Pingtan Book House, Dorfbibliothek
#architektur

Ohne Nägel, mit Köpfchen

In Südchina hat Condition_Lab ein neues Paradigma für Dorfbibliotheken gesetzt. Das Pingtan Book House ehrt die Holzbau-Tradition der Dong-Minderheit und ist ein Ort, an dem Kinder lesend und spielend die Handwerkskunst ihrer Ahnen kennen lernen.

Nicht weit entfernt von den modernen Großstädten im Südwesten Chinas öffnet sich eine malerische Gegenwelt. Zwischen Reisterrassen, Bambuswäldern und Teeplantagen leben die Menschen noch wie zu Kaisers Zeiten. Tausende Touristen kommen täglich hierher, um die alten Traditionen der Dong zu erleben, eine von 56 in der Volksrepublik offiziell anerkannten ethnischen Minderheiten. Ein bis dato noch wenig frequentiertes Ziel ist das im autonomen Kreis Tongdao gelegene Dorf Pingtan. Doch das dürfte sich jetzt ändern. Nicht nur wegen der mehrstöckigen Wohnhäuser aus lokaler Zirbelkiefer und Erdulme, den heiligen Trommeltürmen als Versammlungsort der Sippen oder den pagodengedeckten Wind- und Regenbrücken, die hier seit Jahrhunderten stehen. Ein Fixpunkt der Sightseeing-Tour wird sicher auch die erst kürzlich eröffnete Bibliothek der dortigen Grundschule sein: das Pingtan Book House.

Pingtan Book House Fassade Nachts
Das Pingtan Book House: Nachts ist die Struktur des Holzbaus und die Verkleidung der Fassade besonders gut zu erkennen.

Erbaut wurde das Pingtan Book House vom Condition_Lab der Chinese University of Hongkong, einem in China gängigen Hochschul-Architekturbüro. Wie seine historischen Gebäudenachbarn kommt die Holzkonstruktion der Bibliothek gänzlich ohne Nägel oder Metallverbindungen aus. Denn die Planer ließen sich bei ihrem Entwurf von der traditionellen Holzarchitektur der Dong inspirieren. Mit ihren kunstvollen Steckverbindungen zählt sie zu den letzten Überbleibseln der uralten Kultur.

Bewahrung der Dong-DNA

Mit dem Bau der Dorfbibliothek leistet Condition_Lab einen kleinen, aber bedeutenden Beitrag zur Bewahrung der kulturellen DNA der Dong. Denn der Drang zur Modernisierung macht auch vor ihren Dörfern nicht halt. Seit Jahren kämpfen die Bewohner mit dem fortschreitenden Verlust ihrer architektonischen Tradition und Identität. Der Hauptgegner: Beton. Wo über Jahrhunderte jedes Gebäude aus einem einzigen nachhaltigen Werkstoff – heimischem Holz – erbaut wurde, machen sich inzwischen auch Komplexe aus dem fremden Material breit.

Bauprozess von Condition_Lab
Heimische Handwerker errichteten die Bibliothek.

Schulhof der Pingtan Grundschule
600 Schulkinder nutzen sie heute.

Darunter auch die Pingtan-Grundschule, die vor rund 20 Jahren errichtet wurde. Zweckmäßig, wie aus Peking befohlen, beherbergt sie über 300 Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren in fünf nüchternen Betonklötzen. Aula, Kantine, Klassenzimmer, Schlafräume und Verwaltung gruppieren sich um einen kahlen Innenhof, der zugleich als Sportplatz dient. Platz zum Staunen und für kindliche Neugier? Fehlanzeige. Doch das Pingtan Book House setzt hierzu nun einen weithin sichtbaren Gegenpol.

