Orchideenpavillon Casa Wabi
#greenbuilding

Ein Pavillon in voller Blüte

Der für die Fundación Casa Wabi entworfene Orchideenpavillon in Puerto Escondido, Mexiko, besticht durch seine nachhaltige und leichtgewichtige Holzkonstruktion. Entworfen hat sie Bernardo Quinzaños von CCA, um auf die einzigartigen Knabenkrautgewächse der Region aufmerksam zu machen.

Oaxaca, die Hauptstadt des gleich lautenden mexikanischen Bundesstaates in der Sierra Madre del Sur, trägt einen wahrhaft blumigen Namen. Leitet er sich doch von dem unter der einstigen aztekischen Herrschaft gebräuchlichen Begriff Huāxyacac ab. Und der bedeutet in der Nahuatl-Sprache so viel wie „Ort an der Spitze der Weißkopfmimose“. Es ist aber nicht der schnellwachsende Strauch, der die Region botanisch so spannend macht. Vielmehr begeistert Flora-Fans die Orchideenvielfalt rund um die Stadt. Zumindest noch. Denn viele der Knabenkrautgewächse sind vom Aussterben bedroht. Und genau das möchte Bernardo Quinzaños, Architekt des vielfach ausgezeichneten Centro de Colaboración Arquitectónica (CCA), nun ändern: mit seinem Orchideenpavillon.

Dachkonstruktion
Gut zu sehen in Luftaufnahme: die ins Steildach integrierten Wasserspeicher zur Bewässerung der Orchideen.

Entworfen hat Quinzaños die dauerhafte Pavillon-Holzkonstruktion für die Fundación Casa Wabi. Die gemeinnützige Organisation hat es sich zum Auftrag gemacht, den Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst, altem Handwerk und lokaler Gemeinschaft zu fördern. Bislang war die Stiftung, die in Tokio und Mexiko-Stadt weitere Dependancen hat, vor allem für ihren vom japanischen Star-Architekten, Pritzker-Preisträger und Beton-Minimalisten Tadao Ando entworfenen Hauptsitz am Rande von Puerto Escondido bekannt. Doch seit kurzem gehört auch der erwähnte Orchideenpavillon zum architektonischen Programm der Stiftung, die ansonsten Künstlerresidenzen anbietet oder regelmäßige Ausstellungen zu Themen wie Keramik und Film kuratiert.

Japan trifft Mexiko

Der Pavillon passt gut in das Programm der Fundación, vereint der Entwurf doch oaxacaische Handwerkskunst und regionales Kunsthandwerk mit der japanischen Philosophie Wabi-Sabi (die „Ästhetik des Unperfekten“) in einem nachhaltigen Design. „Die Inspiration für das Projekt kam aus der Erforschung der Beziehung zwischen Wabi-Sabi und den reichen Traditionen der hiesigen Küste“, erklärt Architekt Bernardo Quinzaños. Wabi-Sabi findet die Schönheit in der Unvollkommenheit und Einfachheit. „Und das passt gut zu den landestypischen Gepflogenheiten, dem reichen kulturellen Erbe und den lebendigen Traditionen der Region.“

Hängende Orchideen
Im Pavillon finden die bedrohten Orchideenarten …

Hölzerne Konstruktion
… ideale klimatische Bedingungen für ihr Gedeihen.

In eben diesem kulturellen Erbe und in den regionalen Traditionen spielen Orchideen eine große Rolle. Insbesondere endemische Arten wie Anathallis oblanceolata und Barkeria melanocaulon, die in den Wäldern Oaxacas wachsen, oder auch die seltene Mini-Lady-Slipper-Orchidee Mexipedium xerophyticum sind ein bedeutender Teil religiöser Zeremonien. So werden bei der Osterprozession von Zachila etwa Kirchen und Kleidung mit den bunten Blüten geschmückt. Und genau auf diese starke Verbindung zwischen der biologischen und kulturellen Vielfalt der Landschaft macht nun der Orchideenpavillon aufmerksam. Und: auf deren bedrohte Zukunft.

