Vermittler zwischen Mensch und Natur
Aus welchem Material wird wohl eine Bildungseinrichtung mit Umwelt-Schwerpunkt erbaut sein? Die Pelgulinna Schule in Estland besteht zu 85 Prozent aus Holz und ist ein praktisches Anschauungsbeispiel für das CO2-arme Bauen.
Zwischen der estnischen Hauptstadt Tallinn und der Ostsee liegt der Stadtbezirk Merimetsa. Der Name bedeutet wörtlich „Seewald“ und tatsächlich ist dieser Bezirk hauptsächlich von Wald bedeckt. Zwar ist er mit 13 Einwohnern nur sehr dünn besiedelt, aber als städtisches Naherholungsgebiet ist Merimetsa stets gut besucht. An der Grenze zwischen dem Siedlungsraum und dem Wald befindet sich ein markanter Holzbau, der aus drei sich überschneidenden Kuben besteht. Es handelt sich um das Pelgulinna Riigigümnaasium, ein staatliches Gymnasium mit einem Umwelt-Schwerpunkt, das seit seiner Fertigstellung 2023 zu den größten Holzbauten in Estland zählt.
Dreidimensionale Fassade
Besonders markant ist die Holzfassade, die ästhetischen Ausdruck mit einer wichtigen Funktion verbindet.
Das japanisch inspirierte Raster besteht aus überlappenden Brettschichtholz-Gittern, die eine dreidimensionale Struktur bilden. „Außenwände öffentlicher Gebäude sind oft Platten ohne Tiefe, mit Löchern in Form von Fenstern. Unser Wunsch war es, die scharfe Grenze zwischen Außen- und Innenraum zu verwischen, weshalb die Fassade mit einem fast metertiefen Holzgeflecht verkleidet ist“, sagt Architekt Ott Alver vom Tallinner Büro Arhitekt Must.
Die scharfe Grenze zwischen Außen- und Innenraum wollten wir verwischen, weshalb die Fassade mit einem fast metertiefen Holzgeflecht verkleidet ist.
Ott Alver, Architekt
Die Fassade erfüllt somit auch die Funktion des Sonnenschutzes und sorgt für die nötige Beschattung. Während das Geflecht genug Tageslicht in die Schulräume lässt und den Ausblick nicht verstellt, wird der Lichteinfall von der Seite und von oben gefiltert. Ein kreativer Brise Soleil, der zum unverkennbaren Erscheinungsbild der Schule beiträgt.
Im Dialog mit Stadt und Natur
Das räumlich verschränkte Raster der Fassade findet sich auch in der Formgebung wieder. Anstatt einen einzelnen Block zu schaffen, setzten die Architekten auf drei versetzte Bauteile, die an den Ecken in einander greifen. Sie sind in ihrer Höhe gestaffelt, um sich möglichst harmonisch in die Umgebung einzufügen. „Die Höhe des Gebäudes orientiert sich auf der einen Seite an der Bebauung des Kolde Boulevards, während sie zum Waldpark Merimetsa hin abfällt“, so Alver zu den stadtplanerischen Überlegungen.
Gebäude, Landschaft und Wald stehen in einem gegenseitigen Dialog und bilden ein zusammenhängendes Ganzes.
Arhitekt Must, Architekturbüro
Auf diese Weise vermittelt das Gebäude zwischen dem städtischen Raum auf der einen und der natürlichen Landschaft auf der anderen Seite. „Gebäude, Landschaft und Wald stehen in einem gegenseitigen Dialog und bilden ein zusammenhängendes Ganzes“, heißt es in der Projektbeschreibung.
Diese Verschmelzung passiert unter anderem auch auf materieller Ebene. Die Holzfassade mit ihrer naturbelassenen Oberfläche wird mit der Zeit ergrauen, und noch mehr in der Umgebung aufgehen.
Außenflächen als öffentlicher Raum
Während Schulgebäude oft dadurch gekennzeichnet sind, dass die Außenflächen klar vom übrigen Stadtraum getrennt sind, ist man bei der Pelgulinna Schule einen anderen Weg gegangen. „Große öffentliche Gebäude bilden meist eine scharfe räumliche Barriere um sich herum. Im Fall des Pelgulinna-Gymnasiums wird diese Barriere durch die unterschiedlich gestalteten Zwischenräume rund um die Gebäudeblöcke überwunden“, erklärt Alver. Den Architekten war es besonders wichtig, dass der Außenbereich rund um die Schule ein öffentlicher Raum ist, den alle nutzen können.
Diesem Außenraum liegt dasselbe Raster zugrunde wie der Fassade. Von oben betrachtet ergibt sich ein Muster, das an ein Spielbrett erinnert. Darauf sind abwechselnd transparente Pavillons, Rasenflächen, Sitzmöbel, Bäume, Schaukeln und Fahrradständer verteilt. Die teilweise verglasten Holzpavillons sind multifunktional. Sie können für den Unterricht im Freien ebenso verwendet werden wie als verlängerter Leseraum der Bibliothek oder als Picknickplatz.
Zu 85 Prozent aus Holz
Das Tragwerk des Gebäudes besteht zu 85 Prozent aus Brettschicht- und Brettsperrholz, und auch beim Innenausbau und an der Fassade kam der Naturbaustoff vermehrt zum Einsatz. „Die Menge an Holz ist beeindruckend. Beim Bau der Holzfassade kamen mehr als 30 km Lamellenholz zum Einsatz“, nennt Alver ein Beispiel, „und die abgehängte Kassettendecke besteht aus 30 Zentimeter starkem Brettsperrholz.“
Insgesamt bietet die Schule Platz für 1.080 Schüler und 120 Lehrer, was von der Größe her einem mittelgroßen Dorf entspricht. Wie eine natürlich gewachsene Siedlungsstruktur sollte die Bildungsanstalt ebenso ihre Straßen, Wege und Plätze haben, die zu einer spannenden räumlichen Umgebung beitragen, so Alver. Die zentrale Aula mit der eindrucksvollen Holzdecke bietet eine Landschaft an Plattformen und Sitzstufen, die einer natürlichen Topografie nachempfunden sind und alle Ebenen innerhalb der Schule miteinander verbinden.
Karge Schularchitektur mit ihren dunklen, hallenden Gängen, gehört am Pelgullina Gymnasium der Vergangenheit an. In lichtdurchfluteten Räumen, in denen das lebendige Baumaterial Holz dominiert, ist der Bezug zur Natur allgegenwärtig. Da lassen sich umweltrelevante Themen wie klimafreundliches Bauen mit Sicherheit glaubhafter vermitteln.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Tõnu Tunnel






