Natural Pavilion, Almere, Niederlande, DP6, Holzbau, Modulbau, Kreislauffähigkeit
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Plug and Play mit Holz

Wie lässt sich ein Holzbau ohne Qualitätsverlust wieder auseinander nehmen? Der Natural Pavilion im niederländischen Almere hat nicht nur darauf eine Antwort gefunden. Das innovative Bauwerk zeigt, wie die Kreislauffähigkeit schon heute funktioniert.

Rund 20 Kilometer von Amsterdam entfernt – verbunden über die Hollandse Brug – liegt Almere, die am stärksten wachsende Stadt der Niederlande, die erst 1975 gegründet wurde. Wo sich vor 100 Jahren noch Fische am Meeresgrund tummelten, ist nach der Trockenlegung der Zuiderzee die Provinz Flovoland und eine der dynamischsten Metropolen des Landes entstanden. Ally, wie die Hafenstadt liebevoll genannt wird, ist ein beliebtes Ausflugsziel. Die vielen Stadtstrände, Naturschutzgebiete und die moderne Architektur locken alljährlich zahlreiche Besucher an. So sollte es auch sein, als Almere 2022 Austragungsort der Floriade war, einer Internationalen Gartenbauausstellung, die alle zehn Jahre in den Niederlanden stattfindet. Auch wenn sich das Unterfangen aufgrund der Pandemie als finanzielles Desaster für die Stadt entpuppte, lieferte es doch wertvolle Beiträge für die zeitgemäße Architektur. 

Natural Pavilion, Almere, Niederlande, DP6, Holzbau, Modulbau, Kreislauffähigkeit
Der Natural Pavilion zeigt, wie der Holzbau rückbaubar und kreislauffähig wird.

So wie der Natural Pavilion, der im Auftrag der niederländischen Regierung für die Garten-Expo entworfen und gebaut wurde. Dieses Projekt war weit mehr als ein ästhetisch anspruchsvoller, temporärer Ausstellungsraum. Es war Experiment, Manifest und Vorzeigemodell für eine Architektur, die dem Land Antworten liefern sollte auf die drängendsten Fragen unserer Zeit, allen voran die Wohnungsnot und die Energie- und Ressourcenwende.

Ein ganzheitlicher Kreislauf

Dem Architekturbüro DP6 aus Delft ist es mit seinem Entwurf für den Pavillon gelungen, eine architektonische Vision in die Realität umzusetzen. Eine Vision, die das Bauen nicht als Take-Make-Waste-Modell, sondern als ganzheitlichen Kreislauf begreift. Gemeinsam mit einem breiten Konsortium aus Planern, Unternehmen und Forschern, darunter die Ingenieure von ABT und die Entwickler der HoutKern-Systembauweise, entstand ein Bauwerk, das allen Ansprüchen der Nachhaltigkeit gerecht zu werden scheint. 

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Bei diesem Bausystem werden die Räume aus würfelförmigen Holzmodulen mit einer Größe von 3,5 mal 3,5 Meter zusammengefügt.

Der Natural Pavilion besteht zu nahezu 100 Prozent aus biobasierten oder recycelten Materialien und ist vollständig rückbaubar. Ablesbar ist diese Reversibilität an einem speziell entwickelten Verbindungselement aus Stahl, das ein dynamisches Gefüge aus den einzelnen Holzelementen ermöglicht. Dieser Knoten bildet die Basis für eine Modulbauweise, die frei nach dem Plug and Play-Prinzip funktioniert. Dieses ermöglicht es, das gesamte Gebäude nach der Nutzung ohne Verlust von Material oder Qualität auseinanderzunehmen und in einer neuen Konfiguration an einem neuen Ort wieder aufzubauen.

Würfel über Würfel

Bei diesem Bausystem werden die Räume aus würfelförmigen Holzmodulen mit einer Größe von 3,5 mal 3,5 Meter zusammengefügt und können je nach Anordnung die unterschiedlichsten Kubaturen bilden. Je nachdem, welche Position oder Funktion die einzelnen Module haben, sind die Wände entweder ausgefacht oder an manchen Seiten offen. Für den Pavillon in Almere hat man 72 solcher Würfel mit einander kombiniert und damit einen rund 900 Quadratmeter großen Pavillon erhalten. 

