Rekord-Türme für die Gold Coast
Das Projekt One Park Lane besteht aus zwei Türmen. Der Wohnturm soll den Plänen von BKK Architects und Cottee Parker zufolge fast 400 Meter hoch werden. Für die Gold Coast in Queensland bedeutet der Bau einen Paradigmenwechsel.
Mit dem Entwurf von One Park Lane präsentieren BKK Architects in Zusammenarbeit mit Cottee Parker eines der ambitioniertesten Hochhausprojekte Australiens. Sollte der Bau realisiert werden, würde der 101-stöckige Wohnturm mit einer Höhe von rund 393 Metern nicht nur den bisherigen Rekordhalter Q1 Tower in Surfers Paradise übertreffen. Der Wolkenkratzer schlägt auch auch ein neues Kapitel urbaner Verdichtung an der sogenannten Gold Coast auf.
Wachstum, Tourismus und Nachhaltigkeit
Beide Objekte wären nach Luftlinie bemessen gar nicht weit weg voneinander, unter zehn Kilometern Entfernung. Das neue Projekt mit der Adresse One Park Lane in Southport jedenfalls reagiert auf die immer drängendere Herausforderung, Wachstum und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen – ein Thema, das sich der australische Bundesstaat Queensland auf die Fahnen heftet.
Southport ist das historische Geschäftsviertel der Stadt Gold Coast. Der Landstrich rundherum, ganz in der Nähe von Brisbane, der Hauptstadt des Bundesstaats Queensland, ist eines der beliebtesten Urlaubsziele Australiens. Kein Wunder, hat er doch für jeden etwas zu bieten: Weltweit berühmte Surfspots, riesige Einkaufszentren, abenteuerliche Freizeitparks, lang geöffnete Diskotheken und die markante Skyline unmittelbar vor den kilometerlangen Sandstränden am Pazifischen Ozean.
Auch die zum Weltkulturerbe gehörenden Naturschutzgebiete im Hinterland, voller subtropischer Regenwälder und hoher Wasserfälle werden gern besucht. Mit rund zehn Millionen Besuchern jedes Jahr ist Gold Coast derzeit die am schnellsten wachsende Stadt des roten Kontinents.
Verdichtung am Meer
Gold Coast ist aber nicht nur eine Feriendestination. Vor allem in den vergangenen Jahren hat sich der Standort zu einem bedeutenden urbanen Knotenpunkt entwickelt. Im Zentrum: Southport. Nach Jahren stagnierender Bautätigkeit wird das Quartier derzeit im Rahmen einer breit angelegten Revitalisierungspolitik der Stadtverwaltung neu definiert – als gemischt genutztes, urbanes Zentrum mit klarer vertikaler Prägung.
Der geplante Standort von One Park Lane liegt auf einem vergleichsweise kleinen Grundstück: Die rund 1.500 Quadratmeter gaben ursprünglich nur eine Genehmigung für eine 25-stöckige Bebauung her. Dass nun ein Ensemble aus zwei Türmen mit 60 und 101 Etagen geplant ist, verdeutlicht den Paradigmenwechsel im Umgang mit der Flächeneffizienz.
Zwar nur 70 Kilometer von Brisbane mit 1,25 Millionen Einwohnern entfernt, holt die Goldküste mächtig auf: Die Bevölkerung dort hat sich in den vergangenen 20 Jahren nahezu verdoppelt. Die Stadtverwaltung steht daher unter wachsendem Druck, sowohl Wohnraum als auch hochwertige Büroflächen bereitzustellen.
„Dieses Projekt wird helfen, dem dringenden Bedarf nach mehr Wohnraum in Gold Coast gerecht zu werden und gleichzeitig die wirtschaftliche Aktivität insgesamt anzukurbeln“, wird Brett Rogers, Geschäftsführer des Developers Baracon, in Medien zitiert. One Park Lane ist damit Teil einer größeren Strategie, die Urbanität und Tourismus neu austariert.
Zwei Türme, zweifach verbunden
Das Ensemble besteht aus einem 60-stöckigen Gewerbeturm und einem 101-stöckigen Wohnturm, die auf einer gemeinsamen Plattform ruhen. Die Basisstruktur, inspiriert von den weit verzweigten Wurzeln des Moreton-Bay-Feigenbaums, schafft eine offene, skulpturale Verbindung zwischen Straße und Gebäude. Ihre organisch anmutenden Pfeiler sollen, so BKK Architects, „die Grenze zwischen Innen und Außen auflösen“.
Auf Erdgeschoßniveau sind öffentliche Nutzungen, Gastronomie und Aufenthaltsflächen beherbergt. Es ist gleichzeitig eine Übergangszone zwischen Stadt und Gebäude. Auf der 22. Etage gibt es nochmals eine Verbindung, funktional wie symbolisch: Eine verglaste Skybridge. Sie dient als gemeinschaftlicher Raum mit Restaurants, begrünten Terrassen und 360-Grad-Ausblicken auf Meer, Hinterland und Skyline. Die Brücke übernimmt zudem eine strukturelle Funktion, indem sie die beiden Türme stabilisiert und Windlasten ausgleicht.
Architektonische Sprache und Materialität
Die beiden Türme zeichnen sich durch eine schlanke, elegant proportionierte Formensprache aus. Diese betont den vertikalen Charakter des Ensembles. Ihre Fassaden bestehen aus hochleistungsfähigem Glas in dunklem, transluzentem Graublau. Sie nehmen Reflexionen der umgebenden Landschaft auf und reduzieren gleichzeitig den Sonneneintrag.