Lebendiges Erbe

„Als wir den Ort besuchten, zeigte uns der Direktor der Grundschule einen alten Schuppen, der früher ein Badehaus war, und sagte uns, dass wir ihn als Standort für die neue Bibliothek nutzen könnten“, erzählt Professor Peter W. Ferretto, Direktor der Fakultät für Architektur an der Universität Hongkong und Projektleiter für das Pingtan Book House. So steht heute also anstelle des Schuppens ein 180 Quadratmeter großer, dreistöckiger und turmartig anmutender Bau an der Stirnseite des langgestreckten Schulhofs. Auf den ersten Blick wirkt dessen Holzkonstruktion modern. Doch wie schon das Vorgänger-Projekt Gaobu Book House, das zehn Kilometer flussaufwärts liegt und 2018 den prestigeträchtigen World Architecture Festival Civic and Community Building Award gewann, nimmt auch das neue Gebäude in Pingtan die traditionelle Typologie der Dong-„Galan“-Häuser auf. Diese mehrstöckigen Stelzenbauten bestehen vom Grundgerüst über das Dach und die Wände bis hin zu den Verbindungselementen vollständig aus Holzbauteilen.

Bücherwand im Pingtan Book House
Die seitlichen Wände dienen als Bücherregale.

Ausblick auf Pingtan
Die Giebelseiten eröffnen Ausblicke auf den Schulhof.

Für den Bau in Pingtan arbeitete Condition_Lab eng mit lokalen Zimmerleuten zusammen. Um den Kindern die Bautraditionen ihrer Vorfahren im Alltag näherzubringen, errichteten sie das Pingtan Book House aus Tannenholz. Auf einer Grundfläche von gut sieben mal sieben Metern greifen Rundstützen und Balken ineinander. Statt mit Nägeln sind sie über Schlitze und Zapfen verbunden, die die Einheimischen „Drachenverbindungen“ nennen. Raum fürs Lesen und Spielen schafft ein unkonventionelles Raumkonzept: Im Inneren der Bibliothek gibt es keine Zimmer. Vielmehr füllt das Gebäude eine breite Treppe. Und die dient nicht allein dazu, von einer Etage in die nächste zu kommen. Vielmehr erscheint sie wie eine endlose Schleife aus Setz- und Trittstufen, die sich bis unters Dach zieht. Der Weg nach oben (oder unten) wird dabei selbst zum Ziel.

Stufen der Tradition

„Im Inneren gibt es keine Stühle, sondern die Treppe dient als Sitzgelegenheit. Auf jeder Stufe können es sich die Kinder mit einem Buch gemütlich machen und in eine andere Welt entfliehen“, sagt Ferretto. Die beiden gegenläufig angeordneten Lesetreppen winden sich im Uhrzeigersinn wie eine große Doppelhelix um die offene Mitte des Turms. Die Treppenpodeste befinden sich jeweils in den Grundrissecken, so entstehen sechs Split-Level. Die beiden traufseitigen Wände im Nordwesten und Südosten sind entlang der Podeste und Treppenläufe als Bücheregale angelegt. In den nach Südwesten und Nordosten weisenden Giebelseiten finden sich hingegen große Fenster. Zusammen mit einem Oberlicht im flach geneigten, ziegelgedeckten Satteldach lassen sie genug Licht zum Schmökern herein und bieten Ausblicke auf den Schulhof und die umgebende Landschaft mit Bergen, Reisfeldern und einem kleinen Fluss.

Erdgeschoss mit Kletterpodest
Reinklettern? Ja! Im Untergeschoss ist die Fassade offen.

Spielplatz im Pingtan Book House
Auch im Inneren lädt die Bibliothek zum Spielen ein.

Die beiden Giebelseiten sind das städtebauliche Aushängeschild des Pingtan Book House. Während die Wände, die als Bücherregale dienen, nämlich von Nachbarbauten flankiert werden, sind sie weithin sichtbar – insbesondere nachts. Denn dann wird durch die Beleuchtung im Inneren das einheitliche, tiefe Brettrahmen-Raster besonders gut sichtbar, welches die Fassade prägt. Die rechteckigen Felder von rund 80 mal 65 Zentimetern sind im Bereich der Treppenpodeste mit durchsichtigen Polycarbonatplatten geschlossen. Die übrigen Flächen sind wechselnd mit Aluminiumblechen und transluzenten Doppelstegplatten abgedeckt, die jeweils wechselweise in der Horizontalen und in der Vertikalen um 20 Grad gedreht oder geneigt sind. So ergibt sich trotz des strengen Holzrasters ein lebendiges, spielerisches Bild.

