Studieren im Baum-Haus
Das Langeveld Building der Erasmus-Universität Rotterdam steht mit seinem biophilen Design exemplarisch für die Bildungsarchitektur der Zukunft. Das Wohlbefinden der Studenten und ökologische Verantwortung gehen Hand in Hand. Dafür gab es eine BREEAM-Bewertung von 91,5 Prozent. Summa cum laude!
Mit ihren 113 Jahren ist die Erasmus-Universität Rotterdam (EUR) eine vergleichsweise junge staatliche Hochschule. Doch wie ihr Namensgeber Desiderius Erasmus Roterodamus, der große Humanist des 15. Jahrhunderts, genießt auch die Uni hohes Ansehen in der akademischen Welt. Die exzellente Lehre und Forschung ziehen jedes Jahr mehr und mehr junge Menschen an. 28.000 zählte man zuletzt, die sich in der niederländischen Hafenstadt für ein Studium eingeschrieben haben. Dass der Woudestein-Campus heute dennoch nicht an seine Kapazitätsgrenzen stößt, dafür sorgt das neue Langeveld Building aus der Feder von Paul de Ruiter Architects.
Am Kralingse Zoom schuf das Amsterdamer Architektenteam einen zeitgemäßen Bildungsbau, der täglich von rund 3.000 Studentinnen und Studenten verschiedener Fakultäten genutzt wird. Auf sechs Stockwerken und einer Fläche von 8.748 Quadratmetern finden sie Hörsäle, Seminarräume, einen Lounge-Bereich sowie ausreichend Lernplätze. Die weitläufigen, offenen Geschossflächen lassen sich durch verschiebbare Trennwände zudem multifunktional nutzen und an moderne Lehr- und Lernformen anpassen. Je nach Bedarf entstehen größere oder kleinere Einheiten, die analoge Gruppenarbeit oder konzentriertes Einzelstudium genauso zulassen wie hybride Seminare oder Vorlesungen. Selbst die Datenverkabelung ist darauf vorbereitet.
Flexibel von Anfang bis Ende
Der Einsatz großer Spannweiten ohne Stützen macht die Struktur des Gebäudes übersichtlich, praktisch und flexibel. Sie ist an Nutzungen anpassbar, die noch im Dunkel der Zukunft liegen. Sollten zum Beispiel die Studierendenzahlen aufgrund des demografischen Wandels oder anderer Faktoren irgendwann einmal wieder rückläufig sein oder aber mehr Raum für Forschung statt Lehre benötigt werden, würde das Langeveld Building auch die neuen Nutzeranforderungen problemlos erfüllen können. Und das ohne größere Abriss- oder Umbauarbeiten.
Das Langeveld Building bietet aber noch weit mehr als Platz und funktionale Flexibilität. In erster Linie wollten die Planer einen Ort schaffen, an dem Lernen und Arbeiten nicht nur effizient möglich ist, sondern Freude macht. Paul de Ruiter Architects suchten deshalb zunächst den Dialog. Nicht nur mit Bauherren oder Behörden allein, sondern mit den zukünftigen Nutzern. „Wir haben Studierende, Lehrende und Forschende befragt, was sie sich von dem neuen Gebäude erwarten. Natürlich fielen immer wieder Begriffe wie Nachhaltigkeit oder Energieeffizienz. Ganz oben auf der Liste stand jedoch der Wunsch nach einer ,Wie daheim‘-Wohlfühlatmosphäre“, erinnert sich Paul de Ruiter.
Wie daheim
Diese Sehnsucht nach informeller Aufenthaltsqualität bildete den Ausgangspunkt für den Entwurf. Die architektonische Antwort lag für das Planer-Team „in einem konsequent biophilen Design – mit viel Tageslicht, natürlichen Materialien, warmen Farben und einer allgegenwärtigen Präsenz von Pflanzen.“ Entstanden ist ein Gebäude, das das Wohlbefinden der Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt stellt und Nachhaltigkeit dabei nicht nur technisch messbar macht, sondern räumlich erlebbar: als Verbindung zur Natur.
Diese Verbindung wird über viele (architektonische) Elemente geschaffen. Zum Beispiel durch die transparente Fassade. Dank ihr wahrt der Neubau nämlich nicht nur die Beziehung zum benachbarten Polak Building. Durch die Glasfronten sucht und findet das Langeveld Building auch den Kontakt zu den umliegenden Grünflächen. Das Tageslicht dringt bis tief ins Gebäude vor und mit ihm die lebendige Stimmung auf dem biodiversen Campus, den sich die Studierenden mit allerlei Vögeln, Fledermäusen und Wildbienen teilen. Begrünte Pflanzkübel schaffen eine nahtlose Verbindung zwischen Innen- und Außenbereichen, fördern die Biodiversität und bieten Lebensraum für heimische Pflanzen, Vögel und Insekten.
Dialog – nicht nur mit der Natur
Dieser belebten Außenwelt öffnet sich das Langeveld Building über sein zentrales Atrium, das den Dialog mit der Natur fortsetzt und das Herz des Gebäudes bildet. Oder sollte man lieber Lunge sagen? Die üppige Bepflanzung großer Bodenkübel und die begrünten Wandflächen sind jedenfalls nicht bloß dekoratives Beiwerk. Vielmehr sorgen sie für ein gutes Mikroklima und sollen (farb)psychologisch beruhigend wirken. Gemeinsam mit zahlreichen Holzdetails erzeugt die Begrünung jedenfalls eine einladende, lebendige und geerdete Atmosphäre für kreativen Austausch. So wird das Gebäude das Gegenstück zum sprichwörtlichen Elfenbeinturm der Wissenschaft.
