Ein Triumph für die Kreislaufwirtschaft
In der schwedischen Stadt Uppsala haben White Arkitekter aus einer tristen Beamtenburg das nachhaltigste Bürogebäude der Welt gemacht. Es trägt den Namen Lumi und ist ein Vorzeigebeispiel für das zirkuläre Bauen von morgen.
Nicht immer muss das Alte weichen, um Platz für Neues und Überragendes zu schaffen. Gerade in der Architektur und der Bauwirtschaft gilt es heute das Alte zu bewahren, um so wertvolle Energie und Ressourcen zu sparen. Transformationsprojekte der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Geschichte des Bestands – ungeachtet ihrer Bedeutung – wesentlich zur Identität eines Bauwerks beiträgt. Sie schaffen eine kulturelle Tiefe, mit der Menschen sich verbinden und identifizieren können. Etwas, das ein Neubau in dieser Form niemals erreichen kann. Auf dem Weg in ein neues ökologisches Zeitalter wird die Praxis des Adaptive Reuse zum Hüter von materiellen und immateriellen Werten. Im Zentrum der schwedischen Universitätsstadt Uppsala steht mit dem neuen Bürokomplex Lumi ein Lehrbeispiel für diese Art der Transformation.
Das Hugin-Quartier, ein Betonblock aus den 1970er-Jahren, war einst der Sitz der schwedischen Lebensmittelbehörde. Mit seinen winzigen Fenstern, einer geringen Deckenhöhe und unflexiblen Grundrissen, galt der Bau für heutige Ansprüche als absolut ungeeignet. Ein Abriss schien unvermeidlich, bis das schwedische Büro White Arkitekter und der Bauherr Vasakronan sich der Immobilie annahmen.
Materialien und Bauteile im Kreislauf
Anstatt Tonnen von grauer Energie zu vernichten, entschied man sich für den Erhalt und die Wiederbelebung der todgeweihten Substanz. „Lumi ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Architektur eine Vorreiterrolle im Klimaschutz einnehmen kann“, sagt der leitende Architekt Anders Tväråna. „Dieses Projekt beweist, dass die Lebensdauer eines Gebäudes deutlich länger sein kann als bisher angenommen.“
Rund 80 Prozent der Struktur konnten erhalten bleiben, während buchstäblich alles, was möglich war, wiederverwendet wurde.
Dieses Projekt beweist, dass die Lebensdauer eines Gebäudes deutlich länger sein kann als bisher angenommen.
Anders Tväråna, Architekt
105 Tonnen Gipskartonplatten, die üblicherweise auf der Deponie landen, hat man demontiert und während des Umbaus an anderer Stelle wieder eingesetzt. Das alte Dachblech findet sich in der verflochtenen Wandverkleidung am zentralen Erschließungskern wieder.
Und auch Ziegel, Türen, Heizkörper, Glasscheiben und sogar elektrische Anschlusskästen bekamen ein zweites Leben.
Vom drohenden Abriss zum Weltrekord
Das Ergebnis ist ein hochmodernes Labor- und Bürogebäude auf einer Fläche von 22.000 Quadratmetern. Mit seiner herausragenden Klimabilanz stellt es jeden noch so nachhaltigen Neubau in den Schatten. Nach Angaben von White Arkitekter bestätigt das auch die ausgestellte LEED-Zertifizierung: „Mit 99 von 110 möglichen Punkten ist Lumi nicht nur das Projekt mit der höchsten Zertifizierung in Europa, sondern auch das bestbewertete Bürogebäude der Welt.“
Mit dem konsequenten Re-Use-Ansatz auf allen Ebenen haben wir gezeigt, dass zirkuläres Design nicht nur möglich, sondern auch erstrebenswert ist.
Anders Tväråna, Architekt
Wie das Büro vorrechnet, habe der transformierte Bestand 3.700 Tonnen weniger CO2 verursacht als ein vergleichbares Gebäude in Holzrahmenbauweise. „Mit dem konsequenten Re-Use-Ansatz auf allen Ebenen – vom Tragwerk bis hin zu den Oberflächen – haben wir gezeigt, dass zirkuläres Design nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert ist“, resümiert Tväråna. Für die Bauherrschaft habe sich diese Praxis nicht zuletzt durch eine deutliche Kostenersparnis bezahlt gemacht.
BIM als digitaler Kompass
Ein derart komplexes Vorhaben erfordert eine ausgeklügelte Logistik und wäre ohne modernste Technologie nicht denkbar gewesen.
Der gesamte Bauprozess basierte auf einem digitalen BIM-Modell (Building Information Modeling). Mit dessen Hilfe wurde jedes Bauteil des Bestands inventarisiert, katalogisiert und in eine Datenbank überführt. So konnten die Experten für Klimaberechnungen direkt am Modell in Echtzeit die Emissionen simulieren und optimieren.
Dieser digitale Zwilling ermöglichte es, die Schnittstellen zwischen Alt und Neu so präzise zu planen, dass auf der Baustelle kaum Abfall entstand. Es ist diese Symbiose aus traditionellem Handwerk und hochentwickelter Technologie, die beim zirkulären Bauen den Weg in die Zukunft zu weisen scheint.
Das Innere nach außen kehren
Abgesehen von der Materialebene stellte sich den Planern auch die Frage: Wie verwandelt man einen dunklen Betonriegel in ein lichtdurchflutetes Arbeitsgebäude? Die Lösung von Architekt Anders Tväråna war ein Akt des Umkehrung: Er krempelte das Gebäude gewissermaßen um, von innen nach außen. Drei Gebäudeteile wurden durch ein gemeinsames Atrium miteinander verbunden. Dort, wo früher Trennung herrschte, entstand eine neue logistische Mitte, die nun als Haupteingang und Treffpunkt fungiert.
Von den neuen Holzbrüstungen der einst tristen Beamtenburg blickt man nun über eine riesige Glasfassade ins Freie. Der hohe Luftraum in der Lobby vermittelt räumliche Großzügigkeit und Transparenz. Große Fensterfronten, gute Dämmung und integrierte Solarpaneele sorgen nun dafür, dass das Gebäude mehr Energie erzeugt, als es verbraucht. Seinen Nutzern bietet Lumi einen hellen, modernen Arbeitsplatz, an dem man sich wohlfühlen kann.
Das Re-Use-Projekt im Süden von Uppsala markiert jenen radikalen Kurswechsel im Umgang mit unseren Ressourcen, der für die angestrebte Bauwende nötig ist. Es zeigt, wie die Bauwirtschaft vom ökologischen Problemkind zum Musterschüler werden kann. Und, dass die Gebäude der Zukunft vielleicht schon längst um uns herum stehen – wir müssen nur lernen, sie mit neuen Augen zu sehen.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Måns Berg, White Arkitekter