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Die Wände der Holzmodule sind je nach Position mit unterschiedlichen Materialien ausgefacht oder offen.

In der Mitte öffnet sich der transparente Holzbau in einem Atrium, das einen großzügigen Luftraum über die gesamte Gebäudehöhe schafft. Die drei Geschosse sind über skulpturale Holztreppen miteinander verbunden, die mittels Stahlseilen von der Deckenkonstruktion abgehängt sind. Das prägnante Sägezahndach versorgt das Atrium mit natürlichem Tageslicht. 

Die vertikalen Holzlamellen an der Fassade schaffen nicht nur einen visuellen Rhythmus, sondern erfüllen auch eine wichtige Funktion: Mithilfe von parametrischem Design wurden sie so gestaltet, dass sie das einfallende Sonnenlicht optimal filtern, was den Kühlbedarf im Gebäude minimiert.

Ein Reload des Holzfachwerks

Im Grunde handelt es sich bei der Konstruktion um einen Reload des klassischen Holzfachwerks, wobei die Innenwände ein wahres Innovationslabor sind. Die Ausfachung erfolgte mit rein biobasierten und erneuerbaren Materialien, die als Abfall in der Landwirtschaft und im Gartenbau anfallen. Dazu zählen etwa bekannte Dämmstoffe wie Stroh und Flachs, aber auch unkonventionelle Materialien wie Paprikastängel und Spinatsamen. 

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Die Ausfachung der Wände erfolgte mit rein biobasierten und erneuerbaren Materialien, darunter Stroh, Flachs, Paprikastängel und Spinatsamen – alles Reststoffe aus Landwirtschaft und Gartenbau. 

Dieses Vorgehen erinnert an die traditionellen Lehmbauten vergangener Jahrhunderte und macht die Bauindustrie zu einem symbiotischen Partner der Landwirtschaft. Eine wahre Win-Win-Beziehung: Da es sich um die Verwertung von Reststoffen handelt, fallen bei der Produktion keine Emissionen an. Und zusätzlich, wie es bei allen biobasierten Baustoffen der Fall ist, wirken sie dank des gespeicherten Kohlenstoffs als CO2-Senken.

Heimisches Holz, recyceltes Glas

Fast alle verwendeten Materialien sind nachwachsend, recycelt oder wiederverwendbar. Das Holz für das Tragwerk und die Böden stammt aus den Niederlanden. Die Fenster bestehen aus recyceltem Glas, das von einem ehemaligen Regierungsgebäude in Den Haag stammt. Selbst die Fundamente bestehen aus wiederverwendbaren Holzpfählen, die im Boden verankert sind.

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Das zentrale Atrium mit den abgehängten Holztreppen zeigt die räumlichen Möglichkeiten dieses modularen Bausystems.

All diese natürlichen Materialien machen den Pavillon zu einem begehbaren Schaustück und einem sensorischen Erlebnis für biobasiertes Bauen. Er zeigt, dass nachhaltige Architektur nicht auf den Verzicht hinausläuft – weder Komfort noch Ästhetik müssen leiden –, sondern eine neue Dimension und Vielfalt eröffnet, die es auszuloten gilt.

Ein Baumodell für die Zukunft

Damit ist der Natural Pavilion ein lebendiger Beweis dafür, dass die Kreislaufwirtschaft nicht nur ein theoretisches Konzept der Zukunft ist, sondern bereits heute die Basis für eine neue Baukultur bilden kann. Mit einer Bauzeit von nur sechs Monaten, dank der hohen Vorfertigung, könnte dieser Systembau auch eine Lösung für den akuten Wohnraummangel in den Niederlanden bieten.

Dass die Strahlkraft dieses Baumodells weit über die Grenzen der Gartenbau-Expo hinausreicht, zeigt die aktuelle Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn, WEtransFORM – On the Future of Building. Noch bis Anfang 2026 wird das zirkuläre Konzept des Natural Pavilion dort als eines der Vorzeigeprojekte des nachhaltigen Bauens vorgestellt. 

Text: Gertraud Gerst
Fotos: ScagliolaBrakkee

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