombiniert die Mineralbauweise im Erdgeschoss und Keller mit unterschiedlichen Holzbauweisen. Während die mittleren drei Etagen aus Holzmodulen bestehen, bildet das Dachgeschoss eine traditionelle Pfosten-Riegel-Konstruktion. Durch die hohe Vorfertigung der Raummodule dauerte die Montage vor Ort nur vier Tage, und das trotz der exponierten Hanglage.
Besonders im alpinen Raum, wo die Witterung die Bauzeit massiv einschränkt, hat die Modulbauweise enorme Vorteile. Die Fertigung der seriellen Raumelemente durch Kaufmann Zimmerei und Tischlerei erfolgte in der Werkshalle, und nahm fünf Wochen in Anspruch. Dies sorgt nicht nur für eine hohe Präzision, von der kurzen Baustellenzeit vor Ort profitiert letztlich auch die Natur.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Bruno Klomfar, Hotel Alpenstern






