Unter dem treffenden Namen One Roof hat das Architekturbüro Herzog & de Meuron am Genfersee den neuen Hauptsitz der Privatbank Lombard Odier kreiert. Ein Gebäude, das den Menschen und die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt rückt.

Seit vielen Jahren ist Genf in zwei globalen Rankings stets in den vordersten Plätzen zu finden: In der Lebensqualität und den Lebenserhaltungskosten. Nach Monaco und Zürich weist die Schweizer Stadt folgerichtig aktuell die höchste Millionärsdichte weltweit auf. Es wird also wohl kaum jemanden überraschen, dass ausgerechnet hier mit Lombard Odier eine der ältesten und größten Schweizer Privatbanken ihren Hauptsitz hat. „Hier“ bedeutet konkret: in Bellevue nördlich des Genfer Stadtzentrums, am Westufer des Genfersees.

Alle unter einem Dach

Eingebettet in eine Wohngegend mit weitläufigen Grünflächen, nur einen Steinwurf entfernt vom Palais des Nations und dem Jardin botanique de Genève, haben Herzog & de Meuron das neue Hauptquartier von Lombard Odier kreiert. Ein am Seeufer gelegenes Gebäude, dessen Name Programm ist: One Roof bringt an diesem Standort 2.000 Mitarbeitende zusammen, die zuvor an sechs unterschiedlichen Standorten quer über Genf verteilt gearbeitet hatten. Perspektivisch bietet der lichtdurchflutete, 170 Meter lange Neubau auf 71.202 Quadratmetern in acht Stockwerken sogar Platz für bis zu 2.600 Personen.

Drohnensicht
Standort direkt am Ufer des Genfersees: Der neue Hauptsitz von Lombard Odier kann sich im wahrsten Sinne sehen lassen.

Doch es ging beim Konzept nicht nur um das bloße Unterbringen von Menschen. Das Design folgte vielmehr zwei zentralen Leitprinzipien: Einerseits sollte die natürliche Umgebung maximal wahrgenommen werden, andererseits galt es, Innenräume zu schaffen, die die Zusammenarbeit der Belegschaft aktiv fördern.

Blätterteig-Gebäude

Wer sich dem Bau nähert, erkennt sofort die unkonventionelle Handschrift. Von außen betrachtet wirkt das Gebäude mit seinen horizontalen, unregelmäßig geformten Deckenplatten laut Architekturbüro-Mitgründer Jacques Herzog „wie eine Art Mille-feuille„, ein Blätterteigkuchen. Charakteristisch für den Bau sind dünne, geschwungene und auskragende Deckenplatten, die den vollverglasten Fassaden nicht nur einen passiven Sonnenschutz bieten, sondern gleichzeitig zugängliche, überdachte Außenbereiche schaffen. 

One Roof, Hauptsitz von Lombard Odier, Aufsicht
One Roof: Ein „Blätterteigkuchen“ mit auskragenden Deckenplatten.

One Roof, Hauptsitz von Lombard Odier von Herzog & De Meuron, Plan
Das Gebäude hat keine klassische Unterteilung in Vorder- und Rückseite.

Da die Rundungen nicht deckungsgleich übereinanderliegen und die Konturen stetig variieren, entsteht laut Herzog & de Meuron der Eindruck eines atmenden Gebäudes. Die Strukturen werden zudem von dünnen, weißen Säulen getragen, die optisch elegant mit anderen vertikalen Elementen wie Regenrohren verschmelzen.

Von außen betrachtet wirkt das Gebäude wie eine Art Mille-feuille.

Jacques Herzog, Co-Gründer Herzog & de Meuron

Die Architektur öffnet sich im One Roof bewusst nach allen Seiten. Die Fassaden sind an Nord- und Südfront identisch gestaltet, sodass es keine klassische Unterteilung in Vorder- und Rückseite gibt. Die offene Bauweise maximiert durch seine vollverglasten Fronten die Sicht auf die Landschaft. Der Belegschaft eröffnen die Glasfronten ungestörte Ausblicke auf den See, die teilweise sogar bis zum Mont Blanc reichen.

Transparenz-Räume

Rundungen bestimmen auch das das Innere des Gebäudes. Am Markantesten zeigt sich dieser Ansatz am mandelförmigen Einschnitt in die Struktur, durch den ein Atrium über die gesamte Gebäudehöhe entsteht. Über ein Oberlicht gelangt natürliches Tageslicht in diese „canyon-artige“, holzverkleidete Halle, die von zahlreichen verglasten Besprechungsräumen überblickt wird. Eine Betontreppe schlängelt sich hier vom Erdgeschoss in das erste Stockwerk.

Atrium
Durch den mandelförmigen Einschnitt entsteht ein gebäudehohes, holzvertäfeltes Atrium.

Laut Christine Binswanger, Senior Partner bei Herzog & de Meuron, entfaltet sich im One Roof eine spannende Abfolge vielfältiger Räume. „Lombard-Odier-Mitarbeitende entscheiden selbst, wo und wie sie arbeiten möchten.“ Eine innere Topografie aus Rampen und Treppen sorgt für weiche, fließende Übergänge zwischen den einzelnen Ebenen. Ein Highlight ist das tageslichtdurchflutete Auditorium, das architektonisch an ein griechisches Amphitheater erinnert und sich großzügig zum Garten hin öffnet. Der Raum fasst über 500 Menschen und geht im hinteren Teil in eine ungezwungenere Anordnung aus fest eingebauten Bänken und integrierten Beistelltischen über. Diese sind somit auch für kleiner Besprechungen nutzbar.

Grünwert

Nachhaltigkeit ist ein elementarer Bestandteil des Entwurfs von One Roof. Zum Einsatz kommen regional bezogene Materialien, wobei im Inneren der Fokus auf Holz liegt, sowie Recyclingbeton für die tragenden Elemente. Eine über 700 Quadratmeter große Photovoltaikanlage auf dem Dach und ein ausgeklügeltes System zur Regenwassernutzung unterstreichen den ökologischen Anspruch. Besonders innovativ präsentiert sich die Klimatechnik: Das sogenannte GeniLac-System nutzt Wasser direkt aus dem Genfersee, um das Gebäude nachhaltig zu heizen und zu kühlen. Mit diesem ganzheitlichen Ansatz strebt der Bau gleich drei prestigeträchtige Zertifizierungen an: SNBS Platin, Minergie-P und BREEAM Outstanding.

Glasfront mit Blick auf den See
Der Ausblick auf den Genfersee.

Auditorium
Das Auditorium erinnert an ein griechisches Amphitheater.

Der Mensch steht bei all der Technik und Architektur im One Roof im Mittelpunkt. Ein hauseigener Fitnessbereich bietet der Belegschaft die Möglichkeit, unter anderem durch Yoga-Kurse körperlich und geistig aufzutanken. Die Speisen werden in zwei hochmodernen Küchen von Fachkräften zubereitet, die während ihrer Arbeit ebenfalls den herrlichen Blick auf den See genießen dürfen – ein ungewöhnliches Detail für Bereiche, die sich normalerweise versteckt im Hintergrund befinden. Dieses weitläufige. „Dieses Gebäude fördert sowohl die Konzentration als auch die Interaktion“, so Christine Binswanger. „Sei es in Besprechungsräumen, in den Gemeinschaftsbereichen mit herrlichem Seeblick, in einem der Restaurants oder sogar im Auditorium, wo informelle Arbeitsplätze zum Garten hin ausgerichtet sind.“

Text: Michi Reichelt
Bilder: Herzog & de Meuron, Maris Mezulis

Jetzt Newsletter Bestellen <>