Malpensa Hospital
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Wenn Architektur gesund macht

Das Malpensa Hospital, federführend von Zaha Hadid und Rina entworfen, setzt neue Maßstäbe in der „heilenden Architektur“. Wüsste man nicht, dass es sich um ein Krankenhaus handelt, könnte man es von außen ebenso gut für ein Hotel halten.

Es gibt Gebäude, die man aufsucht, weil man muss – das Handelsgericht oder ein Bezirksamt beispielsweise. Und es gibt Gebäude, in die es einen magisch hineinzieht. Oder die man fast freiwillig betreten würde, auch wenn ihr Zweck mit Krankheit, Verletzlichkeit und Unsicherheit verbunden ist. 

Beim Betrachten der Visualisierungen und beim schnellen Überfliegen der Projektdaten zum Malpensa Hospital kann sich schon Mal ein Freud’scher Lapsus einschleichen: Das Gehirn reimt sich „Hotel“ statt „Hospital“ zusammen – so überzeugend wirken die sorgfältig begrünten Dächer, das behagliche Interieur. Und das Gehirn realisiert erst beim zweiten Blick, worum es sich wirklich handelt.

Architektur als Heilungsprozess

Lange Zeit waren Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser, Arztpraxen oder Rehabilitationszentren assoziiert mit bestimmten Bildern, Gerüchen und Geräuschen, allesamt selten positiv besetzt: Grelles Licht, lange trostlose Flure, funktionale Räume und Möbel, der beißende Geruch nach Desinfektionsmittel, sich hastig bewegende, kurz angebundene Menschen. Während das Hauptaugenmerk in einem Krankenhaus selbstverständlich darauf liegt, die bestmögliche medizinische Versorgung zu gewährleisten, sind es aber viele andere Parameter, die den Heilungsprozess begünstigen. 

Noch ist die Zahl der Universitäten und Hochschulen mit einem eigenen Lehrstuhl für Architekturpsychologie überschaubar. Dabei werden die positiven Auswirkungen dieser Parameter auf das Wohlbefinden und damit auf die Gesundung bereits seit längerem gemessen. Eines der spezialisierten Institute, die sich damit beschäftigen, ist die Bauhaus-Universität Weimar. Demnach gelten bereits gute Orientierung und gutes Licht als wesentlich für die Genesung Erkrankter. 

„Healing Architecture“, also heilende Architektur, wird zu einem wichtigen planerischen Ansatz – und umfasst so viel mehr. Dabei geht es nicht nur um effizientes Lichtdesign, sondern auch um den geschickten Einsatz abgestimmter Farbkonzepte und den Blick ins Grüne sowie eine verminderte Geräuschkulisse. 

Ein medizinischer Landschafts(t)raum

Das geplante Malpensa Hospital in der Lombardei gehört zur Kategorie der Gebäude, die man gerne betritt. Zaha Hadid Architects hat in Zusammenarbeit mit RINA als Teamleiter, Studio Plicchi, WSP, STI Engineering und BC Building Consulting den internationalen Wettbewerb für den Entwurf des „Grande Ospedale della Malpensa“ gewonnen. Was hier entworfen wurde, ist weniger ein klassisches Krankenhaus als vielmehr ein medizinischer Landschaftsraum – ein Campus, bei dem Architektur, Natur und Hightech-Medizin zu einer neuen Typologie verschmelzen.

Malpensa Hospital
Der Architektur wohnt ein großes regeneratives Potenzial inne, insbesondere im Bereich von Gesundheitseinrichtungen. Das Malpensa Hospital schöpft dieses Potenzial aus.

Zwischen Mailand und Varese gelegen, wird der Neubau die zwei bestehenden Kliniken in Gallarate und Busto Arsizio zusammenführen. Das Einzugsgebiet deckt rund eine Million Menschen ab. Doch seine eigentliche Bedeutung reicht weit darüber hinaus: Das Projekt ist ein Fingerzeig für die Art und Weise, wie wir in Zukunft gesund werden wollen – und können.

Übersichtliches Leitsystem

Mit rund 90.000 Quadratmetern Fläche organisiert sich das Krankenhaus als kompakte, fünfgeschossige Struktur mit einem klaren inneren System. Krankenhäuser waren lange Zeit – ob gewollt oder ungewollt – Orte der Desorientierung. Hier wird das Gegenteil versucht: Klarheit als schlüssiger Teil der Therapie. Statt der für Besucher und Menschen aus dem Rettungsdienst oft chaotischen Krankenhauslogik folgt der Entwurf hier einem präzisen „Gradienten der Versorgungsintensität“: Von öffentlichen Bereichen bis hin zu hochspezialisierten medizinischen Zonen.

Doch entscheidend ist nicht nur die Funktion, sondern die Art, wie diese räumlich erlebt wird. Eine zentrale „Innenstraße“ durchzieht das Erdgeschoss und verbindet den Vorplatz mit Gärten, Höfen und Freiräumen. Dieses Motiv ist mehr als eine Erschließungsachse – es ist eine urbane Geste im Inneren des Gebäudes. Tageslicht dringt tief in den Baukörper ein, Blickbeziehungen öffnen sich, Orientierung entsteht intuitiv.

Teil eines größeren, ökologischen Gefüges

Das Krankenhaus ist nicht als Solitär, sondern als Teil eines größeren ökologischen Gefüges nahe dem Parco del Ticino gedacht. Dieses Naturschutzgebiet erstreckt sich entlang des Ostufers des Flusses Ticino, der die lombardischen Provinzen Mailand, Pavia und Varese durchzieht, auf einer Fläche von 205,52 Quadratkilometern. Bestehende Wälder werden erhalten, neue Feuchtgebiete angelegt, Regenwasser wird gesammelt und wiederverwendet.

