Ein Baumhaus im Großformat
Monumentale Konzernzentralen, die wie Festungen wirken, waren gestern. Für Volvo hat das Büro Henning Larsen das Nāst Treehouse entworfen, das nicht nur dem Namen nach ein Baumhaus ist und zum Magneten für die besten Fachkräfte werden soll.
Ursprünglich hatte Volvo das Ziel, den Verbrenner bis 2030 komplett hinter sich zu lassen. Doch der Markt ist offensichtlich noch nicht bereit dafür, weshalb der schwedische Automobilhersteller sein ambitioniertes Ziel revidiert hat. Nun will er für eine Übergangszeit auch noch hybride Fahrzeuge anbieten. Keine Abstriche hat das Unternehmen hingegen bei seiner neuen Firmenzentrale im Göteborger Vorort Torslanda gemacht. Wer den bewaldeten Felshügel nordwestlich des Stadtzentrums erklimmt, der stößt dort auf eine große Holzbaustelle.
Nāst Treehouse nennt sich der Komplex, der für eine neue Ära der Unternehmenskultur steht. Und der Name ist Programm.
Von einem klassischen Headquarter ist der Neubau nach den Plänen von Henning Larsen weit entfernt. In aufgeständerter Bauweise ragen die fünf Volumen aus dem Hang und geben den Blick auf die Baumkronen frei. Anstatt die Topografie des Hügels einzuebnen, passt sich das Gebäude dem Gelände an.
Ein Kniefall vor der Natur
Diese Entscheidung ist kein rein ästhetisches Spiel: Die Stelzenkonstruktion minimiert den Eingriff in das empfindliche Erdreich und schont die Biodiversität des Standorts.
Es ist ein architektonischer Kniefall vor der Natur, der es ermöglicht, dass der Moosboden und die Farne des Waldes nahezu ungestört unter dem Gebäude weiterleben können.
Um den menschlichen Maßstab zu wahren, haben wir das Gebäude in kleinere Volumen heruntergebrochen, während das Holztragwerk und die vertikale Holzfassade einen direkten Bezug zur Natur herstellen.
Henning Larsen, Architekturbüro
Dem überdimensionalen Baumhaus sieht man die 26.200 Quadratmeter an Nutzfläche nicht an. Das liegt daran, dass man das Volumen geschickt aufgesplittet hat.
„Um den menschlichen Maßstab zu wahren, haben wir das Gebäude in kleinere Volumen heruntergebrochen, während das Holztragwerk und die vertikale Holzfassade einen direkten Bezug zur Natur herstellen“, heißt es in der Projektbeschreibung.
Ein Magnet für die besten Fachkräfte
Das Ergebnis ist ein Ensemble, das Transparenz und Leichtigkeit ausstrahlt. In Volvos neuem Hauptsitz finden nicht nur flexible Büros Platz, sondern auch Autowerkstätten, Labore, ein Meeting-Center und ein Café. Am Standort Torslanda sind 6.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, und jährlich laufen mehr als 300.000 Fahrzeuge vom Band. „Unsere Vision ist es, für Volvo Cars den Arbeitsplatz der Zukunft zu gestalten. Einen Ort, der Innovation und Zusammenarbeit fördert und die besten Talente anzieht und hält“, sagt Martin Stenberg Ringnér, Associate Design Director bei Henning Larsen.
Um den Arbeitsalltag so attraktiv wie möglich zu machen, setzt man auf eine menschenzentrierte Architektur. Im Nāst Treehouse treffen die technische Präzision der Fahrzeugentwicklung auf die beruhigende Atmosphäre des Waldes. Dadurch erhofft man sich nicht nur einen Vorsprung im War for Talents, sondern auch einen hohen Innovations-Output bei neuen Mobilitätslösungen. Denn, wie zahlreiche Studien mittlerweile belegen, ist der Mensch in einer naturnahen Umgebung gesünder, kreativer und entspannter.
Das Mikroklima als Design-Faktor
Eine klimatische Besonderheit des Standorts ist der Wind, der in Torslanda fast das ganze Jahr über kräftig weht. Anstatt ihn durch den Bau einer Mauer auszusperren, haben die Planer von Henning Larsen den Wind als gestalterischen Impuls genutzt. Eine intelligente Positionierung der Baukörper und die gezielte Nutzung des Baumbestands sollen die Winde neutralisieren.
Auch im Hinblick auf den Sonnenschutz orientiert sich das Design an der Natur. Im Sommer spendet das Blätterdach des umgebenden Waldes natürlichen Schatten und reduziert den Hitzestress, während die kahlen Bäume im Winter das Sonnenlicht bis tief in die Räume lassen. Diese Strategien schaffen ein komfortables Mikroklima, das die Nutzung der Außenflächen über alle vier Jahreszeiten hinweg ermöglicht.
Ziel des Projekts ist es, so viel Natur wie möglich unberührt zu lassen, und die einzigartige, grüne Umgebung mit ihrer Artenvielfalt zur Hauptattraktion des Ortes zu machen.
Carolina Grenaa Nemeth, Landschaftsarchitektin bei Henning Larsen
„Ziel des Projekts ist es, so viel Natur wie möglich unberührt zu lassen, und die einzigartige, grüne Umgebung mit ihrer Artenvielfalt zur Hauptattraktion des Ortes zu machen“, erklärt Carolina Grenaa Nemeth, Landschaftsarchitektin bei Henning Larsen. „Gleichzeitig werden moderne Bürogebäude geschaffen, die die Menschen dazu anregen, mit der Natur und untereinander in Kontakt zu treten.“
Mit einem anvisierten ökologischen Fußabdruck von 250 bis 280 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Quadratmeter setzt das Nāst Treehouse neue Maßstäbe für klimafreundliches Bauen. Die Fertigstellung ist für das zweite Quartal 2026 geplant.
Text: Gertraud Gerst
Visualisierungen: Vivid Vision, Henning Larsen





