Eine Melodie über dem Silicon Valley
Im kalifornischen Los Altos Hills hat WOJR das House of Horns designt. Ein Eigenheim, das nicht nur die umgebende Natur achtet. Vielmehr stellt es eine stimmige Komposition dar, die Altes mit Neuem verbindet.
Wer vom Silicon Valley Richtung Süden in die Ausläufer der Santa Cruz Mountains fährt, merkt schnell: Hier haben nicht mehr die IT-Konzerne die Vorherrschaft, sondern die Natur. Im krassen Gegensatz zum High-Tech-Mekka an der südlichen San Francisco Bay dominieren in den darüber liegenden Hügeln Eichenwälder, Buschland und eine Fülle an trockenheitsresistenten Pflanzen. Schmale, kurvenreiche Straßen führen durch die kalifornische Landschaft und zu einem spektakulären Ausblick auf das Tal, die Bucht und, an klaren Tagen, auf die Skyline von San Francisco.
In dieser Umgebung liegt die 9.000-Seelen-Gemeinde Los Altos Hills, in der das Architekturbüro WOJR das House of Horns errichtet hat – auf einem Grundstück, das schon seine eigene Geschichte mitbrachte. Ein halbfertiges Gebäude wurde auf dem Gelände über die Jahre zur überwucherten Bauruine, bis der Auftraggeber – ein Unternehmer aus der Halbleiterbranche – sich entschied, hier etwas Neues bauen zu lassen.
Aufgebaut
WOJR, ein Studio mit Hauptsitz am anderen Ende der USA, in Massachusetts, entschied sich jedoch nicht einfach für das Motto „neu statt alt“. Vielmehr nahm man das bestehende Gebäudefragment im wahrsten Sinne als Fundament – und setzte darauf das House of Horns.
Der doch etwas eigenwillige Name des Projekts ist Programm. Insgesamt sechs Aufbauten ragen hörnergleich aus dem 790 Quadratmeter großen Einfamilienhaus – und dienen entweder als Oberlicht oder als aufragende Fensterfront. Erstere münden im Inneren in konkaven, elliptischen Holzdecken. Diese teilen die Räume auf subtile, indirekte Weise und verleihen ihnen trotz ihrer Größe eine behagliche Atmosphäre.
Musik(licht)spiele
Die „Hörner“ sorgen zudem, neben natürlicher Helligkeit und den Ausblick auf die umgebenden Baumwipfel, für ständig wechselnde Licht- und Schattenspiele im Haus – wobei ihre Bezeichnung sich laut WOJR nicht (allein) auf die optische Anlehnung an tierische Hörner bezieht. Das Haus soll laut den Architekten „eine Ansammlung von Instrumenten sein, darauf gestimmt, den Zyklus von Tag und Jahreszeiten einzufangen.“
Die Natur spielte beim Design generell die Hauptrolle. Um die Topografie so wenig wie möglich zu beeinflussen, „vergrub“ man das unfertige Vorgängergebäude im Hang. Darauf errichtete man das Obergeschoss des House of Horns, verkleidet mit dunklem Holz und mit einem Stahldach bedeckt.
Getrennte Welten
Im oberen Stockwerk befindet sich das Wohn- und das Esszimmer – beide Bereiche durch einen imposanten offenen Kamin aus Danby-Marmor getrennt. Zudem liegt hier die Küche, das Haupt- und zwei kleinere Schlafzimmer. In diesen Räumen spielt helles Holz von der Decke über die Wände bis zum Boden die Hauptrolle. Im Bad findet sich der Danby-Marmor in Form einer freistehenden Badewanne wieder.
Das Untergeschoss beherbergt zwei weitere Schlafzimmer und ein Büro – kleine, intime Räume, ebenfalls mit hellem Holz ausgekleidet – sowie einen höhlenartigen Poolbereich, getragen von einer hinkelsteinförmigen Marmorsäule. Während oben große Fensterfronten im Zusammenspiel mit den Oberlichten für helle Räume und Panorama-Ausblick sorgen, ist das unter Straßenniveau liegende Tiefgeschoss als Rückzugsort konzipiert. Jedes der hier gelegenen Zimmer verfügt über einen abgeschirmten Innenhof und damit seinen eigenen Außenbereich. „Das Haus stellt zwei voneinander getrennte Welten dar“, erläutern WOJR.
Draußen schließlich wurde die Umgebung so belassen, wie sie die Architekten bei der ersten Begehung vorgefunden hatten: wild. Eine Wiese aus resistenten heimischen Gräsern, Stauden und Gehölzen, dazwischen Wildeichen. Kurz: Eine Landschaft, die sich mit dem Haus zu einem Ganzen zusammenfügt. Zu einer ganzheitlichen, stimmigen Komposition – gespielt auf sechs Hörnern.
Text: Michi Reichelt
Bilder: Nick Dearden







