Innovatives Haus im Nadelstreif
Der Bregenzerwald, eine Vorzeigeregion für moderne, klimafreundliche Architektur, hat mit der Manufaktur Clarissakork ein neues Schaustück bekommen. Bischof & Zündel setzen auf eine innovative Bauweise aus Holz, Hanf und Kork.
Korkeichen werden hauptsächlich auf der iberischen Halbinsel forstwirtschaftlich genutzt. In etwa alle neun Jahre kann die Rinde der Korkeiche geerntet werden, der Baum selbst wird dabei nicht beschädigt und kann bis zu 200 Jahre alt werden. Kork ist also ein nachwachsender, biologisch abbaubarer Werkstoff, der sich vielfältig einsetzen lässt. Korkleder, die vegane Alternative zum herkömmlichen tierischen Leder, wird seit etwa fünf Jahren bei Krumbach im Bregenzerwald zu Interior Design-Produkten weiterverarbeitet.
Dass sich der natürliche Werkstoff auch als Baumaterial hervorragend eignet, zeigt die neue Manufaktur am Vorarlberger Standort von Clarissakork. Dort haben die Architekten von Bischof & Zündel Holz, Hanf und Kork zu einer innovativen Baulösung kombiniert.
Modernes Fachwerk mit nachwachsenden Baustoffen
Von seiner Form her präsentiert sich das Gebäude als Einhof mit Satteldach, wie es für den Bregenzerwald typisch ist. An ein Sockelgeschoss aus Sichtbeton schließt eine Tragkonstruktion in Holzständerbauweise an. Dabei handelt es sich um eine moderne Variante der traditionellen Fachwerkbauweise. Anstatt die Zwischenräume – in der Fachsprache Gefache genannt – mit Mauerwerk zu füllen, werden heute Dämmstoffe wie Steinwolle oder Holzfaserplatten verbaut.
In diesem Fall diente Hanf als Füllmaterial, das sowohl gute Dämmwerte als auch einen niedrigen CO2-Fußabdruck hat. Durch den speziellen bautechnischen Einsatz des Naturmaterials ergeben sich noch weitere Vorteile.
Die 40 Zentimeter starken Hanfwände bilden im Inneren der Manufaktur die Sichtoberfläche. Somit war kein Verputzen der Wände notwendig, und die raue Oberfläche des Hanf-Kalk-Gemisches hat zugleich schallabsorbierende Wirkung.
Eine Fassade aus Kork
Zur Aussteifung des Gebäudes dienen Sichtbetonwände, die zusammen mit den horizontal geschichteten Hanfwänden und dem Holzboden einen – für eine Produktionsstätte – sehr wohnlichen Backdrop liefern. Dass sich die Baumaterialien überall mit ihrer unverfälschten Oberfläche zeigen dürfen, ist nicht nur ein Ansatz zur Ressourcenschonung, es sorgt auch im Gestalterischen für eine ehrliche Natürlichkeit.
Dasselbe gilt für die außergewöhnliche Fassade, die aus einer vier Zentimeter starken Korkhülle besteht. Dass das Material, das die Grundlage der Produktion bildet, sich auch beim Bau des Gebäudes wiederfindet, war ein Wunsch der Bauherrin und Unternehmensgründerin Clarissa Steurer.
Der zuständige Architekt nahm die Herausforderung an, die es bedeutet, bautechnische Lösungen zu erarbeiten, die noch nicht zigfach erprobt sind.
Hanf trifft Kork
Für die Fassade hat man insgesamt 900 Quadratmeter Korkplatten verlegt, wie es in der Beschreibung des Bauprojektes heißt. „Ich war bereits mit Hanf vertraut, aber die Verbindung von Hanf und Kork war Neuland für mich“, gesteht Laurin Zündel.
Die Verbindung von Hanf und Kork war Neuland für mich. Es war spannend, da bisher niemand diese Materialien so kombiniert hat.
Laurin Zündel, Architekt
Er ist Gründungspartner des Lingenauer Büros Bischof & Zündel und der kreative Kopf hinter diesem Projekt. „Es war spannend, da bisher niemand diese Materialien so kombiniert hat.“
Der Architekt habe sich im Vorfeld intensiv mit dem Potenzial von Kork auseinandergesetzt und sich mit Experten ausgetauscht. Da das Material die äußere Hülle des Gebäudes bildet, war vor allem die Frage wichtig, wie sich Kork im Freien verhält. Mittlerweile gibt es dafür schon einige Referenzprojekte, unter anderem ein Wohnhaus in England, dessen Wände aus Korkziegel bestehen, die sowohl innen als auch außen die Fassade bilden.
Ein Haus im Nadelstreif
Die natürliche Korkfassade der Produktionsstätte in Krumbach bekommt durch die vertikalen Holzlamellen einen eleganten Nadelstreif-Look. Die Lamellen verstärken zum einen die Hanfwände, zum anderen dienen sie als Sonnenschutz für die großformatigen Fenster. Als tragendes Gestaltungselement schweißen sie die Außenhülle zu einer homogenen Einheit zusammen. Den konstruktiven Witterungsschutz der zurückversetzten Korkfassade übernimmt neben dem Dach die auskragende Bodenplatte des Obergeschosses.
Durch die innovative, klimafreundliche Bauweise ergab sich eine kurze Bauzeit. Die Manufaktur mit einer Produktionsfläche von 750 Quadratmetern stand innerhalb eines Jahres. Der gewerbliche Teil des Gebäudes befindet sich im Keller- und Erdgeschoss, während das Obergeschoss als Wohnfläche ausgebaut ist. Ein großzügiger Dacheinschnitt bildet einen privaten Außenbereich, der sich westseitig zur Hügellandschaft hin öffnet.
Mit der Manufaktur Clarissakork bekommt der Bregenzerwald ein weiteres Stück nennenswerter Architektur, das die regionale Baukultur mit innovativen Ansätzen und zeitgemäßem Design verbindet. Der Bregenzerwald gilt diesbezüglich als Vorzeigeregion und zieht vermehrt architekturinteressierte Reisende an. Auf speziellen Themenwegen lassen sich außergewöhnliche Bauwerke erkunden, darunter das Werkraumhaus von Peter Zumthor und das Frauenmuseum Hittisau.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Nußbaumer Photography