Die Studierenden nennen das Langeveld Building liebevoll „Baumhaus“. Tatsächlich prägen echte, unbehandelte 20-Meter-Baumstämme die Konstruktion des Atriums. Die Materialität ist bewusst sinnlich gewählt: Holz darf altern, Pflanzen wachsen, Veränderung sichtbar sein. Optisch verknüpfen die Stämme die vielen Plattformen und Galerien miteinander, die unterschiedlichste Aufenthaltsqualitäten bieten – von viel frequentierten Lounges mit bequemen Sitzgruppen bis zum abgeschiedenen Lernplatz. Hochkraxeln muss man an den Bäumen aber freilich nicht, um sie zu erreichen. Eine zentrale Treppe verknüpft die sechs Etagen samt Zwischenebenen miteinander. Vom lebendigen, kommunikativen Erdgeschoss wird es mit zunehmender Höhe ruhiger.
Bei Termiten abgeschaut
Dass es in den oberen Etagen nicht auch unangenehm wärmer oder stickiger wird, dafür sorgt ein innovatives Belüftungssystem. Die Erasmus-Uni ist das weltweit erste Universitätsgebäude, in dem es zum Einsatz kommt. Inspiriert von der Funktionsweise von Termitenbauten – erforscht im Rahmen einer Promotion an der TU Delft – nutzt das System Windkraft und Sonnenwärme, um das Gebäude auf natürliche Weise zu belüften. Der Effekt des „Powered by Nature“-Prinzips ist bemerkenswert: Der Energieverbrauch für die Belüftung sinkt um bis zu 85 Prozent, obwohl deutlich mehr gesunde, konzentrationsfördernde Frischluft ins Gebäude gelangt als in herkömmlichen Hochschulbauten.
Die Luft ist nicht das Einzige, was hier in Rotterdam zirkuliert. Auch konstruktiv folgt das Langeveld Building konsequent den Prinzipien der Zirkularität. So wurden für den Bau, wo immer möglich, recycelte Abbruchmaterialien aus anderen Gebäuden verwendet, einschließlich Abrissbauten der Erasmus-Universität selbst. Die im Atrium verbauten Stämme kommen von etwas weiter her, aber immer noch aus der Region: aus einem Wald der niederländischen Forstverwaltung Staatsbosbeheer. Sie wurden gezielt für das Projekt ausgewählt, wie ein Video der Hochschule zeigt. Um ihrerseits eine spätere Wiederverwendung zu erleichtern, wurden sämtliche bei der Errichtung des Langeveld Building verwendeten Baustoffe in einem digitalen Materialpass dokumentiert. So reduziert das Gebäude seinen ökologischen Fußabdruck nicht nur über seinen eigenen Lebenszyklus hinweg, sondern sogar noch darüber hinaus.
Zirkulär und nachhaltig
In puncto Nachhaltigkeit darf das Langeveld Building noch weitere Häkchen auf der Liste setzen. Durch eine intelligente und integrale Entwurfsstrategie ist das neue Bildungsgebäude zu 100 Prozent energieautark, ja hat sogar eine positive Energiebilanz – dank Kälte- und Wärmespeicherung im Erdreich zur Kühlung und Beheizung, Wärmepumpe und Solarpaneelen auf dem Dach. Das Dach übernimmt darüber hinaus eine weitere Funktion: Es dient als Wasserspeicher bei Starkregen und macht das Gebäude widerstandsfähig gegenüber den Folgen des Klimawandels.
Wie solch ein durchdachtes Gebäude hinsichtlich BREEAM-Bewertung abschneidet? Outstanding! Kein Wunder, bewertet die Building Research Establishment Environmental Assessment Method Nachhaltigkeit doch ganzheitlich – von Energie und Materialien über Gesundheit und Inklusion bis hin zur Nutzung über den gesamten Lebenszyklus hinweg. So konnte das Langeveld Building mit seinem integralen Entwurfsansatz, bei dem Architektur, Umwelttechnik und Nutzerbedürfnisse von Beginn an zusammengedacht wurden, nur punkten.
Besser geht’s kaum
In Summe kam der Neubau auf eine BREEAM-Bewertung von 91,5 Prozent. Damit liegt das Langeveld Building unter den Universitätsgebäuden ganz vorne – nicht nur in den Niederlanden, sondern weltweit. Namensgeberin Henny Langeveld (1926–2004), die erste Professorin der Erasmus-Universität Rotterdam, hätte das sicher gefreut. Gerade die sozialen Nachhaltigkeitsaspekte wie die Förderung von Gesundheit, Wohlbefinden, Inklusion und Gemeinschaft lagen der Soziologin am Herzen.
Wir haben Studierende, Lehrende und Forschende befragt, was sie sich von dem neuen Gebäude erwarten. Ganz oben auf der Liste stand der Wunsch nach einer ,Wie daheim‘-Wohlfühlatmosphäre.
Paul de Ruiter, Architekt
Leider starb Henny Langeveld 20 Jahre vor der Eröffnung des Baus, der ihr ein Denkmal setzt und eine neue Messlatte für Bildungsarchitektur legt. Langjährige Wegbegleiter meinen jedoch zu wissen, was Langeveld bei der Einweihung gesagt hätte: „Tolles Gebäude. Aber warum seid ihr in Sachen Gleichberechtigung immer noch nicht weiter?“
Text: Daniela Schuster
Bilder: Aiste Rakauskaite









