Klinik Arlesheim, Holzbau, Holz100, 9grad architektur, BSS Architekten
#greenbuilding

Europas erste Klinik aus Holz

In der Schweiz entsteht derzeit ein radikaler Gegenentwurf zur klinisch sterilen Krankenhaus-Architektur der Vergangenheit. Mit der Klinik Arlesheim, Europas erstem Klinikgebäude in moderner Holzbauweise, soll die Architektur selbst zum Heilmittel werden.

Es gibt Orte, die eine ganz eigene Ruhe ausstrahlen. Eine Art von atmosphärischer Dichte, die aus unserem Tun die Geschwindigkeit rausnimmt und den Puls verlangsamt. Wälder sind solche Orte. Aber auch eine gemütliche Sofaecke mit Blick in den Garten kann diese Wirkung haben. Das Gestaltungsprinzip der Biophilie bedient sich ganz gezielt der psychischen und physischen Vorteile, die der Mensch beim Kontakt mit der Natur hat. Mittlerweile belegen Studien, dass der Naturbezug von Räumen Stress reduziert, das Immunsystem stärkt und die Kreativität fördert. Diese gesundheitlichen Vorteile macht sich die Architektur heute immer öfter zunutze und greift dabei vermehrt zu Naturbaustoffen wie Holz. 

Klinik Arlesheim, Holzbau, Holz100, 9grad architektur, BSS Architekten
Im Baseler Vorort Arlesheim ensteht eine Klinik, die zur Gänze aus Holz gebaut ist.

Dass auch Patientinnen und Patienten davon profitieren, wenn Krankenhäuser keine atmosphärisch sterilen Orte sind, kommt langsam im Bewusstsein an. So will man die geplante Neue Medizinische Klinik in Tübingen komplett in Holzbauweise errichten. Aber Europas erstes Klinikgebäude aus Holz steht in der schweizerischen Gemeinde Arlesheim, einem Vorort von Basel. 

Gesunde Räume auf Rezept

Die Klinik Arlesheim ist eine private Gesundheitseinrichtung, die auf anthroposophischer Medizin basiert. Ita Wegman und Rudolf Steiner, der ideologische Stammvater der Waldorfschulen, hatten sie im Jahr 1921 eröffnet. Die Anthroposophie verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit spirituellen Ansätzen und setzt vorzugsweise auf Heilmittel aus der Natur. 

Klinik Arlesheim, Holzbau, Holz100, 9grad architektur, BSS Architekten
Das zum Klinikgelände gehörende Heilmittellabor in Arlesheim wurde bereits 2023 fertiggestellt.
Klinik Arlesheim, Holzbau, Holz100, 9grad architektur, BSS Architekten
Anfang 2027 soll das neue Klinikgebäude ihre Türen öffnen.

Die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen waren in die Jahre gekommen und entsprachen nicht mehr den modernen Anforderungen einer Gesundheitseinrichtung. 

Ziel war es, ein Gebäude zu schaffen, das die Lebenskräfte unterstützt, Stress abbaut und Ruhe ausstrahlt.

9grad architektur

Die Bauarbeiten für die neue Klinik, die Anfang 2027 ihre Türen öffnen soll, sind derzeit in vollem Gang. Gemäß der naturbasierten Medizin bestand der Anspruch an den Neubau, eine Umgebung zu schaffen, die der Natur möglichst nahe kommt. Und mehr noch: Die Architektur, die entsteht, soll zu einem integralen Bestandteil der Therapie werden. 

Klinik Arlesheim, Holzbau, Holz100, 9grad architektur, BSS Architekten
Für beide Klinikbauten kommt ausschließlich sogenanntes Mondholz zum Einsatz.

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Dieses wird nur bei abnehmendem sowie bei Neumond geschlagen und soll widerstandsfähiger sein.

Frei nach den Prinzipien von Healing Architecture will man gesunde Spitalsräume schaffen. Eine heilsame Umgebung, quasi auf Rezept verschrieben. „Ziel war es, ein Gebäude zu schaffen, das die Lebenskräfte unterstützt, Stress abbaut und Ruhe ausstrahlt“, heißt es vonseiten des Büros 9grad architektur, das zusammen mit BSS Architekten die Planungsgemeinschaft bildet.

