Südtirols neuer Kulturmagnet
Mit dem neuen Kulturgüterdepot will Südtirol sein kulturelles Erbe stärken und öffentlich zugänglich machen. Der Entwurf von Peter Pichler für einen lokal verankerten Holzbau begegnet der Natur auf Augenhöhe und könnte zur neuen touristischen Attraktion werden.
Südtirols bisherige Depots für Kunst- und Kulturschätze sind historisch gewachsen und über die ganze Provinz verteilt. Mit dem neuen Kulturgüterdepot, das in der Gemeinde Neumarkt entstehen soll, will man diese verstreuten Einrichtungen zentralisieren. Doch der Neubau wird weit mehr sein als nur ein Ort der Aufbewahrung. Vielmehr soll ein multifunktionaler Museumsbau entstehen, der Sammlung, Restaurierung und Forschung miteinander verschränkt und der Öffentlichkeit zugänglich macht. Büroräume und ein Konferenzsaal ergänzen das Programm des auf über 80 Millionen Euro veranschlagten Kulturbaus. Den Entwurf steuert der Südtiroler Architekt Peter Pichler bei, der unter anderem mit seiner Neuinterpretation des Alpinstils Aufmerksamkeit erregte.
Über eine Million Objekte soll der Neubau künftig unter optimierten klimatischen Bedingungen konservieren und in wechselnden Ausstellungen publikumswirksam präsentieren. Dazu zählen wichtige archäologische Funde aus Südtirol, nicht jedoch der Ötzi. Die wohl bekannteste Mumie der Welt ist stattdessen in einer Kammer des Südtiroler Archäologiemuseums zu sehen, die Gletscherbedingungen imitiert. Zu den im neuen Depot untergebrachten Kunstwerken zählen etwa jene der Sammlungen Unterberger, Eccel Kreuzer und des Museion, ebenso wie Objekte der Landesmuseen bis hin zu Foto- und Filmsammlungen.
Gut in die Landschaft eingebettet
Für den Entwurf orientierte sich Pichler vor allem am landschaftlichen Kontext von Neumarkt. Die Gemeinde liegt im Etschtal, das mit seinen Weinbergen und Obstplantagen sehr mediterran geprägt ist. Dahinter erheben sich die bewaldeten Hänge des Mittelgebirges und mit dem Naturpark Trudner Horn verfügt die Region über eine enorme Artenvielfalt.
Um dieser naturnahen Umgebung gerecht zu werden, verzichtet der Architekt auf eine monumentale Geste. Stattdessen scheint das Gebäude in die Landschaft einzutauchen.
Das Gründach wird zu einer Erweiterung der Landschaft und fördert einen harmonischen Dialog zwischen Architektur und Natur.
Peter Pichler Architektur
Durch die Bepflanzung des Daches wird der Bau künftig von den Höhenlagen aus kaum auszumachen sein. „Das Gründach wird so zu einer Erweiterung der Landschaft und fördert Kontinuität und einen harmonischen Dialog zwischen Architektur und Natur“, heißt es vonseiten des Büros Peter Pichler Architecture.
Dramaturgisch inszenierter Eingang
Das Gebäude wächst mit einem hohen, auskragenden Giebel aus der Landschaft empor und grüßt seine Besucher mit einer durchgehenden Glasfront.
Der Blick fällt daher schon von den umliegenden Straßen direkt in das Foyer des Kulturgüterdepots. Der Eingangsbereich ist dramaturgisch inszeniert mit einer geschwungenen, skulpturalen Treppe als Hauptprotagonisten.
Durch die teilweise Einbettung des Gebäudes in den Boden wirkt das Projekt weniger massiv und fügt sich respektvoll in die regionale Umgebung und deren Typologie ein.
Peter Pichler Architektur
Diese verbindet alle Ebenen des Gebäudes miteinander – von den Ausstellungsbereichen im oberen Bereich bis zu den Depoträumen im Untergeschoss. Die unterirdische Bauweise minimiert nicht nur das Volumen des Baukörpers, es sorgt auch für eine natürliche Temperierung der Lagerflächen.
In Zeiten von Klimakrise und Emissionsminderung wird dadurch für das fachgerechte Konservieren der Kulturschätze nicht unnötig Energie verschleudert. „Durch die teilweise Einbettung des Gebäudes in den Boden wirkt das Projekt weniger massiv und fügt sich respektvoll in die regionale Umgebung und deren Typologie ein“, heißt es in der Projektbeschreibung.
Baukultur im Remix
Den Visualisierungen zufolge handelt es sich bei dem Kulturbau um einen konstruktiven Holzbau, allerdings fehlen dazu noch konkrete Informationen. Mit der Wahl des Baumaterials und der Formgebung liefert der Entwurf eine Neuinterpretation der regionalen Baukultur. „Der Haupteingang und das erhöhte Dach sind von der alpinen und talorientierten Architektur Südtirols inspiriert“, wie es dazu heißt.
Die verglasten Giebelseiten verleihen dem Bau eine hohe Transparenz und Offenheit.
Zusammen mit der multifunktionalen Bespielung unterscheidet ihn das deutlich von den Depots der Vergangenheit. Die Büros sind um einen zentralen Innenhof gruppiert. Dieser versorgt die Räumlichkeiten mit Tageslicht und bietet zugleich einen begrünten Außenraum für die Mitarbeiter.
Das neue Kulturgüterdepot soll künftig Forscher, Kuratorinnen, Mitarbeiter und Besucherinnen unter einem Dach zusammenbringen. Für das Südtiroler Unterland erhofft man sich durch den Bau einen wirtschaftlichen und kulturellen Mehrwert. Er soll der Region gemäß dem Bilbao-Effekt eine neue Anziehungskraft verleihen.
Text: Gertraud Gerst
Visualisierungen: Peter Pichler Architecture