Malpensa Hospital
Mit den begrünten Flächen stellt das Malpensa Hospital eine räumliche Fortsetzung des ökologischen Gefüges dar, in das es eingebettet ist.

Und in den nahegelegenen urbanen Regionen werden Dachflächen zu Gärten, Innenhöfe zu Rückzugsorten, Wege zu Übergängen zwischen Natur und Architektur. Diese konsequente Landschaftsintegration verändert die Wahrnehmung des gesamten Malpensa Hospitals: Das Krankenhaus ist kein abgeschlossener Ort mehr, sondern Teil dieses lebendigen Systems.

Effizienz ohne Kälte

Besonders spannend ist die Einbindung der historischen Cascina dei Poveri, eines mittelalterlichen Bauernhofensembles. Hier entsteht ein kultureller Ankerpunkt, der Vergangenheit und Zukunft miteinander verknüpft. Auf diese Weise kann die entstehende Gesundheitsarchitektur auch identitätsstiftend wirken – was eher selten passiert, und noch seltener wirklich gut gelingt. 

Malpensa Hospital
Holz ist der gesundheitsfördernde atmosphärische Träger im Innenraum.

Malpensa Hospital
Eine zentrale „Innenstraße“ durchzieht das lichtdurchflutete Erdgeschoss.

Hinter der organisch wirkenden Gestaltung verbirgt sich eine hochgradig optimierte Infrastruktur. Getrennte Wege für Patienten, Personal und Logistik sorgen für reibungslose Abläufe und maximale Hygiene. Automatisierte Transportsysteme übernehmen die Versorgung im Hintergrund.

Gleichzeitig bleibt der Bau flexibel: Modulare Grundrisse ermöglichen es, medizinische Bereiche an neue Technologien und Anforderungen anzupassen – ein entscheidender Faktor in einem Bereich, der sich schneller verändert als jede andere Gebäudetypologie. 

Timber ist das neue Beton

Auch ökologisch folgt das Projekt einem integralen Ansatz. Und der erschöpft sich nicht nur in der Verwendung von Holz. Doch, man kann heute fast sagen: Wer etwas auf sich hält, baut jedenfalls mit Holz. Was vor wenigen Jahren noch als nachhaltige Nische galt, ist längst zum globalen architektonischen Mainstream geworden. Und so spielt auch im Malpensa Hospital Timber eine zentrale Rolle – weniger als strukturelles Primärsystem, sondern vor allem als atmosphärischer Träger im Innenraum.

Holzoberflächen, textile Materialien und sorgfältig abgestimmte Akustik verwandeln sterile Klinikräume in beruhigende Aufenthaltsorte. Gerade in einem Kontext, in dem Menschen oft über Tage oder Wochen unfreiwillig, oftmals auch ungeplant verweilen, wird Materialität zur stillen therapeutisch wirkenden Kraft.

Es geht dabei nicht nur um Ästhetik, sondern um „Neuroarchitektur“: Warme Materialien senken nachweislich den Stresslevel, verbessern die Orientierung und fördern die Regeneration. In dieser Hinsicht ist Holz nicht Trend – sondern Konsequenz.

Nachhaltigkeit: Kein Label, sondern Infrastruktur

Die Gebäudeökologie ist vorausschauend: Eine Photovoltaikanlage mit über einem Megawatt Leistung deckt einen signifikanten Teil des Energiebedarfs. Ein hybrides Heizsystem ist bereits auf zukünftige Wasserstoffnutzung ausgelegt. Die Fassade kombiniert modulare Aluminium-Elemente mit integrierter Begrünung und Sonnenschutz – ein System, das sowohl energetisch als auch gestalterisch wirkt. Dank der Vorfertigung reduzieren sich Bauzeit und Abfall. Digitale Gebäudemodelle ermöglichen die vorausschauende Wartung.

Malpensa Hospital
Das Leitsystem des fünfgeschoßigen Baus ist klar, das allein ist schon ein schlüssiger Teil der Therapie.

Das Malpensa-Krankenhaus zeigt, wohin sich Gesundheitsarchitektur bewegt: Weg von der Maschine, hin zum Milieu. Statt steriler, kalter Umgebung findet sich viel Holz. Statt Isolation in Zimmern und Gängen oder isolierten Spitalsgebäuden erleben ärztliches Personal wie Patienten und Besucher vielfältige Landschaften. Die sonst häufig zu bemerkende Überforderung und Verwirrung, in den Zimmern oder in den Gängen weicht hier einer optimierten Orientierung. 

Zukunftsaufgabe: Angst nehmen

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Wenn Architektur es schafft, Angst zu reduzieren, bevor die Behandlung überhaupt beginnt, dann hat sie bereits einen Teil der Heilung übernommen. Eine Zukunftsvision: Ein Krankenhaus, in das man sich – zumindest architektonisch gesehen – tatsächlich freiwillig hineinlegen würde.

Zaha Hadid wurde 1950 in Bagdad geboren. Die irakisch-britische Architektin gilt als eine der einflussreichsten Gestalterinnen des 21. Jahrhunderts. Zu früh verstorben, an einem Herzinfarkt im Frühjahr 2016, lebt die Ausnahmearchitektin im Namen des Architekturbüros weiter. Und Zaha Hadid hatte eine enge Verbindung zu Österreich: Sie lehrte lange Jahre an der Universität für angewandte Kunst in Wien und realisierte hier mehrere Projekte, darunter das viel beachtete Library & Learning Center am Campus der Wirtschaftsuniversität. Ihr Werk ist damit auch Teil der österreichischen Architekturlandschaft.

Text: Linda Benkö
Renderings: X Universe

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