Ein Holzbau ohne Leim, Metall und Plastik

Für den Bau der Klinik entschied man sich für ein spezielles Holzbausystem mit österreichischem Patent. „Am Ende all unserer Entwicklungen steht die Erfahrung, dass es besser ist, mit der Natur zu arbeiten als gegen sie“, postuliert der österreichische Förster und Holzbaupionier Erwin Thoma. Das von ihm entwickelte Holz100-System kommt bei der Tragwerksstruktur in Arlesheim zum Einsatz und entspricht den ganzheitlichen Vorstellungen der Bauherrschaft. 

Die Technologie hinter dieser Holzbauweise, die nun erstmals im Spitalsbereich angewendet wird, basiert auf reinen Holzverbindungen. Dabei wird komplett auf Leim, Metallklammern und Folien verzichtet und stattdessen auf spezielle Holzdübel gesetzt, die die unterschiedlichen Bauteile zusammenhalten. 

Klinik Arlesheim, Holzbau, Holz100, 9grad architektur, BSS Architekten
Der viergeschossige Klinikbau zeigt in der Visualisierung die organischen Gestaltungsmerkmale der Holzfassade.

Insgesamt rund 2.000 Kubikmeter dieses leimfreien Dübelholzes aus Fichte und Tanne sollen hier verbaut werden. Das Material stammt aus dem Schwarzwald, aus der Schweiz und aus Österreich, womit man auch dem Regionalitätsanspruch Rechnung trägt. 

Reparaturfähiger Bau aus Mondholz 

Einen Vorgeschmack auf das neue Krankenhaus bietet das bereits fertiggestellte Heilmittellabor auf demselben Areal. Hier werden 600 anthroposophische Arzneien hergestellt, die in der Klinik zur Anwendung kommen. Für beide Bauten kommt ausschließlich sogenanntes Mondholz zum Einsatz, das lediglich bei abnehmendem sowie bei Neumond geschlagen wird. „Dieses Holz ist dichter, dauerhafter und widerstandsfähiger gegenüber Schädlingen“, heißt es in der Projektbeschreibung.

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Insgesamt sind in der Klinik Arlesheim rund 2.000 Kubikmeter leimfreies Dübelholzes aus Fichte und Tanne verbaut.

Die 24 Millimeter starke Lärchenschalung der Fassade bleibt bewusst unbehandelt. Kein Lack muss hier alle paar Jahre erneuert werden, das Holz darf in Würde altern und eine natürliche Patina ansetzen. Im Sockelbereich sind die Bretter so montiert, dass sie bei Bedarf einfach ausgetauscht werden können. Ein Prinzip der Reparaturfähigkeit, das in unserer Wegwerfgesellschaft fast revolutionär anmutet.

Organische Formen

Das Heilmittellabor diente quasi als Pilotprojekt für die besondere Holzbauweise und gewährt eine Vorschau auf die Gestaltung des viergeschossigen Klinikbaus. Ebenso wie in der Materialität folgt man hier einem organischen Ansatz. Plastische Rundungen und vertikale Holzlattungen als Sonnenschutz prägen das äußere Erscheinungsbild. Dazu die Architekten: „Die in der Fassade des Laborgebäudes vorhandene geometrisch-flächige Bogenform verwandelt sich im Krankenhaus zu einer skulpturalen dreidimensionalen Fassade mit halbkreisförmigen Fenstern.“ 

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In der Schrägsicht offenbart sich die skulpturale, dreidimensionale Fassade.

Was den täglichen Betrieb angeht, setzt man weitgehend auf Low-Tech-Lösungen. Für Klimatisierung im Inneren sorgt großteils das Holz selbst. Aufgrund seiner Masse speichert es Wärme im Winter und hält die Räume im Sommer angenehm kühl. Unterstützt wird dies durch eine Bauteilaktivierung in den Holz-Beton-Verbunddecken. Dabei handelt es sich um ein Niedertemperatursystem, bei dem Wasser durch Rohre in den Deckenelementen fließt. Eine energiesparende Methode, die ohne unangenehme Zuglufterscheinungen  wie bei herkömmlichen Klimaanlagen auskommt.

2.000 Tonnen CO2 gespeichert

Das Ergebnis all dieser Bemühungen ist nicht nur spürbar, sondern auch messbar: Die Neubauten aus Holz erreichen den Minergie-P-Standard und speichern laut den Architekten über 2.000 Tonnen CO2.

Selbst im Brandfall zeigte sich die massive Holzbauweise als überraschend sicher: Bei Tests konnten die Holz100-Wände einem simulierten Vollbrand von knapp 1.000 Grad Celsius über 100 Minuten lang problemlos standhalten.

Text: Gertraud Gerst
Fotos & Visualisierung: © Stijn Poelstra, ©ARGE 9grad + BSS Architekten

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