Das neue Le Cabanon, realisiert von STAR strategies + architecture gemeinsam mit BOARD, ist mit 6,89 Quadratmetern vermutlich das kleinste voll ausgestattete Apartment der Welt.

Das „größte kleinste Apartment der Welt“ in Rotterdam ist eine urbane Neuinterpretation von Le Corbusiers Cabanon. Der Prototyp der minimalistischen Wohnzelle des einflussreichen Schweizer Architekten in Roquebrune-Cap-Martin misst 3,66 mal 3,66 Meter, hat also eine Grundfläche von 13,4 Quadratmetern, bei einer Raumhöhe von 2,26 Metern. Diese Maße entsprechen dem Modulor – das von Le Corbusier entwickelte anthropometrische Maßsystem ist der Versuch, in der Architektur ausschließlich am menschlichen Körper vorkommende Längen-Maße zu verwenden. Kann man diesen Ansatz noch toppen? Man kann offenbar.

Mikro-Wohnen: Möglich, aber nicht primär gewollt

Küche, Schlafzimmer mit Stauraum, ein Bad mit Regendusche. Zwei Infrarotsaunen. Ein Whirlpool. Ein Panoramafenster mit Blick über Rotterdam. Auf nur 6,89 Quadratmetern. Das klingt nicht nur wie ein architektonisches Wunder sondern auch gleich auch wie ein architektonischer Widerspruch. Und ist aber das Ergebnis eines radikalen Experiments, realisiert von STAR strategies + architecture gemeinsam mit BOARD. Sie haben vermutlich das kleinste voll ausgestattete Apartment der Welt geschaffen – und zugleich wohl eines der luxuriösesten.

Doch wer hier an ein prototypisches Mikro-Wohnmodell denkt, liegt falsch.

Le Cabanon
Das Geheimnis des Konzepts von Le Cabanon in Rotterdam liegt in der Staffelung des Raums auf verschiedenen Ebenen.

Beatriz Ramo und Bernd Upmeyer, Architektin und Architekt, betonen selbst, dass Le Cabanon von ihnen nie als allgemeingültige Wohnlösung gedacht war. Vielmehr handelt es sich um eine räumliche Versuchsanordnung, eine gebaute These. Oder, um es architekturhistorisch einzuordnen: eine bewusste Fortschreibung von Le Corbusiers legendärem Cabanon an der Côte d’Azur – übertragen aus der Natur in die Stadt.

Vom Rückzugsort zur urbanen Experiment

Das Original von Le Corbusier war eine asketische Ferienhütte, ein persönliches Manifest über Maß, Körper und Genügsamkeit. Das Rotterdamer Cabanon greift diese Idee auf, kehrt sie jedoch zugleich um. Es befindet sich nicht abgeschieden in der Landschaft, sondern im Dachgeschoss eines Wohnhauses aus den 1950er-Jahren, mitten im Stadtzentrum.

Le Cabanon
Oben im Dachgeschoß lebt der Namensvetter des hölzernen Ein-Mann-Ferienhauses von Le Corbusier neu auf.

Statt Urlaubsrefugium ist es Zweitwohnsitz, statt Reduktion im Sinne von Verzicht eine Form dessen, was die Ramo und Upmeyer selbst als „epikureische Reduktion“ bezeichnen. Nebenbei gesagt, ging es dem griechischen Philosophen nie um ungehemmten Lustgewinn. Seine Ethiklehre zielt im Kern auf Erhöhung und Verstetigung der Lebensfreude durch den Genuss eines jeden Tages, womöglich jeden Augenblicks, ab.

Le Cabanon
Schlafzimmer (oben), Küche, WC, Spa … alles da – auf weniger als sieben Quadratmetern.

Upmeyer und Ramo sind in Personalunion Architekt, Architektin und Auftraggeber beziehungsweise Auftraggeberin plus Nutzer und Nutzerin. Sie sehen in der freiwilligen Verkleinerung keinen Verlust, sondern eine Chance zur Schärfung von Bedürfnissen. Persönliches Wachstum, so ihre These, könne auch durch bewusste räumliche Begrenzung entstehen. Nicht als Askese, sondern als luxuriöse Konzentration.

Machbar durch radikale Staffelung der Raumhöhen

Formal ist The Cabanon ein Umbau eines ehemaligen Dachbodens. Seine Innenmaße: 3,00 Meter Höhe, 1,97 Meter Breite und 3,60 Meter Länge. Das ergibt ein Volumen von 21,19 Kubikmetern. Bestückt mit einem überraschend großzügigen, sechs Quadratmeter großen Fenster, das den Blick über die Stadt freigibt und dem Raum eine visuelle Weite verleiht.

Le Cabanon
Für die Einteilung des Zweit- und Wochenendwohnsitzes hat man sich an den Körperproportionen orientiert.

Le Cabanon
Die Maße standardisierter Produkte wie Matratze, Badewanne und Minikühlschrank dienten als weitere Planungshilfe.

