Von den Pilzen abgeschaut
Mit den Neubauten für das Kresge College hat Kalifornien nun seine erste Uni aus Holz. Nach den Plänen von Studio Gang wächst sie inmitten der Redwood-Wälder wie ein Baumschwamm aus dem Hang.
Wer gerne in Wäldern unterwegs ist, der ist mit Sicherheit schon einmal auf Baumschwämme gestoßen. Das Wachstum der Fruchtkörper richtet sich bei dieser Pilzart immer nach der Schwerkraft aus, sodass die Poren stets senkrecht zur Erde stehen. Ein Phänomen, das Biologen unter dem Begriff Geotropismus kennen. Die Formen, die diese Wuchsart hervorbringt, diente als Inspiration für die topografische Positionierung des neuen Lehrgebäudes des Kresge Colleges. Die Lage auf einem Grat zwischen zwei bewaldeten Gräben verlangte nach einer besonderen Herangehensweise. „Wie die fächerartigen Schirme der lokal vorkommenden Baumschwämme dehnt sich das Academic Center nach unten hin aus und fächert das Raumprogramm in einzelne Segmente auf“, wie Studio Gang erklärt.
Kaliforniens erste Uni aus Holz
Die zur University of California, Santa Cruz zählende Bildungseinrichtung bekam ein Make-over vom renommierten US-amerikanischen Architekturbüro unter der Leitung von Jeanne Gang.
Wie die fächerartigen Schirme der lokal vorkommenden Baumschwämme dehnt sich das Academic Center nach unten hin aus und fächert das Raumprogramm in einzelne Segmente auf.
Studio Gang, Architekturbüro
Durch diese Strategie, in die Tiefe statt in die Höhe zu bauen, konnte das relativ große Volumen mit seiner bebauten Umgebung auf Augenhöhe bleiben. Die so entstandenen Tiefgeschosse lassen kein Keller-Feeling aufkommen, sondern sind genauso mit natürlichem Tageslicht und Frischluft versorgt wie die oberen Etagen.
Unter dem Titel Kresge Renewal Project sind neben dem neuen Lehrgebäude auch drei Studentenwohnheime entstanden. Zusammen zählen sie zu den ersten Bauten in moderner Holzbauweise in Kalifornien. Die geschwungenen Baukörper sind so geformt und angeordnet, dass trotz der Bebauung so viele Mammutbäume wie möglich stehen bleiben konnten. Durch das bedachtsame Einfügen in den Baumbestand ergeben sich im Inneren der Gebäude vielfältige Ausblicke in den Wald, der direkt vor den Fenstern beginnt.
Weiterentwicklung des Bestands
Die Geometrie der Baukörper steht auch im Einklang mit der ursprünglichen Campus-Architektur von Charles Moore und William Turnbull. Mit seiner organischen Formgebung und dem weißen Putz seiner geschwungenen Außenwände knüpft das Academic Center gestalterisch an den Bestand aus den 1960er-Jahren an. Im Gegensatz zum introvertierten Piazetta-Konzept von Moore und Turnbull ist das neue Unigebäude nach außen ausgerichtet.
Der Zugang über die neue Fußgängerbrücke bietet über die verglaste Fassadenseite direkten Einblick in den Hörsaal und ins universitäre Geschehen. Die erneuerte Uni versprüht eine Offenheit und Transparenz, die sich deutlich von den uneinnehmbaren Bildungsburgen der Vergangenheit abhebt. Die Durchlässigkeit zwischen Innen und Außen sorgt auch dafür, dass die charakteristische Ökologie des Standorts erlebbar wird.
Holz als Brücke zur Natur
Neben der achtsamen Einbettung in Natur und Bestand zielte das Erneuerungsprojekt darauf ab, möglichst wenig schädliche Emissionen zu erzeugen. „Um den CO2-Fußabdruck des Projekts zu minimieren, setzt das Design auf eine Holz-Hybridkonstruktion, die zudem eine visuelle Verbindung zu den Redwood-Wäldern herstellt“, erklärt Studio Gang.
Um den CO2-Fußabdruck des Projekts zu minimieren, setzt das Design auf eine Holz-Hybridkonstruktion, die zudem eine visuelle Verbindung zu den Redwood-Wäldern herstellt.
Studio Gang, Architekturbüro
Diese visuelle Verbindung zu den Baumriesen in direkter Umgebung besteht sowohl im Inneren der Lernräume und Hörsäle, wo die Holzkonstruktion sichtbar ist, als auch an den Fassaden der Wohnblocks, wo die vertikale Holzlattung denselben Ton aufweist, wie die Rinden der Mammutbäume. Die geschwungenen Riegel der Studentenunterkünfte scheinen auf einem transparenten Sockel zu schweben und vermitteln trotz ihres Volumens eine dezidierte Leichtigkeit.
Der bewaldete Graben, der das Academic Center umgibt, findet sich atmosphärisch auch im Inneren des Gebäudes wieder. Etwa im Gefälle der Sitzreihen im Hörsaal, der dem topografischen Profil folgt. Oder bei den Treppen im Erschließungstrakt, wo ein Oberlicht den Weg in die Tiefgeschosse zu einem ähnlichen Erlebnis macht, wie der Abstieg in eine Schlucht.
Naturgesetze weisen den Weg
Natürlich zeigen sich die Neubauten auch im Betrieb von ihrer klimafreundlichen Seite. Wärmerückgewinnungsanlagen und Nachtkühlung sorgen statt energieintensiver Klimaanlagen für ein angenehmes Raumklima. Spezielles Vogelschutzglas sorgt dafür, dass die Vögel beim Flug durch den Wald nicht mit den Glasscheiben kollidieren. Zudem hat man Strategien zum Schutz der Artenvielfalt des Waldes erarbeitet.
Galt es früher als selbstverständlich, dass die Natur der gebauten Umwelt zu weichen hat, zeigt das Kresge College, dass Leben und Lernen auch im Einklang mit der Natur gut funktioniert. Und dass die Naturgesetze die besten Lehrmeister für ökologisches Bauen sind.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Jason O’Rear





