Rückzugsort zum Mitnehmen
Was einst als Prototyp bei der RHS Chelsea Flower Show präsentiert wurde, entwickelte sich mittlerweile zu Rückzugsorten auf der ganzen Welt: Das britische Studio Koto designte Niwa, eine Gartenhütte aus Holz, nach japanischer Tradition sowie dem Cradle-to-Cradle-Prinzip.
Für fünf Tage im Mai verwandelt sich das Gelände des Royal Hospital im Londoner Stadtteil Chelsea Jahr für Jahr in die berühmteste Gartenschau der Welt. Veranstaltet von der Royal Horticultural Society (RHS), zeigt die Chelsea Flower Show, dass man Gartengestaltung durchaus als Kunst verstehen (und damit sogar die britischen Royals regelmäßig zu Besuchen bewegen) kann.
2022 tauchte im Rahmen der Ausstellung zwischen viel Grün noch etwas anderes auf: eine Hütte aus Holz des Londoner Studios Koto. Dieses präsentierte dort erstmals sein Minihaus, bei dem es sich um viel mehr handelt als eine Gartenlaube oder ein Schrebergartenhäuschen. Ein Projekt, das der Jury bei der RHS Flower Show Chlesea die prestigeträchtige Goldmedaille wert war.
Hüttenzauber
Koto nennt sein Design Niwa, nach dem japanischen Wort für Garten. „Ein Niwa ist ein multifunktionaler Raum: ein Zimmer im Garten, ein Atelier, ein Rückzugsort oder ein Ort zum ungestörten Arbeiten“, so Koto. Man wollte einen Ort kreieren für alles, was zuhause selten ohne Ablenkung klappt. Meditieren, lesen, arbeiten oder einfach nur runterkommen. „Ein Ort, um sich still hinzusetzen, eins mit der Natur zu werden oder sich zu konzentrieren.“
Das Ergebnis ist eine Hütte, die in vorgefertigten Paneelen geliefert wird – leicht zu transportieren, schnell aufzubauen und durch und durch nachhaltig. „Die präzise Vorfertigung minimiert Beeinträchtigungen und Abfall und gewährleistet gleichzeitig Langlebigkeit und geringe Umweltbelastung“, so das Studio. Die modulare Bauweise macht zudem den Abbau sowie die neuerliche Nutzung an einem anderen Ort möglich. Sprich: Cradle-to-Cradle-Prinzip in Perfektion.
Auch die Errichtung am jeweiligen Standort ist von Nachhaltigkeit geprägt: Ein Niwa hat möglichst wenig Bodenkontakt, es gibt kaum Versiegelung. „Die Struktur sitzt quasi auf Zehenspitzen im Garten, statt ihn mit Fundamenten zu versiegeln“, wie Koto erklärt.
Big in Japan
Außen dominiert dabei schwarz gebrannte, FSC-zertifizierte Lärche. Das Verfahren lehnt sich an die japanische Shou-Sugi-Ban-Technik an: Holz wird an der Oberfläche durch kontrolliertes Anbrennen verkohlt, bekommt dadurch eine Textur, die widerstandsfähiger und robuster ist, sowie den typischen tiefschwarzen Farbton.
Nicht nur der Name und die Holzverarbeitung, auch das eigentliche Design der Hütte lehnt sich an Traditionen Japans an. So ist die Unregelmäßigkeit des Designs – mit asymmetrischen Wänden und einseitiger Dachschräge – eine Hommage an die japanische Wabi-Sabi-Ästhetik: Schönheit im Unperfekten. Die Vorderfront des Niwa besteht aus großen Glasflächen; die Grenze zwischen Innen und Außen verschwimmt damit, die Hütte wird ein Teil des Gartens, in dem sie steht. Im Inneren stellt heller Verputz an den Wänden einen bewussten Kontrast zur dunklen Außenfläche dar. Unterstützt wird das warme Ambiente vom Herzstück des Niwa: einem Holzofen des dänischen Herstellers Morsø.
Rückzug für allein
„Unsere Mission war immer, Menschen durch Architektur mit der Natur zu verbinden“, sagt Koto-Mitgründer Johnathon Little. „Mit Niwa überwinden wir alle Grenzen – diese Hütten können praktisch überall stehen.“
Und das tun sie. Denn aus dem Chelsea-Prototyp, der mit im Rahmen der Flower Show mit einer Goldmedaille ausgezeichnet worden war, wurde mittlerweile ein globales Produkt: Kotos Niwa-Hütten sind heute überall auf der Welt zu finden – als Mini-Raum für Yoga, als Sauna, Gästehaus oder als kompaktes Homeoffice.
Gefertigt wird im Werk. Dann kommt alles als präzise zugeschnittenes Panel-Set in den Container, wird weltweit verschickt und vor Ort in wenigen Tagen zusammengesetzt. Ohne wochenlangen Baulärm und ohne tonnenweisen Bauschutt. Einstiegspreis laut Koto: rund 52.000 Dollar, je nach Größe, Ausbau und Transportweg.
Text: Michi Reichelt
Bilder: Joanna Kossak, Edvinas Bruzas, Simon Bevan, Olco Studios