In die Glasflächen sind Photovoltaik-Module integriert. Laut Projektbeschreibung können sie bis zu 75 Prozent des Strombedarfs des Komplexes decken – ein ambitionierter Wert für ein Hochhaus dieser Größenordnung. Die Westfassaden werden zusätzlich durch gebäudeintegrierte PV-Paneele ergänzt.
Das 1989 von Rob Cottee und Geoff Parker gegründete Architekturbüro Cottee Parker hat den Entwurf für den Bauantrag weiterentwickelt. Die ursprünglichen Ideen von BKK Architects wurden zu einem technisch umsetzbaren Hochhausdesign verdichtet. In die Planungen hat man zusätzlich Ingenieure aus dem Nahen Osten, die auf Superhochhäuser spezialisiert sind, eingebunden. Sie haben ihre wertvolle Expertise insbesondere hinsichtlich Winddämpfung und seismischer Stabilität eingebracht.
Nachhaltigkeit und bioklimatische Strategien
One Park Lane versteht sich als Modellprojekt für nachhaltiges vertikales Wohnen. Die Grundstruktur des höheren Turms gliedert sich in vier Segmente, die jeweils über eigene Gemeinschaftseinrichtungen verfügen. Diese „Nachbarschaften in der Höhe“ sollen soziale Interaktion fördern und die Anonymität des Hochhauslebens aufbrechen.
Die Wohneinheiten verfügen über Balkone und Wintergärten, die so orientiert sind, dass sie die kühlenden Ostwinde der Gold Coast einfangen. Durch die schlanke Gebäudetiefe ist Querlüftung in vielen Apartments möglich – eine Seltenheit in Hochhäusern dieser Kategorie. Auf den Etagen, auf denen die Windverhältnisse es erlauben, können die Balkone vollständig geöffnet werden.
Zur Begrünung der Plattform und der Brückenebenen wurden Pflanzen ausgewählt, die in Queensland heimisch sind. Diese Vegetation schafft Mikroklimata, die Schatten, Schutz und Verdunstungskühle bieten. „Wir wollten ein urbanes Dorf in der Vertikalen schaffen“, sagt Simon Knott, Mitbegründer von BKK Architects. „Die Höhe war nie Selbstzweck, sondern eine Antwort auf die Notwendigkeit, Dichte und Lebensqualität gleichzeitig zu denken.“
Vom Flächenwachstum zu vertikaler Kompaktheit
Für Southport markiert One Park Lane einen Wendepunkt. Der Stadtteil, einst Verwaltungszentrum, soll in den kommenden Jahren zur urbanen Keimzelle einer neuen Gold Coast werden – mit stärkerer Orientierung an öffentlichen Räumen, nachhaltiger Mobilität und kultureller Vielfalt. Das Projekt schafft gleichzeitig neue Fußgängerachsen und Verbindungen zwischen den umgebenden Quartieren.
Die Stadtplaner des Beratungsunternehmens Urbis sehen das Projekt als Katalysator für weitere Investitionen in das Gebiet. Es wird erwartet, dass das Ensemble neue Bewohner, Büros und Gastronomie anzieht und damit die wirtschaftliche Vitalität des CBD (Central Business District) stärkt.
Das Vorhaben ist zugleich Teil einer größeren Bewegung innerhalb der australischen Stadtplanung: dem Versuch, nachhaltige Hochhausmodelle jenseits der Großstädte zu etablieren. Viele Landstriche Australiens, auch Queensland, sind traditionell durch Flächenwachstum geprägt. Der neue eingeschlagene Weg setzt auf kompaktere, energieeffiziente und sozial durchmischte Lebensformen.
Technische Herausforderungen
Die enorme Höhe von fast 400 Metern bringt erhebliche statistische und aerodynamische Herausforderungen mit sich. Die Ingenieurteams müsen neuartige Massendämpfer entwickeln, um Schwingungen durch den Wind zu minimieren. Zudem erfordert die begrenzte Grundstücksfläche ein hochkomplexes Fundamentdesign, das die Lasten beider Türme gemeinsam hält.
Das ganzheitliche Planen unter hochverdichteten Bedingungen zeigt sich auch am Konzept des Landschaftsarchitekturbüros TCL: Das Team dort entwickelt ein Konzept, das die Pflanztiefen und Wurzelräume der Vegetation mit der Tiefgarage darunter in Einklang bringt.
„Sozial-ökologisches Statement“
Obwohl viele Bewohnerinnen und Bewohner der Gold Coast die One Park Lane Türme jetzt schon wegen der skulpturalen Erscheinung als neues Wahrzeichen einstufen, vermeiden die Architekten dennoch derartige Begrifflichkeiten. Da ist nicht von „iconic architecture“ die Rede, stattdessen verstehen sie das Projekt als „sozial-ökologisches Statement“.
Für Queensland steht das Projekt exemplarisch für den Wandel von der horizontalen zur vertikalen Stadt. Allerdings: Die Baugenehmigung ist noch nicht erteilt. Der Zug der Zeit könnte jedenfalls sein, dass Hochhausarchitektur in Australien nicht mehr nur an der Skyline von Melbourne oder Sydney gemessen wird.
Text: Linda Benkö
Renderings: BKK Architects, Cottee Parker, Tony Goss