Kultur trifft Botanik

Der Pavillon ist als dauerhafte Holzkonstruktion zur Zucht bedrohter Orchideenarten entworfen. Für sein Design recherchierte das Team rund um Bernardo Quinzaños, unter welchen Bedingungen die Gewächse optimal gedeihen. Das Ergebnis ist ein Entwurf, der ein feuchtes, teilweise beschattetes und stets gut belüftetes Umfeld sicherstellt. Die Konstruktion bilden Elemente aus lokalem Kiefernholz sowie maßgefertigte, hochtemperaturgebrannte Keramik-Beton-Module. Beide Materialien sind nicht nur nachhaltig, sondern auch tief in der Baukultur der Region verwurzelt. Das System funktioniert ohne manuelle Bewässerung. Wassergefüllte, pyramidenförmige Becken auf dem Dach des Orchideenpavillons geben kontinuierlich feine Tropfen ab, die am Boden in kiesigen Auffangbecken gesammelt werden. Das so entstehende Mikroklima simuliert natürliche Bedingungen und ist optimal für die Orchideen der Küstenregion Oaxacas, die Wasser über die Luft und die Oberflächen der Konstruktion aufnehmen.

Bänke zum Verweilen im Orchideenpavillon
Im Inneren finden Orchideen wie Besucher Schatten …

Holzkonstruktion des Pavillons
… und Wasser unter der Konstruktion aus lokalem Holz.

Im Pavillon haben die bedrohten Orchideen-Arten ein Refugium gefunden. Doch über seine technische Funktion für den Erhalt der Flora hinaus verfolgt der Pavillon auch noch ein spirituelles Ziel: Er soll ein Raum der Ruhe und Einkehr sein, ein Platz, an dem man die Feuchtigkeit atmet, das Tropfen des Wassers hört, die sich im Inneren kreuzenden Winde spürt. Ein Besuch im Orchideenpavillon ist also eine sinnliche Erfahrung, die zu mehr Achtsamkeit führt – und zwar nicht nur für die Orchideen. Sondern auch für das eigene (mit ihnen verbundene) Leben. „Das leise Tropfen erinnert an natürliche Kreisläufe und schafft eine kontemplative Reise zurück zu den Wurzeln des Lebens und zum Sinn des Lebens“, sagt Bernardo Quinzaños. Dass man erst nach einem längeren Spaziergang zum Orchideenpavillon gelangt, ist Teil dieser Reise.

Funktion trifft Spiritualität

Ästhetisch inspiriert wurde der Holzbau wie gesagt durch die Auseinandersetzung mit der japanischen Philosophie des Wabi-Sabi. Und auch das Leitkonzept stammt aus dem Land der aufgehenden Sonne. Der Pavillon verkörpert die Idee des Ikigai („Lebenssinn“). Er schafft einen meditativen und harmonischen Raum, um sich mit der Natur zu verbinden. Der leicht ins Gelände eingetiefte Pavillon wird von einer Sitzbank umlaufen, die zum Verweilen einlädt. Ein Trinkbrunnen, der zur Erfrischung bereitsteht, wird mit dem gleichen Regenwasser gespeist, das auch die Orchideen nährt. Das Wasser – konsumiert von Menschen wie von Pflanzen – wird zur Metapher für diese Verbindung.

Verankerung
Die Konstruktion – verankert in Keramik-Beton-Blöcken.

Orchideenpavillon im Park
Der Entwurf fügt sich harmonisch in den Park ein.

Im 27 Hektar großen Park rund um die Fundación Casa Wabi entstanden in den vergangenen Jahren schon andere bemerkenswerte Projekte: etwa der Keramikpavillon von Álvaro Siza, Pritzker-Preisträger des Jahres 1992 oder der Kompostpavillon von Solano Benítez und Gloria Cabral aus Paraguay. Jedes dieser Bauwerke ist – wie auch der Holzbau von Bernardo Quinzaños – gleichsam funktional und Ausdruck der Verschmelzung von Kunst, Architektur und lokaler Gemeinschaft. Man darf gespannt sein, welches Projekt dem Orchideenpavillon nachfolgen wird.
 

Text: Daniela Schuster
Bilder: Jaime Navarro; Rafael Gamo

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