Cerveza belebt Pivo-Brauerei
In einer ehemaligen Brauerei im Prager Stadtteil Holešovice locken jetzt mexikanische Kultur und Kulinarik: 20-20-Architekti haben das Gastro-Projekt Mexická als monumentale Hacienda gestaltet, die mittelamerikanische Geschichte, Pracht und Lebenslust präsentiert.
An urig-guten Bierlokalen fehlt es Tschechiens Hauptstadt bekanntlich nicht. Warum also aus einer einstigen Brauerei ein weiteres machen? So dachten offenbar die Mitglieder der Gastro-Allianz Together, als sie die Wiederbelebung der betreffenden Räumlichkeiten im Prager Stadtteil Holešovice planten. Und weil Mitinhaber David Petřík Mexiko als wichtigen Player der weltweiten Gastronomieszene betrachtet, entschied man sich für einen massiven Umbau: Wo früher Pivo (tschechisch für Bier) gebraut wurde, kann man jetzt im aufwändig gestalteten Mexická mittelamerikanische Kultur und Kulinarik genießen.
Zwischen Hacienda und Maya-Tempel
Das Design des Lokals stammt vom tschechischen Büro 20-20-Architekti und wirkt tatsächlich, als wäre da ein extravagantes „Klein-Mexiko“ in Prag entstanden. Wobei: Von „klein“ kann eigentlich keine Rede sein. Das Mexická hat immerhin gut 890 Quadratmeter Fläche und vermittelt luftig offenes, von historischen Einflüssen dominiertes Hacienda-Feeling. Vor allem auch, weil die hohen Räume der alten Brauerei den Planern beste Voraussetzungen für spektakuläre Einbauten boten.
Schon nach dem ersten Schritt ins Lokal wähnen sich Gäste in einer anderen Welt: Zwei Etagen mit Galerien umgeben einen zentralen Innenhof. Eine mehr-armige, golden beleuchtete Treppe glänzt mit Anspielungen auf Mexikos Maya-Ära. Die Galerien ruhen auf Säulen, die mit Steinreliefs mit Maya-Motiven bedeckt sind. Und in diesen, von Grafikdesigner Petr Štěpán gemeinsam mit den Architekten und Bildhauern eigens entworfenen Verzierungen finden sich originale Schriftzeichen der Maya-Zivilisation.
Aufwändiges Spiel mit Material und Licht
Die neu errichteten Galerien bestehen aus einem Stahlstützrahmen aus massiven Profilen in Türkisblau und begehbaren Eichenplanken. Die obere Brücke der zentralen Treppenplattform scheint geradezu im Raum zu schweben, weil der Glasboden nur von subtilen Metallkonstruktionen auf zwei kreisförmigen Säulen getragen wird. Was den luftigen Eindruck unterstreicht, ist ein schwarzes Stahlgitter, das das Geländer ersetzt.
Extravagant und aufs Thema des Mexická zugeschnitten sind auch das Material und visuelle Design der Treppenstufen. Um den gewünschten Effekt zu erzielen, hat das Team von 20-20-Architekti hier einzeln gefräste, miteinander verschraubte Bretter verwendet. Dann wurde die jeweilige Stufe mit Epoxidharz übergossen, das beigemischte „Goldflocken“ enthält.
Blickfang „goldene“ Treppe
Die einzelnen Stufen sind wiederum miteinander verschraubt und mit begehbarem Glas ausgestattet. Für besonderen Effekt sorgt eine spezielle Licht-Installation. Diese lässt die gesamte Haupt-Treppe wirken, als wäre sie in Gold getaucht, und macht sie so zum Blickfang im sonst eher monochromen Interieur.
Essen, wo gekocht wird
Dass die Architekten sonst meist übliche Grenzen zwischen Restaurantbereich und Küche weitgehend aufgehoben haben, ist zwar keine neue Design-Idee, allerdings eine, die perfekt zum Konzept des Mexická passt. Direkt vor den Augen der Gäste werden Tortillas gebacken, Tacos befüllt und Gerichte in einem Holzofen zubereitet. Auch Ceviche wird in einem eigenen Bereich in „Griffweite“ der Betrachter gemacht.
Die Küche sowie die große Cocktailbar im Obergeschoß sind in authentisch mittelamerikanischem Design und ebensolchem Material gestaltet. Und natürlich gibt es eine Getränke-Vitrine, die sich über die Bar bis hin zu einer weiteren Galerie erstreckt.
„Geschichte schauen“ im Mexická
Was sehr zum lateinamerikanisch geprägten Ambiente beiträgt, sind die unzähligen Details und Verweise auf historische Elemente der mexikanischen Kultur. Auch die monumentale Symmetrie des Raumes und die teils wuchtigen Einbauten spielen dabei eine bedeutende Rolle. Ebenso, wie ein Hauch jener rauen Anmutung mexikanischer Straßen und anderer typischer, einst in erster Linie funktionaler Charakteristika, die erst im Lauf der Zeit ausgeschmückt und zelebriert wurden.
Dass man in Prag ein Faible für ungewöhnliche Neu-Nutzung historischer Locations hat, haben Projekte wie die noble Herrenboutique Gentlemen Store in einem alten Kellergewölbe oder die Revitalisierung einstiger Eislagerräume am Moldau-Ufer längst bewiesen. In beiden Fällen waren es, wie auch jetzt beim Mexická, tschechische Architekturbüros, deren Ideen zu derart umfassender Verwandlung führten.
Neues Büro mit großem Ziel
Das von Zdeněk Rychtařík geleitete Team von 20-20-Architekti hat sich erst 2020 zusammengefunden und sich das Ziel gesetzt, Vorhaben stets vom Entwurf bis zur Umsetzung durchzuführen. Ganz so, wie es der Kunde wünscht.
Ein Ziel, das bei der 2,5 Millionen Euro teuren Wiederbelebung der verwaisten Brauerei beeindruckend erreicht wurde: Wer in Holešovice Lust auf „Kurz-Urlaub“ mit Cerveza statt aufs traditionelle Pivo hat, findet im neuen Lokal alles, was dazu nötig ist. Und eben nicht nur auf dem Teller und im Glas, sondern auch in Sachen Ambiente – gewürzt mit einer Prise Kulturgeschichte.
Text: Elisabeth Schneyder
Bilder: BoysPlayNice / 20-20-Architekti