Die Welt der Bücher

Apropos spielerisch: Auf der untersten Ebene haben die Planer die Rasterfelder der Holzkonstruktion offengelassen. Auf diese Weise entstand eine Art Klettergerüst. Von einem kleinen Podest aus können die Kinder des Dorfes nun im wahrsten Wortsinn in die Welt der Bücher hineinkraxeln und die Architektur ihrer Ahnen für sich erobern. „Die Schüler haben zudem angefangen, Zeichnungen und Gemälde auf die Regale zu stellen und so die Wände in eine Art Kinderkunstgalerie zu verwandeln“, erzählt Ferretto. So erleben sie das Pingtan Book House als einen Ort, an dem ihre alte Kultur lebendig wird und sogar Spaß macht. Eine Erfahrung, die sicher dazu beitragen wird, dass sie ihr kulturelles Erbe wertschätzen und in der Folge bewahren werden.

Doppelhelix Treppe
Die Holzkonstruktion der Doppelhelixtreppe …

Sitzpodeste und Trittstufen
… kommt – wie das ganze Gebäude – ohne Nägel aus.

Aus diesem Grund ist das Pingtan Book House auch keine gewöhnliche Bücherei, „sondern ein neues Paradigma für ländliche Dorfbibliotheken in China“, ist Prof. Peter W. Ferretto überzeugt. Er erarbeitete das Projekt gemeinsam mit seinem Team vom Condition_Lab und Professor Cai Ling. Sie alle einte die tiefe Überzeugung, dass achtsame Architektur das Potenzial hat, ländliche Gemeinschaften zu vereinen und neu zu beleben. „Und mit diesem Projekt konnten wir eindrücklich zeigen, wie Design – mit Respekt für alte Traditionen – helfen kann, sich wieder mit der Geschichte und Kultur eines Ortes zu verbinden.“

Architektur mit sozialer Bedeutung

Das Pingtan Book House lieferte schon in der Entwurfsphase einen derart überzeugenden Beweis für die soziale Bedeutung von Architektur, dass sich auch die Finanzierung rasch sichern ließ: Am Ende wurde das gesamte Gebäude durch eine einzige Spende in Höhe von 600.000 HKD (rund 66.000 Euro) vom Chan Cheung Mun Chung Charitable Fund finanziert. 2022 wurde das Projekt für seine integrative Wirkung zudem als Finalist für das World Architecture Festival 2022 (Completed Buildings: School) und das World Festival of Interiors 2022 (Education) ausgewählt und mit dem DFA Design for Asia Awards Grand Award ausgezeichnet.

Wahrzeichen Pingtan Book House
Für das Dorf ist das Pingtan Book House zum leuchtenden Symbol für die Bewahrung der Dong-Tradition geworden.

Diese Auszeichnungen haben das abgelegene Pingtan auf die Landkarten der Architekturfans gerückt. Wer das Pingtan Book House besichtigen möchte, sollte allerdings trinkfest sein. Denn beim Besuch der Region muss man Schnaps trinken. So ist es Brauch bei den Dong, die sich selbst übrigens Kam nennen. Serviert wird der Trunk von den Frauen des Dorfes, die Gäste in bunt bestickten Gewändern begrüßen und mit mächtigen Kronen aus purem Silber auf dem Kopf. Einst diente das Begrüßungsritual dazu, Besucher, die Böses im Schilde führten, außer Gefecht zu setzen. Den Reisschnaps abzulehnen, würde auch heute noch als unhöflich gelten.

 

Text: Daniela Schuster
Bilder: Condition_Lab; Zhao Sai via v2com-newswire.com

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