Innerhalb dieses Volumens organisieren sich vier klar definierte Räume, die sich nicht über Fläche, sondern über Höhe differenzieren: ein drei Meter hoher Wohnraum, ein nur 1,14 Meter hohes Schlafzimmer mit Stauraum, ein Bad mit Regendusche sowie ein Spa-Bereich, der als „Raum im Raum“ konzipiert ist. Hier befinden sich die erwähnten zwei Infrarotsaunen plus der Whirlpool – der geschlossenste und zugleich intimste Bereich des gesamten Apartments.

Der eigene Körper als Maß aller Dinge

Diese radikale Staffelung der Raumhöhen ist kein formales Spiel, sondern das zentrale architektonische Prinzip des Projekts. Während Le Corbusier seinen berühmten Modulor aus idealisierten Proportionen entwickelte, wurden im Rotterdamer Cabanon die Körper von Ramo und Upmeyer selbst zum Maß aller Dinge. Mit Körpergrößen von 1,72 und 1,78 Metern definierten sie exakt, wie viel Raum sie für bestimmte Tätigkeiten tatsächlich benötigen.

Dem Duschen etwa ist eine Höhe von 2,13 Metern und eine Breite von 62 Zentimetern zugesprochen. Baden oder Saunieren kommt mit 1,80 Metern aus. Schlafen und Sitzen benötigen lediglich 1,14 Meter Höhe bei 1,35 Metern Breite. Der Wohnraum dagegen durfte „großzügig“ bleiben – als räumlicher Ausgleich zur Verdichtung der übrigen Zonen.

Le Cabanon
Wichtiger als eine große Küche war ein Spa-Bereich mit zwei Infrarot-Kabinen … und einer Badewanne.

Le Cabanon
Auch die Materialwahl folgt der Logik der Verfügbarkeit. Die Fliesen stammen aus Restposten.

Das Ergebnis zeigt eindrücklich, dass unterschiedliche Funktionen nicht dieselben Raumhöhen benötigen. Je mehr Programme hinzugefügt wurden, desto größer schien das Apartment zu werden – gerade weil die Höhe intelligent moduliert wurde.

Form folgt Körper – und Budget

Bemerkenswert ist, dass diese hochgradig maßgeschneiderte Architektur keineswegs auf teure Sonderanfertigungen setzt. Im Gegenteil: Die Räume orientieren sich konsequent an Standardprodukten. Das Bett wurde um eine bestimmte Matratze herum entworfen, das Spa nach der Länge der Badewanne, die Küche nach der Tiefe eines handelsüblichen Mini-Kühlschranks. Nicht die Objekte wurden angepasst, sondern der Raum.

Auch die Materialwahl folgt dieser Logik der Verfügbarkeit. Ursprünglich geplante Oberflächen – grüner Marmor, weiße Mosaike, blaue Zementfliesen – wurden verworfen, als günstige Restposten verfügbar wurden. So kam schwarzer chinesischer Marmor aus den 1980er-Jahren im Spa zum Einsatz, blaues Mosaik in der Dusche und korallrote Zementfliesen im Wohnraum. Nur das Mintgrün im Schlafzimmer wurde bewusst gewählt – und überraschte selbst die Architekt:innen.

Le Cabanon
Millimeter-Maßarbeit: Die Entstehung des Le Cabanon.

Das Resultat ist ein farblich intensives, beinahe spielerisches Interieur, das den experimentellen Charakter des Projekts unterstreicht.

Kein Wohnmodell, sondern ein Paradigma

So verführerisch The Cabanon als Extrembeispiel auch sein mag: Es ist kein Plädoyer für immer kleinere Wohnungen. Im Gegenteil, Ramo und Upmeyer warnen ausdrücklich davor, Flächenreduktion als alleinige Antwort auf Wohnungsnot zu verstehen. Vielmehr gehe es um Optimierung statt Reduktion, um die Maximierung räumlicher Möglichkeiten, um die Überlagerung von Funktionen. Dass dabei die eigene Haltung zu Konsum und Besitz kritisch überdacht werden darf, ist ein Nebeneffekt.

Le Cabanon
Vollwertiges Wohnen ist im Le Cabanon möglich. Doch darum geht es gar nicht.

In diesem Sinne ist The Cabanon weniger eine Typologie als ein Denkmodell. Ein gebautes Argument dafür, dass Qualität nicht zwingend etwas mit Quadratmetern zu tun haben muss. Qualität kann auch entstehen, wenn Präzision, eine neugierige Haltung und der Mut, gängige Wohnnormen infrage zu stellen, zusammentreffen. Oder anders gesagt: The Cabanon ist keine Wohnung. Es ist ein architektonisches Statement.

Text: Linda Benkö
Pläne/Fotos: Ossip Architectuur Fotografie, Jan de Groen, STAR-BOARD

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